Samstag, 16.12.2017
StartseiteKalenderblattIn Tschernobyl kommt es zum Super-GAU26.04.2016

Vor 30 JahrenIn Tschernobyl kommt es zum Super-GAU

Es war die bislang schwerste Katastrophe in der zivilen Kernenergienutzung: die Reaktorhavarie von Tschernobyl. Vor 30 Jahren explodierte Block 4 im damaligen Wladimir-Iljitsch-Lenin-Kernkraftwerk. Über Tage hinweg brannte der Reaktorkern, setzte ungeheure Mengen an radioaktivem Material frei. Bis heute sind die Folgen des damaligen Super-GAUs spürbar.

Von Dagmar Röhrlich

Das verlassene Dorf Krasnoselje in der evakuierten 30-Kilometer-Zone rund um das Atomkraftwerk Tschernobyl, auf weißrussischer Seite, Ausgangsort Hoiniki (Nicole Scherschun / Leila Knüppel)
Einige Tage nach dem Unglück mussten die Bewohner in der 30-Kilometer-Zone rund um den Tschernobyl-Reaktor ihre Häuser verlassen. Dass es für immer war, ahnte kaum einer. (Nicole Scherschun / Leila Knüppel)
Mehr zum Thema

30 Jahre Reaktorunglück in Tschernobyl "Die Ukrainer haben die Liquidatoren einfach vergessen"

30 Jahre nach Tschernobyl Weißrussland hat keine Angst vor Atomkraft

30 Jahre nach Tschernobyl Ukraine plant neues Kernkraftwerk

Dossier: 30 Jahre Tschernobyl

26. April 1986, 1.23 Uhr. Im Block 4 des Kernkraftwerks von Tschernobyl beginnt ein Experiment. Es soll die Sicherheitseigenschaften des Reaktors beweisen. Sekunden später sprengen Explosionen die mehr als 1.000 Tonnen schwere Abdeckplatte des Reaktorkerns weg, zerfetzen das Gebäude wie Papier.

Grafit brennt, Brennelemente schmelzen. Was verdampft, reißt der heiße Luftstrom hoch - und der Wind verbreitet radioaktive Wolken über Europa. Einen Tag später, am 27. April, werden die Bewohner des nahen Pripjat evakuiert, der Stadt, die für das Kernkraftwerk erbaut worden ist. Noch bleibt die Havarie geheim.

Am 28. April geht im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark ein automatischer Alarm los: erhöhte Radioaktivität! Die Belegschaft wird evakuiert - doch alles ist in Ordnung. Aufgrund der Windrichtung ist schnell klar, was passiert sein muss.

"Guten Abend, meine Damen und Herren, in dem sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl ist es offenbar zu dem gefürchteten GAU gekommen, dem größten anzunehmendem Unfall."

Notmaßnahmen auf Hochtouren

Währenddessen laufen in Tschernobyl die Notmaßnahmen auf Hochtouren. Soldaten werfen vom Hubschrauber aus Säcke voll Sand, Lehm, Borcarbid, Dolomit und Blei in die Ruine, um den Brand zu ersticken und den radioaktiven "Strom" einzudämmen. Das gelingt ihnen erst nach zehn Tagen.

"Zu dieser Zeit war ich Journalistin bei einer Tageszeitung, der 'Sowjet Shitomirkska', in der Stadt Shitomir, 150 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Niemand wusste, was los war.”

Nur, dass plötzlich Flüchtlinge durch ihre Stadt liefen, erinnert sich Alla Yaroshinskaya, Trägerin des Alternativen Nobelpreises.

"Drei Tage nach der Explosion gab Moskau eine sehr kurze Erklärung heraus: Im vierten Reaktor habe es ein technisches Problem gegeben, nichts Großes, wir sollten uns nicht aufregen."

Warnungen im Westen, Schweigen im Osten

Die Menschen feierten den 1. Mai, als wäre nichts geschehen. Während Alla Yaroshinskaya heimlich die Lage erkundete, warnten die Behörden in Westeuropa die Bevölkerung vor Freilandgemüse und schlossen Kinderspielplätze. In der Sowjetunion warnte niemand. Schlimmer noch:

"In den kontaminierten Zonen haben mir Krankenschwestern Schreckliches erzählt. Sie hatten die Strahlungsdosis der Kinder gemessen und die hohen Werte in Karten eingetragen.

Ihr Vorgesetzter zwang sie, neue Karten mit sehr viel niedrigeren Werten auszufüllen. Die Schwestern weinten, als sie das erzählten.”

Bis 2011 sind mehr als 6.000 Menschen wegen Tschernobyl an Schilddrüsenkrebs erkrankt. Diese Folge der Havarie ist unstrittig. Auch, dass 50 Menschen an akuter Strahlenkrankheit starben. Bei den anderen Langzeitfolgen gehen jedoch die Meinungen weit auseinander. Es kursieren Schätzungen von weniger als 10.000 bis mehr als 1,7 Millionen Krebstoten. 2011 prognostizierte das UN-Wissenschaftskomitee UNSCEAR, dass es insgesamt 9.000 Todesfälle durch die Strahlung geben sollte.

Das graue Monstrum hinter der hohen Wand

Ein Ortsbesuch am Sarkophag. Inzwischen verschwindet das graue Monstrum hinter einer hohen Wand. Der Grund: Strahlenschutz für die Arbeiter auf dem Nachbargelände. Dort wird mit internationaler Hilfe der "Neue Sichere Einschluss" errichtet: Ein silbern glänzender Hightech-Bogen, so hoch, dass die Freiheitsstatue darunter Platz fände. Bald wird er über den alten Sarkophag geschoben werden. Denn der ist 1986 eilig und unter Lebensgefahr aller Beteiligten errichtet worden und baufällig.

Vorher sind wir nicht sicher, urteilt Vince Novak von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Sie verwaltet den Fonds, der den "Neuen Sicheren Einschluss" finanziert.

"Dabei besteht durchaus das Risiko, dass der alte Sarkophag irgendwann zusammenbricht. Dann würden zumindest die Tonnen an radioaktivem Staub, die in ihm stecken, freigesetzt.”

Den Staub trüge der Wind davon - auch in andere Staaten hinein. Doch die neue Hülle erkauft nur Zeit, sie ist keine Lösung: Uran und Plutonium sind sehr viel beständiger als jedes menschliche Bauwerk. Das Problem: Block 4 soll unter dem "Neuen Sicheren Einschluss" gesichert und zurückgebaut werden - doch dafür fehlt der Ukraine das Geld.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk