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StartseiteKalenderblattDer Friedensnobelpreisträger und Pazifist Norman Angell 07.10.2017

Vor 50 Jahren gestorbenDer Friedensnobelpreisträger und Pazifist Norman Angell

In seiner pazifistischen Streitschrift "The Great Illusion" hatte der Publizist Norman Angell schon 1910, wenige Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die Grundlagen einer friedlichen Globalisierung umrissen. 1933 wurde er mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Heute vor 50 Jahren starb Norman Angell.

Von Jochen Stöckmann

Der englische Publizist und Labour-Abgeordnete Sir Ralph Norman Angell (1872 - 1967). Er auch mit Mitarbeiter des Völkerbundes und wurde 1933 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeicnet.  (imago/United Archives)
Der englische Publizist und Labour-Abgeordnete Sir Ralph Norman Angell (imago/United Archives)
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"Politische Urteile werden von Gefühlen diktiert, guten wie bösen. Das Böse aber wird über den guten Willen siegen, solange wir nicht anerkennen, dass diese irrationalen Kräfte in uns sind und dass wir sie beherrschen müssen – mit Denken und Vernunft."

Mit kühlem Kopf für den Frieden streiten - darin sah Norman Angell die Aufgabe seines Lebens. 1903 hatte der englische Publizist sein erstes Buch veröffentlicht: "Argumente für den Verstand in der Politik". 1910 folgte dann "The Great Illusion", die große Illusion. Darin erklärte Angell, dass Kriege sich einfach nicht mehr lohnen, weil sie im Zeitalter globaler Vernetzung den Volkswirtschaften enormen Schaden zufügen würden. Die schlichte ökonomische Modellrechnung überzeugte, das Buch wurde zum Bestseller. Insgesamt 15 fremdsprachige Ausgaben von "The Great Illusion" waren binnen Jahresfrist auf dem Markt.

Ralph Norman Angell-Lane, 1873 geboren, war in Frankreich zur Schule gegangen, hatte in London Wirtschaft studiert und in den USA als Farmer und Lehrer gearbeitet, mit Zeitungen oder Erfindungen wie einem Vorläufer des "Monopoly"-Spiels Geschäfte gemacht. Er hatte ganz eigene Erfahrungen mit einer zunehmend verflochtenen Weltwirtschaft - die er durch den in Europa heraufziehenden "Großen Krieg" bedroht sah. Angell warnte davor, dass jeder militärische "Sieger" ökonomisch scheitern, also ebenfalls als Verlierer enden werde.

"Wer den kleinen, untersetzten, scharf blickenden und mit der ruhigen und unerschütterlichen Dialektik des gebildeten Engländers begabten Mann hat argumentieren hören, der gewinnt die Überzeugung, dass es gelingen wird, eine Bewegung hervorzurufen."

Hermann Levy, ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, stimmte Angells Argumenten zu – und erkannte die enorme öffentliche Wirkung: Nicht nur in England entstanden Hunderte von Angell-Gesellschaften und Angell-Klubs. Der "Norman-Angellismus" verdammte den Krieg nicht von einem moralischen Standpunkt aus, sondern schaltete sich mit rationalen Argumenten in die politische Debatte ein.

1913 veröffentlichte Angell einen "Offenen Brief an die deutsche Studentenschaft", als Diskussionsgrundlage für Vorträge an den bedeutendsten Universitäten. Bei Reden Angells in Göttingen, Freiburg oder Berlin kam es zu Krawallen, ausgelöst von nationalistischen Burschenschaften. Die politische Linke reagierte mit verhaltener Ironie auf Angells Zusammenfassung seiner pazifistischen Thesen.

"Für uns ist das Schriftchen hauptsächlich deshalb interessant, weil es uns die Illusionen zeigt, in denen selbst die realistischsten unter den bürgerlichen Friedensfreunden leben."

Angells Illusion, so kritisierte die sozialistische "Neue Zeit", war das Ausblenden der imperialistischen Konkurrenz zwischen England, Frankreich und Deutschland. Nach dem Ausbruch des von ihm für äußerst unwahrscheinlich gehaltenen Ersten Weltkriegs änderte der Friedenskämpfer seine Politik. Norman Angell trat 1919 der Labour Party bei, arbeitete für den Völkerbund und als außenpolitischer Berater - der im Kampf gegen den Faschismus auch zum Einsatz militärischer Gewalt aufrief.

Anerkennung für seine publizistischen Feldzüge gegen Kriegshetze und Militarismus fand der unkonventionelle Pazifist, als ihm der Friedensnobelpreis für das Jahr 1933 zuerkannt wurde:

"Die Preisverleihung ging mir umso mehr zu Herzen, als ich Jahre zuvor noch so sehr in der Wüste gestanden hatte: für viele eine Witzfigur, für einige andere ein gefährlicher subversiver Revolutionär."

Tatsächlich aber hat Norman Angell, der am 7. Oktober 1967 im Alter von 93 Jahren starb, zeitlebens seine ganz eigene, unabhängige Position eines rationalen Pazifismus vertreten. Auch im Kalten Krieg, in der Ära nuklearer Abschreckung:

"Die alte Frage, wie irrationale Gefühle durch Denken und Vernunft bezwungen werden, stellt sich erneut angesichts der Atombombe. Andernfalls wird unsere Zivilisation ausgelöscht."

Das war, nach zwei Weltkriegen, Norman Angells Aufruf zur pazifistischen Vernunft - ungebrochen und überzeugend wie je.

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