Seit 23:10 Uhr Das war der Tag

Freitag, 23.02.2018
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteEuropa heuteImmer mehr Schusswaffenopfer09.02.2018

Waffenboom in der TürkeiImmer mehr Schusswaffenopfer

Die Menschen in der Türkei rüsten auf, immer mehr Privatleute greifen zur Waffe. Ob durch Käufe im Landen oder per Onlinebestellung: Zwei Millionen scharfe Waffen sollen allein im letzten Jahr hinzugekommen sein. In jedem dritten Haushalt gibt es mittlerweile ein Gewehr, eine Pistole oder ähnliches.

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Anschein-, Schreckschuss- und Gaswaffen (imago / Christian Ohde)
Anschein-, Schreckschuss- und Gaswaffen (imago / Christian Ohde)
Mehr zum Thema

Standortbestimmung Türkei Zwischen Ost und West, Asien und Europa

Kampf gegen Kurdenmiliz YPG "Türkei führt Angriffskrieg auf syrischem Territorium"

Nihat Palantöken findet den Tatort schnell wieder. Einschusslöcher in einer Blechwand weisen den Weg. Spuren wie in einer Kriegszone. Immer wieder feuerte der Täter im Oktober vergangenen Jahres mit einem halbautomatischen Gewehr auf Palantökens Tochter Helin.

Die 17-Jährige war auf dem Nachhauseweg von ihrer Schule in Istanbul. Ihr Mörder war ein Bekannter, dem sie zuvor eine Abfuhr erteilt hatte. Daraufhin besorgte der sich auf dem Schwarzmarkt das Gewehr und wartete nach Schulschluss auf das Mädchen. Der Täter wurde gefasst, der Verkäufer der illegalen Waffe dagegen wieder freigelassen. Nihat Palantöken schüttelt den Kopf:

"Man bestellt die Waffe im Internet und sie wird bis zur Tür geliefert"

"Morgen kann auch mich eine Kugel aus dem Lauf einer Waffe treffen, oder jemand anderen, wenn das so weitergeht. Das muss aufhören. Ich will nicht, dass andere durchleben muss, was ich durchlebt habe. Ich habe mein Kind verloren. Das reicht."

Als Helins Schulkameraden den Vater erblicken, kommen Sie auf ihn zu und kondolieren stumm. Der Mord hat die Jugendlichen schockiert, aber nicht sonderlich überrascht. An eine scharfe Waffe zu gelangen, sei in der Türkei heutzutage kein Problem: "Das ist sehr einfach. Man bestellt die Waffe im Internet und sie wird bis zur Tür geliefert. Eigentlich unglaublich."

Regierung rief indirekt dazu auf, sich zu bewaffnen

Der Internethandel mit Waffen blüht, auch wenn er offiziell verboten ist. Allein im vergangenen Jahr kamen zwei Millionen private Waffen dazu. Nach dem Putschversuch 2016 hatte die Regierung ihre Anhänger indirekt ermutigt, sich gegen "Staatsfeinde" zu bewaffnen.

Eine landesweite Kampagne gegen die private Bewaffnung von Bürgerinitiativen und einer Tageszeitung versucht, dagegen zu halten. Auch der Istanbuler Arzt Ayhan Akcan setzt sich seit vielen Jahren gegen den Waffenwahn ein:

Erwerb von Waffenlizenz erleichtert, Strafen für illegalen Besitz gering

"Das Problem ist, dass der Erwerb einer Waffenlizenz erleichtert worden ist. Führungszeugnis und ärztliches Attest reichen. Hinzu kommt, dass in den vergangenen zehn Jahren Kriminalität und politische Unsicherheit gestiegen sind. Und schließlich wirkt sich begünstigend aus, dass die Strafen für illegalen Besitz von Schusswaffen denkbar gering sind."

Fatih Yandim dagegen findet die türkischen Waffengesetze immer noch zu streng. Fatih Yandim führt ein Waffengeschäft auf dem europäischen Bosporusufer der Stadt. An den Wänden hängen Jagdgewehre, in den Vitrinen liegen Schreckschusspistolen. Scharfe Waffen habe er nicht im Laden, sagt der Jungunternehmer mit Dreitagebart, die bewahre er woanders auf. Ein Verbot von Schusswaffen verhindere keine Todesopfer, meint er, besser sei es, sie alle zu legalisieren.

"Man sollte es einfacher machen, legal eine Waffe zu erwerben. Dann wäre die Bewaffnung der Bevölkerung unter der Kontrolle des Staates und die Zahl der Todesopfer würde abnehmen. Denn die Täter müssten damit rechnen, schnell gefasst zu werden, weil ihre Waffen ja alle registriert wären."

Fatih Yandim führt auch auf dem Videoportal youtube regelmäßig scharfe Pistolen und Gewehre vor. Verbotene Werbung sei das nicht, sagt er. Er wende sich bloß an Waffenliebhaber.

"Ich fordere, dass wenigstens die vielen illegalen Waffen eingesammelt werden"

Das Zimmer seiner Tochter Helin hat Nihat Palantöken seit ihrem Tod vor vier Monaten nur selten betreten. Schreibtisch, Bett und Spiegeltisch, alles steht noch da. Wiederholt hat der verzweifelte Vater seitdem an die Verantwortlichen in Behörden und Regierung appelliert, die Waffengesetze zu verschärfen.

"Ich fordere, dass wenigstens die vielen illegalen Waffen eingesammelt werden. Das würde viele Menschenleben retten. Denn diese Waffen sind meistens in der Hand von Menschen mit krankhafter Mentalität und geringer Bildung."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk