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StartseiteCorso"Medium der Jetztzeit"10.07.2017

Wandel in der Plakatkunst "Medium der Jetztzeit"

Werbung, Ankündigung, Wahlkampf - Plakate mit guten Motiven werden auch in Zukunft gebraucht, sagt Grafikdesigner Stefan Guzy im Dlf. Er ist Teil der Jury, die die 100 besten Plakate des Jahres kürt und erklärt: Selbst Exemplare, die für Außenstehende nicht verständlich sind, können gut funktionieren.

Stefan Guzy im Corsogespräch mit Sören Brinkmann

Blick in die Ausstellung "100 beste Plakate 16" in der zentralen Eingangshalle des Kulturforums Matthäikirchplatz in Berlin. (dpa/Manfred Krause)
Die prämierten 100 Plakate des vergangenen Jahres werden in diversen Ausstellungen gezeigt - darunter Exemplare aus dem Werbe- und Kulturbereich. (dpa/Manfred Krause)
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100 beste Plakate 16 - Homepage zum Wettbewerb 

Sören Brinkmann: Wir reden ein bisschen über Werbung hier im werbefreien Deutschlandfunk, denn, na ja, meistens wird ja auf irgendetwas hingewiesen, irgendetwas beworben, wenn man sich Plakate anguckt. Große und kleine Veranstaltungen, Konzerte, ein neuer Film, ein neues Musikalbum oder auch Autos und Einbauküchen. Wir begegnen Plakaten ständig im öffentlichen Raum, halb abgerissen an einer Bretterwand oder großformatig auf Werbetafeln, und seit einigen Jahren wählt eine Jury immer die besten Plakate eines Jahres aus. Aktuell "100 beste Plakate 16". Stefan Guzy ist einer von denen, die in der Jury mitentschieden haben. Guten Tag, Herr Guzy!

Stefan Guzy: Schönen guten Tag!

Brinkmann: Sind Sie genervt, wenn Sie zerrissene Plakate sehen an einem Tag wie diesem, vielleicht gerade auch noch vom Regen durchnässt?

Guzy: Nein. Also ein Plakat ist ja ein Medium für eine kurze Zeit. Insofern ist es völlig natürlich, wenn ein Plakat auch mal kaputtgeht. Ein Plakat ist auch immer eigentlich ein Medium der Jetztzeit. Das kann man beim Grafikdesign sehr gut ablesen, dass ein Plakat sehr direkt die aktuellen Strömungen im Grafikdesign widerspiegelt, weil es eben sehr schnell ist und sehr kurzlebig auch.

"Ein Plakat soll zum Stehenbleiben ermutigen"

Brinkmann: Was ist denn die Bedeutung eines Plakats? Sie haben eben schon gesagt, es ist eben sehr - immer nur kurz da, weil es ja meistens auf etwas hinweist, etwas bewirbt.

Guzy: Also generell hat sich das Plakat in der Funktion nicht verändert. Also ein Plakat annonciert, weist auf etwas hin, soll zum Stehenbleiben ermutigen, soll Kopfkino produzieren, dass, wenn ich drauf gucke, ich was sehe, was fühle. Das ist prinzipiell immer das Gleiche, und das ist auch, was es für Gestalter sehr reizvoll macht, weil man alles, was man erzielen will, mit dieser begrenzten Fläche erzählen muss. Also man kann nicht wie in einem Buch eine Narration aufbauen über eine gewisse Anzahl von Seiten oder bei einem Film. Das heißt, es muss direkt und sofort funktionieren. Das macht es spannend für den Gestalter und eben auch spannend für den Konsumenten, der sich das anguckt.

Brinkmann: Sofort zack ins Auge gehen sozusagen, auch im Vorbeigehen. Sie zeigen jetzt in einer Ausstellung, die gerade in Essen Station macht, die prämierten 100 Plakate des vergangenen Jahres. Als ich mir das angeschaut habe ein bisschen, da habe ich mich gefragt, passen denn Plakate in eine Ausstellung, wo sie so genau und intensiv angeguckt werden, weil sie ja eben ansonsten wirklich eher im Alltag im Vorbeigehen angeguckt werden?

Guzy: Also man muss dazu sagen, dass wenn man die Ausstellung nicht kennt, dass es einen großen Unterschied gibt natürlich zwischen dem Werbeplakat, was in der Öffentlichkeit sehr sichtbar ist, von denen es sehr wenige in dieser Auswahl gibt, was auch daran liegt, dass sehr wenige eben zu diesem Wettbewerb eingereicht werden aus dem Werbebereich, und zum anderen zwischen einem Kulturplakat, was sehr oft auch für kleinere Bühnen entsteht, für kleinere Bands, die grafisch deutlich anspruchsvoller sind und die einen Großteil dieser Plakate in der Ausstellung ausmachen.

Das heißt, der Bürger, der sich damit noch nicht so auseinandergesetzt hat, wird überrascht sein, wie viele von den Plakaten, die er dort sieht, eigentlich man nicht auf einer Straße erwarten würde. Es macht Spaß natürlich, ein Plakat, was man nur ganz kurz gesehen hat, intensiver zu studieren und zu überlegen, wieso gefällt mir das jetzt eigentlich, also was löst das bei mir aus? Insofern ist es für einen Plakatgestalter insbesondere sehr reizvoll, sich wirklich mit den Plakaten von den Kolleginnen und Kollegen auseinanderzusetzen.

Genauer hinschauen lohnt sich 

Brinkmann: Und die Frage, warum bin ich da hängengeblieben oder stehengeblieben und habe draufgeschaut?

Guzy: Ganz genau. Also wir haben auch in der Jury über Plakate diskutiert, wo keiner so richtig erklären konnte, wieso das jetzt gut ist, aber es auf irgendeine Art und Weise einfach fasziniert, und wenn man sich dann wirklich eine Viertelstunde drüber unterhält, dann muss es auch irgendwie ein gutes Plakat gewesen sein. Insofern …

Brinkmann: Wenn man sich anguckt, was es da eben in diese Auswahl der 100 Besten geschafft hat, da ist zum Beispiel eins, da ist einfach eine Eins, eine Zwei und eine Drei wie an einer Tafel etwas kritzelig daraufgemalt. Warum ist eines der 100 besten Plakate?

Guzy: Der Grund ist eigentlich eine Informationsfläche, die Sie wahrscheinlich auch gar nicht gesehen haben, und zwar liegt im Hintergrund fast unlesbar noch ein dunkelgrauer Text, der die Veranstaltung erklärt. Das ist ein Technoklub, glaube ich, in - Stadt vergessen - aber kleinere Stadt, kleinerer Klub, und das ist insofern spannend, weil der Plakatgestalter hat dort was ausprobiert, nämlich wie weit kann ich Information zurücknehmen, dass es trotzdem noch ein Plakat ist?

Rein formell ist ein Plakat, wo einfach nur drei Zahlen draufstehen, natürlich erst mal kein Veranstaltungsplakat - ich sehe ja nix - aber wenn ich dann angesprochen werde, stehenbleibe, näher schaue und dann so gerade noch entziffern kann, was damit gemeint ist, dann hat das Plakat ja seine Wirkung erreicht, weil ich mich damit auseinandersetzen muss. Das ist nicht vergleichbar mit einem Opernplakat oder einem Theaterplakat, also …

Manche Plakate richten sich nur an eine kleine Zielgruppe 

Brinkmann: Entschuldigung, aber so ähnlich ist es zum Beispiel bei einem anderen Plakat auch. Da ist ein orange leuchtender Goldfisch zu sehen in einer kleinen Wasser-PET-Flasche, und im Hintergrund grau ist dann auch wirklich im Hintergrund nur das zu lesen, worum es eigentlich geht. Geht das so ein bisschen in die Richtung, dass man erst mal die Aufmerksamkeit auf sich ziehen muss, und dann beim genauen Hingucken kann dann der Betrachter sehen, worum es geht?

Guzy: Genau, weil das Plakat hat sich, wenn man sich die Geschichte anguckt, durchaus schon stärker verändert. Also die ganz alten großen Plakate - Toulouse-Lautrec - große Lithografien, sehr aufwendig zu produzieren, die haben sich natürlich an eine sehr kleine Zielgruppe gerichtet, an ein bürgerliches Publikum und haben für Theater, Kabarett und so weiter geworben. Heutzutage ist der Empfängerkreis für Plakate oder für Kulturplakate ja viel größer. Das heißt, ich kann halt die 50 Leute, die auf eine besondere Musikrichtung stehen, in einer kleinen Stadt auch direkt adressieren, und die kriegen dann halt genau die Kommunikation, die für sie notwendig ist.

Also man versucht natürlich den Streuverlust so gering wie möglich zu halten, und das produziert dann Plakate, die so speziell sind, dass man als Außenstehender drauf guckt und sagt, ich verstehe es überhaupt nicht, was es aber nicht zu einem schlechten Plakat macht. Also wenn die 50 Leute, die es adressiert, auch wirklich zur Veranstaltung gehen, dann hat das Plakat seine Aufgabe erfüllt.

"In zehn Jahren werden keine Großflächen mehr plakatiert"

Brinkmann: Da geht es um Aufmerksamkeit. Gerade wenn man sich aber da anschaut, in welcher Konkurrenz Plakate inzwischen stehen in sozialen Netzwerken oder auch - dann sieht man immer häufiger diese großen Videobildschirme an den großen Ausfallstraßen in deutschen Städten. Da sind ja gar keine Plakatmotive mehr drauf, da sind dann Filmclips und Animationen, alles ist bewegt. Hat das Plakat da überhaupt eine Chance?

Guzy: Also in der Tat würde ich auch sagen, dass vermutlich in zehn Jahren man keine Großflächen mehr plakatieren wird. Dafür ist es einfach viel zu aufwendig, das auf Papier zu drucken, das aufzukleben und dann nach einer Woche wieder zu überkleben. Da wird die Technologie so weit sein, dass es einfach bespielte Bildschirme sind. Das ist an sich auch nicht unproblematisch. Wenn man sich das als Plakatgestalter vorstellt, dann wären wir ja theoretisch in der Lage, ein Plakat zu machen, was nachts eine andere Aussage hat als tagsüber - oder wenn es stark regnet, so wie jetzt gerade in Berlin, für andere Dinge wirbt als bei Sonnenschein.

Also an sich ist das ja eine Verbesserung der Möglichkeiten, eine direktere Adressierung, erlaubt ein sehr großes Betätigungsfeld, vielleicht sogar auch eine größere Demokratisierung, weil es gibt ja das Problem, dass die attraktivsten Flächen natürlich nicht für Kulturinstitutionen genutzt werden können, weil sie einfach viel zu teuer sind und nur große Markenkommunikation betreiben, wenn es möglicher ist, viel genauer die Zeiten anzusteuern, dann kriegt vielleicht auch ein kleines Theater nachts zwischen zwei und drei eine Plakatfläche mal zugewiesen. Also ich finde das generell eine gute Entwicklung, eine fairere Entwicklung. Ich halte das nicht für ein großes Problem. Man wird weiterhin Plakate brauchen. Die funktionieren ja auch in Zukunft, und man wird weiter auch Plakatgestalter brauchen, die diese Motive auch stellen.

Brinkmann: Sagt Stefan Guzy, der selbst Plakatgestalter ist und gerade in einer Jury die 100 besten Plakate des vergangenen Jahres ausgewählt hat. Die sind jetzt zu sehen in einer Ausstellung, die gerade in Essen Station macht. Danach wird sie noch in Nürnberg zu sehen sein und dann auch noch in Österreich und in der Schweiz, denn es geht um Plakat aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Herr Guzy, ganz herzlichen Dank für das Gespräch hier bei "Corso"!

Guzy: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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