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StartseiteBüchermarktScharf gezeichnete Szenen30.11.2015

Werkausgabe Christian GeisslerScharf gezeichnete Szenen

Christian Geissler provozierte mit seinen analytischen Fernsehfilmen nach dem Zweiten Weltkrieg die Öffentlichkeit. Aber er beleuchtete die BRD auf ungewohnte Weise. Er war eine schillernde Randfigur, die man in ihrer ästhetischen Eigenart erst heute richtig würdigen kann. Dies zeigt der zweite Teil der Werkausgabe.

Von Helmut Böttiger

Dem deutschen Schriftsteller Christian Geissler (M.), hier im Jahr 1981 bei der Besetzung der "Spiegel"-Cafeteria in Hamburg. widmet der Verbrecher-Verlag eine Werkschau (picture alliance / dpa)
Der deutsche Schriftsteller Christian Geissler (picture alliance / dpa)

Der Verbrecher-Verlag lässt nicht locker. In der verdienstvollen Neuausgabe der Werke Christian Geisslers, von der bereits ein Band vorliegt, gibt es jetzt zwei frühe Texte, die thematisch und von den Entstehungsbedingungen her eng zusammengehören: Das Fernsehspiel "Schlachtvieh" ist ursprünglich 1963 ausgestrahlt worden und auch als Buch erschienen. Die Erzählung "Kalte Zeiten" folgte 1965 und ist eine Fortschreibung eines Fernsehspiels namens "Wilhelmsburger Freitag".

Mit diesen beiden Texten kann man so etwas wie Medienarchäologie unternehmen: Es handelte sich um die Frühzeit des bundesdeutschen Fernsehens, das gerade dabei war, den Rundfunk als tonangebendes Medium abzulösen. Geisslers Arbeiten loteten damals aus, was an Aufklärung möglich war, an Interpretation des offiziell proklamierten Kulturauftrags für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Jenseits ihres formalen Raffinements sind sie deshalb auch spannende kultur- und mediengeschichtliche Dokumente.

Christian Geissler, ein linker und radikaler Einzelgänger im bundesdeutschen Literaturbetrieb, ist im Jahre 2008 im Alter von 79 Jahren gestorben. 1960 debütierte er mit dem Roman "Anfrage", der eine heftige Diskussion auslöste und auch die Grundlage für seine Fernsehspiele war: Der neuberufene Abteilungsleiter Fernsehspiel beim NDR, Egon Monk, machte Geissler sofort das Angebot, den Roman "Anfrage" für das neue Medium zu bearbeiten und gab ihm in den folgenden Jahren weitere Aufträge.

"Anfrage" hatte Monk elektrisiert, der seine ästhetischen und politischen Vorstellungen bei Bertolt Brechts "Berliner Ensemble" geschärft hatte. Und Geisslers für den NDR konzipiertes Original-Fernsehspiel "Schlachtvieh" knüpft da an, wo "Anfrage" geendet hatte: Es geht um die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit in der frühen Bundesrepublik.

Knappe, scharf gezeichnete Szenen

Es sind knappe, sehr scharf gezeichnete Szenen, die "Schlachtvieh" zu einem für die damaligen Verhältnisse unerhörten und provokanten Stück machten. Die Vorgaben Brechts gegen Einfühlung und für klare, analytische Vorgehensweisen sind hier konsequent umgesetzt. Dabei hat das Ganze eine parabelhafte Wirkung und zieht gerade aus den Assoziationsmöglichkeiten, aus der nicht realistisch aufzulösenden Personenkonstellation seine Kraft.

Mehrere Figuren befinden sich im hinteren Teil eines Schnellzugs. Plötzlich entdecken sie, dass sie von der Außenwelt abgeschlossen sind: Die Türen sind verriegelt, die Fenster lassen sich nicht öffnen und es gibt plötzlich über die Lautsprecher rätselhafte Durchsagen. Da wird eine "Aktion Friedenskrieg" ausgerufen, verknüpft mit militärischen Anweisungen wie "Schlagbolzenfederlänge nachprüfen durch Anschießen" und anderen erratischen Worthülsen.

Ein Eisenbahnwagen als mit einem Mal unheimlich erscheinendes Transportmittel: Das ruft die im Unbewussten gespeicherten Szenen aus Auschwitz wach, die Massentransporte in Viehwaggons. Es knüpft damit an Günter Eichs berühmtes und als Skandal wahrgenommenes Hörspiel "Träume" ein Jahrzehnt zuvor an, das ebenfalls mit dem Albtraumbild einer Eisenbahnfahrt beginnt, in dem die Insassen einer unbekannten Zukunft ausgeliefert sind. Geissler akzentuiert dabei aber auch die aktuelle bundesdeutsche Gegenwart: Das Untertanenbewusstsein, das alles mit sich machen lässt, das Abwiegeln, das Sich-Einrichten – vor allem der Pfarrer Hartmann erweist sich als ein virtuoser Beschwichtiger und Einluller. Der Schaffner sagt vorgestanzte Sätze, dass alles seine Ordnung habe, und wirkt allein durch seine Uniform.

Mit von der Partie sind ein Oberfähnrich, ein Journalist, ein charakteristisch vertrotteltes adeliges Ehepaar namens von Aasenstein, ein Toningenieur sowie der Betriebspsychologe Huber, der anfangs gleich mit dem namenlosen Schreibabteilmädchen zu flirten versucht. Neben dieser Sekretärin, die für eventuelle Geschäftskorrespondenzen zur Verfügung steht, lockert auch ein Barmädchen die Gruppe auf. Und Geissler gelingt es mit wenigen Strichen, die verkrusteten Strukturen der Gesellschaft aufzubrechen, atmosphärische Bilder von Doppelmoral und Verklemmtheiten zu schaffen.

Kommentarlos wird am Anfang und Ende des Fernsehspiels eine Rindviehweide eingeblendet, mit der Regieanweisung: "fettes Gras, manierliche Kühe: Milchschokoladen-Niveau". Zum Schluss wird klar, dass es sich um das titelgebende "Schlachtvieh" handelt und mit der im Waggon reisenden menschlichen Spezies gleichgesetzt wird.

Eindringliche Symbolik, zugespitzte Dialoge

Geisslers Drehbuch fällt neben dieser eindringlichen Symbolik und den zuspitzten Dialogen auch dadurch auf, dass es konsequent auf eine eigene Fernsehästhetik setzt und sich von den in diesem Medium damals noch herrschenden Theater- und Hörspielkonventionen radikal unterscheidet. Da es zur Hauptsendezeit nach der Tagesschau ausgestrahlt wurde, waren die Publikumsreaktionen meist äußerst aggressiv. Forderungen nach Zensur wurden laut.

Egon Monk fühlte sich durch die ästhetische Qualität von Geisslers Skript jedoch bestätigt. Mitte der 60er-Jahre herrschte in der Fernsehredaktion des NDR Aufbruchstimmung. Und Geissler erhielt neue Stückaufträge. Eines der nächsten Fernsehspiele schrieb er dann auch zu einer Prosaerzählung um, die in Buchform unter dem Titel "Kalte Zeiten" erschien. Die Provokation war das Milieu, in dem die Handlung angesiedelt war: ein Arbeiterehepaar im proletarischen Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Freitags gibt es Lohn und der junge Bauarbeiter Jan Ahlers, der auch in späteren Romanen Geisslers wieder auftauchen wird, sehnt sich nach einem größeren Auto und macht Sonderschichten. Seine Frau Renate geht derweil durch die Einkaufsstraßen und sondiert die Angebote.

Dass das Paar sich in Konsumwünschen verheddert und dabei das Gefühl für ein mögliches Glück verliert, wird karg und nüchtern konstatiert. Geissler führt in dieser Prosa Techniken ein, die er in seinen späteren Romanen ausfeilen wird: Er lehnt sich an die Sprache des Films an, mit verschiedenen Ebenen und Perspektivwechseln, lässt innere Monologe und eine distanzierte Erzählerstimme aufeinanderprallen und baut kollagehaft Slogans aus der Werbung und mündlichen Jargon mit ein.

Mit dieser Erzählung steht Geissler am Anfang einer Entwicklung, in der Arbeiter überhaupt als literarisches Sujet denkbar wurden. Der Linkskatholik engagierte sich bei der "Gruppe 61" die als proletarisches Gegenstück zur dominanten "Gruppe 47" gegründet wurde, und später beim "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt".

Man kann ihn als Wegbereiter für Autoren wie Günter Wallraff oder Erika Runge sehen, aber einzigartig bleibt er in seiner Verbindung von Politik und Ästhetik: Vom spießigen Realismusbegriff normierender Sozialisten setzte er sich programmatisch ab.

Christian Geissler ist ein Autor, der die Geschichte der Bundesrepublik auf ungewohnte Weise beleuchtet, eine schillernde Randfigur, die man in ihrer ästhetischen Eigenart vielleicht erst heute richtig würdigen kann. Das Nachwort von Michael Töteberg gibt in dieser Ausgabe zusätzlich erhellende Einblicke in die Mediengeschichte der 60er-Jahre. Ein wichtiger Autor, eine wichtige Ausgabe: hier sind Entdeckungen zu machen.

Buchinfos:
Christian Geissler: "Schlachtvieh. Kalte Zeiten", Mit einem Nachwort von Michael Töteberg, Verbrecher Verlag, Berlin 2015, 245 Seiten, Preis: 24,00 Euro

 

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