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StartseiteForschung aktuellKampf der globalen Tabak-Epidemie20.07.2017

WHO-Bericht zum RauchenKampf der globalen Tabak-Epidemie

Rauchen ist nach wie vor das tödlichste Laster - und eine vermeidbare Todesursache. Die Weltgesundheitsorganisation hatte ein Maßnahmen-Paket geschnürt, um das Rauchen weltweit einzudämmen. Ein aktueller Sachstandsbericht offenbart nun: Die empfohlenen Maßnahmen greifen, werden aber oft nicht umgesetzt.

Von Volker Mrasek

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Ein Mann raucht eine Zigarette. (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)
"Tabak bringt jedes Jahr mehr als sieben Millionen Menschen um, davon 80- bis 90.000 durch Passivrauchen", sagt WHO-Forscher Vinayak Prasad. (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)
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Ein Lob für den politischen Kurs der Türkei ist in diesen Tagen eher ungewöhnlich. Doch jetzt bekommt sie eines: von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Im Kampf gegen das Rauchen ist die Türkei demnach ein politischer Musterknabe - das einzige Land auf der Erde, das alle von der WHO empfohlenen Strategien zur Eindämmung des Rauchens umgesetzt habe. So steht es im neuen Report zur globalen Tabak-Epidemie, wie ihn die Weltgesundheitsorganisation betitelt. 

Der indische Mediziner Vinayak Prasad zählt zu den Hauptautoren. Er leitet das Programm für globale Tabak-Kontrolle bei der WHO in Genf: "Die Türkei hat große Fortschritte erzielt. Der Anteil von Rauchern ist auf 27 Prozent gefallen. Vor zehn, zwölf Jahren lag er noch bei über 40!" 

Höhere Steuern auf Tabakprodukte, Werbeverbote, Aufklärungskampagnen zu den Gesundheitsgefahren, abschreckende Fotos auf Zigarettenschachteln, rauchfreie Zonen in öffentlichen Gebäuden und in Gaststätten, Entwöhnungsprogramme für Abhängige - das sind die wesentlichen Maßnahmen im WHO-Paket. Immer mehr Länder machen offenbar Gebrauch davon: "Vor zehn Jahren hatten nur 42 Länder wenigstens eine der Maßnahmen umgesetzt. Heute sind es bereits 121! Das ist ein prima Fortschritt!"

Anteil Raucher sinkt, aber absolute Zahl bleibt gleich

Andererseits gibt es noch immer fast 60 Staaten, die überhaupt nichts tun. Und das zwölf Jahre, nachdem ein internationaler Vertrag in Kraft trat, der das Rauchen weltweit eindämmen soll und den alle unterzeichnet haben - die Rahmenkonvention zur Tabak-Kontrolle. Vor allem in Ländern des Nahen Ostens und Afrikas fehle es bis heute an Initiativen gegen das Rauchen, wie Vinayak Prasad bedauert.

Dabei fordert der weltweite Tabakkonsum laut dem neuen WHO-Bericht mehr Menschenleben als AIDS, Malaria und Tuberkulose zusammen: "Tabak bringt jedes Jahr mehr als sieben Millionen Menschen um, davon 80- bis 90.000 durch Passivrauchen."

Eine wirkliche Trendumkehr ist im Moment noch nicht zu erkennen. Seit 2005 ist der Anteil der Raucher zwar rückläufig, wie WHO-Forscher unlängst schon im Medizinfachjournal The Lancet schrieben. Gleichzeitig wächst aber die Weltbevölkerung. Und in etlichen Entwicklungsländern steigt der Tabakkonsum noch immer kräftig. Dort tritt heute schon die Mehrzahl aller Todesfälle durch das Rauchen auf. Es wird erwartet, dass es bald 70 Prozent sind.

"In den letzten Jahren sank der Anteil der Raucher von 24 auf 21 Prozent. Aber ihre absolute Zahl ist gleich geblieben: Es gibt nach wie vor 1,4 Milliarden Tabaknutzer weltweit."

"Wirkung der WHO-Maßnahmen ist stark"

Um so mehr sollten Länder und Regierungen von den WHO-Empfehlungen zur Reduzierung des Tabakkonsums Gebrauch machen, empfiehlt der Mediziner: "Es gibt genügend Studien, die zeigen, wie stark die Wirkung dieser Maßnahmen ist. Wenn ich zum Beispiel die Steuer auf Zigaretten um zehn Prozent erhöhe, sinkt der Tabakkonsum um vier bis fünf Prozent. Oder sagen wir: Ich verbiete wirklich jegliche Werbung - dann geht er um bis zu zehn Prozent zurück. Andere Maßnahmen haben noch zusätzliche positive Effekte"

Der neue WHO-Report ist vor allem ein dringender Appell, Monitoring-Systeme einzuführen, wo sie noch nicht existieren. Also regelmäßig Daten über den Tabakkonsum in der eigenen Bevölkerung zu sammeln: "Wir sehen keine Fortschritte beim Monitoring. Nur 65 Länder machen es. Es müssen definitiv mehr werden! Denn wenn ich keine Daten erhebe, dann weiß ich auch nicht, wie stark das Rauchen verbreitet ist. Und ob meine Gegenmaßnahmen wirken."

Der Report nennt hier Indien, Nepal und die Philippinen als Vorbilder. Die Regierungen aller drei Länder schraken auf, als sie erstmals erfuhren, wie viele ihrer Bürger tatsächlich rauchen. Auf den Philippinen war es fast jeder zweite Mann. Der Inselstaat erhöhte daraufhin die Tabaksteuer drastisch. Indien startete Ausstiegsprogramme. Und Nepal hat laut WHO seither die weltweit größten Warnhinweise auf Zigarettenschachteln.

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