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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDie Geschäfte der Fisch-Mafia23.10.2017

WildereiDie Geschäfte der Fisch-Mafia

Im illegalen Handel mit Antarktisdorsch ist viel Geld zu machen. Die norwegischen Journalisten Eskil Engdal und Kjetil Saeter dokumentieren in ihrem Buch "Fisch-Mafia" die Jagd der militanten Umweltschutzorganisation "Sea Shepherd" auf eine wildernde Fangflotte und zeigen die internationalen mafiaähnliche Banden dahinter.

Von Katja Scherer

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Eskil Engdal und Kjetil Sater: "Fischmafia" (epa AAP Adam Lau / dpa / Campus Verlag)
Eskil Engdal und Kjetil Sater: "Fischmafia" (epa AAP Adam Lau / dpa / Campus Verlag)
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Das dokumentarische Buch beginnt wie ein Krimi:

"Der Regen peitscht gegen die großen Fensterscheiben des Flughafengebäudes. Er steht in der Ankunftshalle und hält ein Schild mit unseren Namen hoch, als würden wir zu einer Konferenz oder einer Safari abgeholt. Er habe seit vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen, sagt er."

Die beiden norwegischen Journalisten Eskil Engdal und Kjetil Saeter schildern in ihrem Buch die kriminelle und bandenartige Vorgehensweise von Fischwilderern. In einer akribischen Recherche dokumentieren sie, wie Aktivisten der Umweltorganisation Sea Shepherd eine illegale Fangflotte in der Antarktis verfolgen. Sie haben Verhörprotokolle ausgewertet und selbst Zeugen befragt. Herausgekommen ist ein Werk, das sich gut liest und zugleich einen tiefen Einblick in das Denken und die Arbeitsweisen von Fischwilderer gibt:

Antarktisdorsch ist eine Delikatesse

"Der einzige Grund, warum er sich mit uns treffen wollte, ist die Gier. Die gleiche Gier, die ihn antrieb, wieder und wieder mit dem Schiff ins Südpolarmeer zu fahren. Dafür, dass er uns seine Geschichte erzählt, verlangt er eine stolze Summe Geld sowie die Zusicherung, dass wir weder ihn noch die Stadt, das Land oder den Kontinent, auf dem wir uns treffen, namentlich nennen."

Der illegale Handel mit Antarktisdorsch ist ein verschwiegenes und gleichzeitig hochlukratives Geschäft. Als der bis zu zwei Meter lange, graue und schmucklose Tiefseefisch in den 80er Jahren erstmals in amerikanischen Restaurants auf den Teller kam, sorgte er für eine gastronomische Sensation:

"Der Antarktisdorsch glich einer Mischung aus Hummer und Jakobsmuschel und er wurde von vielen als der wohlschmeckendste Fisch bezeichnet. Die Jagd auf das 'weiße Gold' bringt verdecktes Vermögen und droht die langsam wachsende Delikatesse auszurotten."

Auch "Sea Shepherd" ist umstritten

Zu den mafiaartig organisierten Fisch-Wilderern gehörte die Fangflotte "Bandit 6": sechs illegale Kutter, die teils sogar von Interpol gesucht wurden. Ihre Gegner, die Aktivisten von Sea Shepherd, sind durch ihren radikalen Kampf gegen Walfänger in den 80er Jahren bekannt geworden – und selbst nicht unumstritten, wie Engdal und Saeter zumindest am Anfang ihres Buches kurz deutlich machen. Gegen den Gründer der Organisation, Paul Watson, laufen zwei internationale Haftbefehle:

"In einem offenen Brief an das norwegische Volk erklärte Paul Watson, dass er acht Schiffe versenkt und weitere acht beschädigt habe. In dem Brief begründete er auch die Ideologie der Bewegung: Sea Shepherd beuge sich allein den Gesetzen der Natur, wie Watson es formulierte."

Der Grund für die Wut der Umweltschützer: Obwohl die Machenschaften der Fischwilderer seit Jahrzehnten bekannt sind, werden sie nicht geahndet. In internationalen Gewässern können nationale Behörden wenig ausrichten, dazu kommen in vielen Staaten lückenhafte Fischereigesetze und korrupte Hafenbeamte. Im Dezember 2014 nahm daher ein Sea Shepherd-Schiff unter Leitung des jungen Kapitäns Peter Hammarstedt Kurs auf die Antarktis, um die "Bandit 6" auf eigene Faust zum Aufgeben zu zwingen:

Hintermänner aus Spanien und Südamerika

"Plötzlich sieht Hammarstedt auf dem Radar, dass sich einer der langsam treibenden Punkte in die entgegengesetzte Richtung zu den träge dahingleitenden Eisbergen bewegt. Geschwindigkeit sechs Knoten und Kurs Südwest. Das muss ein Schiff sein."

Kapitän Hammarstedt gelang es, das berüchtigtste Schiff der illegalen Flotte – die "Thunder" – aufzuspüren und es zur Flucht zu zwingen. Ein anderes Schiff von Sea Shepherd holte später die zurückgelassenen Fangleinen ein:

"Es war ein scheußlicher Albtraum. Die Grundleine hörte nicht auf. Nach drei Wochen Arbeit lagen 70 Kilometer Leine in großen Rollen auf dem Deck. Neben Rochen, Quallen und Krabben entfernten sie 1.400 Antarktisdorsche in unterschiedlichen Verwesungsstadien. Es ist ein Fang, für den der Eigentümer der Thunder eine Million Dollar hätte kassieren können."

Für die Autoren Engdal und Saeter ist klar, dass die Hauptschuldigen dieser Umweltverbrechen nicht die südostasiatischen Seeleute sind, die wegen des guten Lohnes auf den Schiffen anheuern. Die Hintermänner kommen in aller Regel aus Spanien und teils Südamerika, die durch systematische Geldwäsche und dubiose Mittelsmänner alles daran setzen, ihre Spuren zu verschleiern:

"Die Schiffe gehörten Gesellschaften in Steuerparadiesen wie Panama, aber der Gewinn floss zurück nach Galicien, wo die Familie in eine Fischölfabrik, in Immobilien und Windkraftanlagen investierte. Von Brüssel, Madrid und der Provinzregierung von Santiago de Compostela bekam die Familie zehn Millionen Euro an Subventionen - trotz der lautstarken Proteste von Umweltbewegungen."

Die Spur führt bis in die Mongolei

Möglich machen das auch die Strukturen in der internationalen Schifffahrt: Sowohl die Besatzungen als auch die Schiffe der Wilderer sind in der Regel mit gefälschten Papieren unterwegs. Schiffe sind teils unter mehreren Flaggen und Namen gelistet, die nach Belieben getauscht werden – mit der Folge, dass sich am Ende niemand mehr dafür verantwortlich fühlt. Registriert sind die Trawler oft in Staaten wie der Mongolei, die ein Schiffsregister führt, obwohl der nächste Hafen rund 1.300 Kilometer weit weg ist:

"Das Register war die Idee von Nambaryn Enkhbayar, dem Ministerpräsidenten der Mongolei, und sollte den Kunden 'exzellente Leistungen bei Schiffsregistrierungen und maritimen Dienstleistungen' bieten. Er tat nichts anderes, als die Souveränität der Mongolei an private Gesellschaften zu verleihen, angeblich um für lukrative Einnahmen in der Staatskasse zu sorgen."

Mehrere Monate lang dauerte die Jagd von Kapitän Hammarstedt auf hoher See und sie führte ihn bis vor die Küste Westafrikas. Dort fand die Verfolgung ein abruptes Ende. Am Schluss des Buches sind sogar alle sechs Schiffe der Wildererflotte weitgehend außer Kraft gesetzt. Aber auch, wenn das für die illegale Antarktisfischei ein harter Rückschlag ist, bleibt ein fader Beigeschmack. Denn das Buch von Engdal und Saeter zeigt: Selbst wenn Mitglieder internationaler Banden erwischt werden, heißt das noch lange nicht, dass sie auch verurteilt und bestraft werden.

Eskil Engdal, Kjetil Saeter: "Fisch-Mafia. Die Jagd nach den skrupellosen Geschäftemachern auf unseren Weltmeeren."
Campus, 339 Seiten, 26,95 Euro.

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