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StartseiteForschung aktuell"Wir gehen davon aus, dass sie mindestens 70.000 Jahre alt ist"02.09.2013

"Wir gehen davon aus, dass sie mindestens 70.000 Jahre alt ist"

Tuberkulose existiert deutlich länger als bislang gedacht

Die Tuberkulose entstand während der sogenannten neolithischen Revolution - also vor etwa 10.000 Jahren, als Ackerbau und Viehzucht aufkamen. Diese weitläufig anerkannte These hat nun ein Forscherteam um Professor Sebastien Gagneux vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut widerlegt.

Sebastien Gagneux im Gespräch mit Jochen Steiner

Der Erreger der Tuberkulose  (Southern Illinois University)
Der Erreger der Tuberkulose (Southern Illinois University)

Jochen Steiner: Jedes Jahr sterben an Tuberkulose zwischen einer und zwei Millionen Menschen, vor allem in Entwicklungsländern. Die Krankheit wird von Bakterien übertragen und kann sich dann von Mensch zu Mensch ausbreiten. Meist werden dann Antibiotika eingesetzt, die aber nicht immer gut helfen, weil etliche Tuberkulose-Bakterienstämme schon resistent dagegen sind. Gleich vier Forschergruppen präsentieren heute ihre Studienergebnisse zu Tuberkulose-Bakterien. Eine Gruppe um Professor Sebastien Gagneux vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut in Basel hat sich mit der Evolution der Tuberkulose-Bakterien beschäftigt. Ich habe ihn vor der Sendung gefragt, was er dazu herausgefunden hat.

Sebastien Gagneux: Wir haben herausgefunden, dass eigentlich die menschliche Tuberkulose sehr viel älter ist als bislang angenommen. Das heißt, wir gehen davon aus, dass sie mindestens 70.000 Jahre alt ist und zusammen mit unseren menschlichen Vorfahren aus Afrika quasi die Welt mit besiedelt hat.

Steiner: Wieso ist man bislang davon ausgegangen, dass Tuberkulose nicht so alt ist?

Gagneux: Die traditionelle Sicht war, dass – ähnlich vielen anderen Infektionskrankheiten – die Tuberkolose während der sogenannten neolithischen Revolution, das war die Zeit, wo die Menschen zum ersten Mal Ackerbau und Viehzucht angefangen haben, zu betreiben, dass da diese Erreger von den Tieren auf den Menschen übertragen wurden. Und diese neolithische Revolution fand ungefähr vor 10.000 Jahren statt. Und weil es eben auch eine bovine, das heißt eine … Form der Tuberkulose gibt, ging man einfach mal davon aus, dass das auch bei der Tuberkulose so war. Und aufgrund unserer Untersuchungen können wir nun zeigen – und das haben wir so gemacht, dass wir eine große Sammlung von Tuberkulose-Bakterienstämmen aus der ganzen Welt angeschaut haben – also wir haben 259 Stämme gesammelt und die ganzgenomsequenziert, wir haben also das Erbgut angeschaut und dann quasi den Stammbaum dieser TB-Erreger erstellt. Und aufgrund dieses Stammbaumes und den Abzweigungen der Äste können wir den Schluss ziehen, dass eben die Tuberkulose in Afrika entstanden ist. Und zusätzlich – wenn man da eine zeitliche Komponente drauf zugibt – zeigt das, dass es eben ungefähr vor mindestens 70.000 Jahren vonstatten gegangen ist.

Steiner: Tuberkulose ist also mit dem Menschen aus Afrika herausgewandert sozusagen. Wie ging es denn dann weiter in der Evolution für die Tuberkulose?

Gagneux: Ein wichtiger Punkt ist, dass aufgrund dieser neolithischen Revolution, die ungefähr vor 10.000 Jahren angefangen hat, einerseits die Anzahl an Personen, Menschen sprunghaft zugenommen hat. Und zusätzlich haben Leute angefangen, sich in Siedlungen niederzulassen. Was interessant ist: Wenn wir dann unsere TB-Genomanalysen machen, sehen wir einen ähnlich sprunghaften Zuwachs in der Anzahl, wenn man das so sagen kann, der Diversität dieser TB-Bakterien – ungefähr in der gleichen Zeit.

Steiner: Das heißt, die Städtebildung, die Bildung von Dörfern hat dazu geführt, dass es immer mehr verschiedene Tuberkulose-Stämme gegeben hat.

Gagneux: Richtig. Und es gab einfach eine Expansion und Zuwachs sowohl von Menschen wie eben auch von diesen Bakterien. Und da kommt ein spekulativer Teil in unsere Studie: Wir schlagen vor, dass aufgrund dieser erhöhten menschlichen Dichte eventuell eben die Bakterien auch virulenter geworden sind, weil sie eben sehr viel einfacher an vielen neuen Menschen … konnten.

Steiner: Einige Forscherkollegen von Ihnen haben sich die Resistenzgene von Mycobacterium tuberculosis genauer angesehen. Können Sie mir sagen, was die im Kern herausgefunden haben?

Gagneux: Das wichtigste dieser Studien ist: Sie haben explizit resistente TB-Bakterien angeschaut und die verglichen mit nicht-resistenten Keimen und herausgefunden, dass eigentlich sehr viel mehr Gene scheinbar in diese Resistenz involviert sind. Das heißt, das ganze Phänomen der Antibiotika-Resistenz in der Tuberkulose ist wahrscheinlich sehr viel komplizierter als das man vorher gedacht hat.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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