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StartseiteInterview der Woche"Die Willkommenskultur ist der größte Feind der Terroristen"15.11.2015

Zentralrat der Muslime"Die Willkommenskultur ist der größte Feind der Terroristen"

Mit einem Appell für die Willkommenskultur hat sich der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland nach den Anschlägen in Paris zu Wort gemeldet. "Lasst sie nicht brechen", sagte Aiman Mazyek im Interview der Woche im DLF. Auf der anderen Seite sprach er aber auch von einem gesamtgesellschaftlichen Versagen, das zu den Anschlägen geführt habe.

Aiman Mazyek im Gespräch mit Stephan Detjen

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
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Nach Ansicht von Mazyek haben die Terroristen den Koran missbraucht, um Macht und Gewalt auszuüben. Sie führten Krieg gegen die Menschlichkeit und damit auch direkt gegen den Islam. Manch einer müsse aufgeklärt werden, dass nicht jedes Mittel den Zweck heilige. Es sei schmerzhaft, dass Deutschland auch ein Exporteur von Terroristen sei. Dies zeuge von einem gesamtgesellschaftlichen Versagen, zumal diese Menschen auf deutsche Schulen gegangen seien und zum Teil aus nicht muslimischen Elternhäusern stamme, betonte Mazyek.

Willkommenskultur aufrecht erhalten

Vor dem Hintergrund der Flüchtlingsdebatte warnte Mazyek davor, dass die Stimmung in Deutschland kippen könnte. Die Willkommenskultur müsse weiter aufrecht erhalten bleiben. Sie sei der größte Feind der Terroristen, die Zwietracht sähen wollten. Die Menschen seien schließlich vor dem Terror geflüchtet. Ein völlig falsches Signal sei es, den Familiennachzug stoppen zu wollen. Die Integration der jungen Männer werde viel einfacher sein, wenn Familien nachzögen, betonte Mazyek.


Das Interview in voller Länge:

Detjen:   Herr Mazyek, welches Wort des Propheten, welchen Satz des Koran würden Sie denen entgegenhalten, die im Namen Gottes in Paris gemordet haben?

Mazyek: Gott beschreibt einen bestimmten Personenkreis und warnt ihn oder nimmt ihn sozusagen direkt oder adressiert diesen Personenkreis, der nämlich sagt: Wir sind diejenigen, die hier Frieden stiften auf Erden und dann kommt das im nächsten Vers. Und da heißt es: Nein, ihr seid keine Friedensstifter, sondern ihr seid diejenigen, die hier Unheil stiften auf Erden – nur ihr wisst es nicht. Das würde ich ihnen zuschreiben und einen Ausspruch unseres Propheten, der da sagt: Ich warne vor der Übertreibung in der Religion – und wiederholt das dreimal hintereinander – und jene Völker, sagt er, die die Religion übertreiben, sind dem Untergang geweiht. Und so martialisch hat er das beschrieben; "Dem Untergang geweiht".

Detjen: Ja, aber auch die Terrorristen und Hassprediger berufen sich auf den Koran. Sie führen Textstellen im Munde, in denen aufgerufen wird, die Ungläubigen zu töten, zum Kampf aufgerufen wird, den sozialen Kontakt mit Ungläubigen zu vermeiden. Wie lesen Sie diese Passagen des Koran?

Mazyek: So, wie in 1400 Jahren die allermeisten Muslime und Gelehrten es lesen. Nämlich nicht so wie die Terroristen und diesen Missbrauch, den gibt es ja auch in anderen Religionen oder in anderen Weltanschauungen leider und das ist immer wieder zu sehen, dass Menschen versuchen, über eine Religion oder über Dinge, die Menschen heilig sind, zu instrumentalisieren, einen Missbrauch vorzunehmen und Macht auszuüben, um Gewalt auszuüben. Das ist etwas, was nur nicht in einer Religion oder Weltanschauung eigens ist, sondern es findet leider immer wieder auch woanders statt.

"Generalverdacht gegen Muslime wird wieder genährt"

Detjen: Die muslimischen Verbände in Deutschland und Europa haben den Anschlag von Paris einhellig verurteilt. Welche Reaktionen haben Sie darüber hinaus seit Freitagabend bei Muslimen in Deutschland wahrgenommen?

Mazyek: Ja, eine tiefe Traurigkeit, eine aus Entsetzen. Schließlich sind wir alle Europäer, sind wir Teil unserer Gesellschaft. Auch das Wissen, dass wir jetzt in den nächsten Wochen und Monaten wieder in eine Rechtfertigungsmaschinerie kommen, dass Generalverdacht und dass der Misstrauensdiskurs, den wir gegenüber Muslimen ohnehin schon haben über viele Jahre, dass der wieder dadurch natürlich genährt wird.

Detjen:  Nach dem Anschlag im Januar auf die Redaktion von Charlie Hebdo hat Ihr Verband – der Zentralrat der Muslime – , obwohl er eigentlich einer der kleinen Verbände ist – es gibt größere Verbände, wie die vornehmlich türkische DITIB – hat Ihr Verband, haben Sie eine Mahnwache am Brandenburger Tor koordiniert, in der sich in einer eindrucksvollen Geste die Vertreter der Muslimischen Verbände und die Spitzen des Staates zusammengeschlossen haben. Soll, muss, kann es jetzt noch einmal ein solches, ein ähnliches Zeichen geben?

Mazyek:   Es wird wieder weitere Zeichen geben, das kann ich an dieser Stelle schon versprechen. Ich hoffe ebenso eindrucksvoll oder eindrücklich. Solch eine Veranstaltung wie am Brandenburger Tor mit tatsächlich, wie Sie gesagt haben, Spitzen der Kirchen, der Verbände und auch des Staates, des Kabinetts und so weiter, das ist durchaus eine Einmaligkeit. Es geht auch nicht darum, das zu toppen, sondern es geht darum, wieder klare Bekenntnisse, klare Zeichen zu geben und auch immer wieder deutlich machen, dass die Kräfte, die in der Gesellschaft davon sprechen, die Muslime als Partner zu nehmen und dass wir jetzt die gutwilligen Muslime – und das ist ja die absolute Mehrheit – dass wir sie wirklich als Partner nehmen im Kampf gegen Terror, im Kampf gegen Extremismus, dass wir diese Gruppen natürlich jetzt stärken damit.

"Der Zentralrat hat immer Maßstäbe gesetzt"

Detjen: Hat die Erfahrung in diesem Jahr nach dieser Geste vor dem Brandenburger Tor – man konnte ja hören: Da hat es hinter den Kulissen dann auch mal geknirscht – die Frage: Wer spielt da welche Rolle? Warum macht das gerade ein kleiner Verband gemacht? Warum übernimmt der die Führungsrolle? Hat sich da etwas verändert im Zusammensein, in der Zusammenarbeit mit Ihren Partnerverbänden?

Mazyek:  Ja, ich denke, so wie das viele Jahre der Fall war, hat der Zentralrat immer Maßstäbe gesetzt im Zusammenleben in Deutschland. Wir haben durch unsere Öffentlichkeitsarbeit, durch unsere auch Programmatik, durch unser Agenda Setting Islam als einen Teil unserer Gesellschaft und Landes zu verstehen, haben wir sicherlich damit auch dazu beigetragen, dass die anderen Verbände und anderen Organisationen da nachziehen. Auch mit vielleicht Schwierigkeiten und auch Eifersüchteleien, die ganz normal und menschlich sind und darauf können wir bauen und wenn wir ab und zu mal auch eine Watsche bekommen von dem einen oder anderen Verband, dann soll uns das recht sein, um der Sache willen.

Detjen:  Die Sorge, die in einem solchen Moment wie jetzt immer wieder aufkommt, ist: Da gibt es Zeichen, da gibt es Verlautbarungen nach außen auf der Bühne und hinter der einen oder anderen Kulisse passiert dann was ganz anderes. Wie viele Moscheen gibt es in Deutschland, in denen die Distanzierung der Imame, wenn sie auf Türkisch oder auf Arabisch predigen, nicht so dezidiert ausfällt wie auf den öffentlichen Veranstaltungen und in öffentlichen Verlautbarungen der Verbände?

Mazyek:  Mit Verlaub: Das glaube ich auch nicht, dass das die Gesellschaft noch denkt, dass es da sozusagen zwei Sprachen oder zwei Gesichter gibt.

Detjen:   Nicht die Gesellschaft, aber das ist natürlich etwas, das bekommen wir zum Beispiel auch in unserer Hörerpost zu hören.

"Terror in Paris klar und deutlich verurteilen"

Mazyek:  Ja, es gibt natürlich eine Gruppe von Menschen, die grundsätzlich A) ängstlich und mit den Vorbehalten und auch Opfer letztendlich sind dieses Generalverdachts, der Generalverdachtsdebatte und egal was ich sage oder auch tue und mache, es ist ja nicht nur eine Frage von Gestik und Symbolik, sondern es ist ja über Jahre, die wir uns einsetzen für den Dialog, den Tag der offenen Moschee – übrigens auch eine Errungenschaft, die der Zentralrat ins Leben gerufen hat und jetzt ein Allgemeinplatz in Deutschland darstellt – und anderes mehr.

Also man handelt ja und man tut und man macht. Und das machst du nicht 15, 20 Jahre und machst es sozusagen, um irgendwie eine Geschichte vorzuspielen, sondern das ist Teil deiner eigenen Identität und deiner eigenen Geschichte letztendlich auch. Manch einer kennt das vielleicht nicht oder hat sich damit nicht so beschäftigt, das mag sein und der muss aufgeklärt werden und deswegen muss man ein hundertstes Mal auch an dieser Stelle nach diesem schrecklichen Terror in Paris wiederum sich klar und deutlich positionieren und – wenn ich das sagen darf – nicht distanzieren, weil distanzieren bedeutet, ich hätte ja eine Nähe dazu gehabt, sondern es klar und deutlich verurteilen, es einordnen, es beschreiben, es auch klar im Kontext sehen von einer Insgesamtsituation, an der vor allen Dingen die Muslime nicht als Sieger hervorgehen, sondern als Opfer auch in dieser ganzen Debatte.

Detjen:   Aber trotzdem, Sie sprechen sich gegen Generalverdächtigungen aus, Sie fordern Aufklärung. Aber dazu gehört doch auch, dass man differenzieren kann, dass man auch benennen kann: Ja, es gibt auch in Deutschland nach wie vor Moscheen in denen Hassprediger zugange sind, aus denen heraus Radikalisierung betrieben wird und möglicherweise auch nach wie vor Kämpfer in die Kriegsgebiete, in den Dschihad ziehen.

"Wir müssen uns alle an die Nase packen"

Mazyek:   Ja, klar. Natürlich, es gibt ganz viele … Ja, es gibt viele Dinge, die wehtun und die zu beschreiben man am liebsten unterlässt, weil sie wehtun, aber ich möchte mich der Sache nicht hier verweigern, im Gegenteil. Nur ich muss das einordnen. Wenn Sie sagen zum Beispiel: Es gibt Moscheen, dann kann ich dem zusprechen. Bei über 2000 gibt es vielleicht ein Dutzend, wo wir Schwierigkeiten und Probleme haben, aber dann müssen wir auch darüber reden: Was machen wir mit den anderen  2000? Und was haben die denn gemacht in den letzten Jahren? Und die haben sich klar und deutlich positioniert und sie haben klar und deutlich auch reagiert und gearbeitet und geackert, sodass wir in unserem Land weitestgehend eine große absolut friedliche muslimische Community haben. Sie sind ja – das ist ja kein Zufall, sondern sie haben ja mit dazu stark beigetragen.

Aber es tut weh, wenn man sieht, dass Deutschland auch Exporteur ist von Terroristen im Nahen Osten. Das tut weh, aber es tut dann gleichermaßen weh, wenn in der Diskussion es dann heißt: Wo haben die muslimischen Moscheen versagt? Es gibt da durchaus Versagen, ja, aber es ist ein gesamtgesellschaftliches Versagen. Diese Kinder, diese Jugendlichen, diese Kinder, sie sind auch in deutsche Schulen gegangen, sie sind zum Teil in nicht-muslimischen Elternhäusern aufgewachsen, sie haben gleichermaßen wie jeder andere eine Sozialisation in Deutschland erhalten, also müssen wir uns alle an die Nase packen, was haben wir falsch gemacht, dass Deutschland Exporteur von Hunderten von sogenannten Dschihadisten, die im Nahen Osten kämpfen?

Detjen: Man kann dieses Argument natürlich weiterführen, annehmen, muss es auch tun. Sozusagen in der weitesten Fortführung dieses Arguments wurde gesagt  nach Anschlägen wie diesen: Der islamistische Terror habe mit dem Islam gar nichts zu tun. Ist das richtig? Kann man den Terror tatsächlich nur politisch-sozial deuten oder inwieweit muss er eben doch als eine Ausprägung des Islam verstanden werden?

Mazyek:  Ja, die Reaktion – er hat nichts damit zu tun – ist wiederum eine Reaktion auf eine schiefe Debatte, die wir seit Jahren haben, nämlich die ständige Kontextualisierung "Islam und Terror", also sprich Terror und Extremismus mit Religion. Und das Ausschließen anderer Mitbegründungen – also wie Sie gesagt haben: Soziale, psychologische, kulturelle, aber auch wirtschaftliche – das ist eine Reaktion darauf. Das heißt aber nichtsdestotrotz, dass wir uns diese Frage stellen müssen, wie es dazu kommt, dass beispielsweise Muslime meinen in der Welt, dass jedes Mittel den Zweck heiligt. Solange Muslime das meinen und letztendlich dann in der Letztbegründung auch Hand anlegen – Gewalt, morden, töten, gegen Muslime, gegen Christen, Juden, gegen andere Menschen – solange das der Fall ist, haben wir tatsächlich auch ein Problem innerhalb des religiösen Spektrums und wir müssen das auch so diskutieren. Und dazu lade ich ein.

"Auch Europa hat ein Glaubwürdigkeitsproblem"

Wir haben also in dem Fall auch eine Glaubwürdigkeitskrise. Nur wenn wir über eine Glaubwürdigkeitskrise reden, dann müssten wir wiederum andere Seiten auch mit beleuchten und das tun wir immer aber nicht. Also, nehmen wir mal an: Solange zum Beispiel Muslime nicht auch klar deutlich machen, dass wir eine Glaubwürdigkeitskrise haben, weil es Muslime gibt, die meinen, jedes Mittel heiligt den Zweck anzuwenden, werden wir immer wieder mit solchen Fragen konfrontiert werden.

Aber ein anderes Beispiel: Solange zum Beispiel Europa mehr weint um die Opfer in Paris, als um die Opfer von Anschlägen, die tagtäglich passieren in Aleppo, in Beirut, jetzt vor ein paar Tagen …

Detjen:   Vor wenigen Tagen ein ISIS-Anschlag mit 40 Toten …

Mazyek:   … solange hat Europa auch ein Glaubwürdigkeitsproblem. Solange haben wir alle ein Glaubwürdigkeitsproblem. Diese Vorgabe, sozusagen zweierlei Maße, die auch Muslime anwenden übrigens in ihren eigenen Reihen. Damit müssen wir aufhören. Aber dann müssen wir es versuchen gleichermaßen …

Detjen:   Lassen Sie uns über die Wahrnehmung dieses Problems sprechen. Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels in diesem Jahr 2015, Navid Kermani, hat in seiner Paulskirchen-Rede – wir waren beide da – gesagt, man dürfe nicht dem Trugbild aufsitzen, dass der Islam ein Krieg gegen den Westen führt und er hat dann wörtlich hinzugefügt: Eher führt der Islam einen Krieg gegen sich selbst.

Mazyek: Ja.

"Terroristen führen Krieg gegen den Islam"

Detjen: Wie haben Sie das wahrgenommen?

Mazyek:  Ich habe mit Gänsehaut und mit Erschütterung und mit der absoluten Bejahung dieses Satzes reagiert. Und wir haben in unserer Pressemitteilung auch diesen Gedanken nochmals aufgenommen. Wir haben gesagt: Die Terroristen in Paris haben gegen die Menschlichkeit, gegen die Freiheit und Krieg auch gegen den Islam geführt. Wir führen Krieg gegen den Islam. Das ist genau die Position und ich kann sie nur unterschrieben.

Detjen: Kermani hat geschildert und hat abgeleitet, wie eine Organisation wie der IS als Ausgeburt des Salafismus und damit der wahhabitischen Staatsreligion in Saudi-Arabien entstanden ist. Kermani hat darauf hingewiesen, dass die Schriften des IS zu 90 Prozent deckungsgleich seien mit Schulbüchern, die in Saudi-Arabien staatlicherseits angewandt und verteilt werden. Welche Konsequenzen muss man nach solchen Erkenntnissen, aus solchen Beobachtungen ziehen?

"Islamische Welt steht in einer tiefen Depression"

Mazyek:  Die Konsequenz, dass die Warnung, die der Prophet ausgesprochen hat – "Ich warne vor der Übertreibung in der Religion" – dass wir niemals davor gefeit sind und dass wir uns immer ständig hinterfragen müssen, ob nicht am Ende die Ideologien folgen, die genau diesen Fanatismus und die Übertreibung in der Religion zum Ausdruck bringen und dass wir das revidieren müssen. Diese Revision, die steht an und Kermani hat in seiner Rede gesagt, dass die islamische Welt in einer tiefsten Depression ist und auch das kann ich nur hundertprozentig unterschreiben. Die islamische Welt ist nicht in einem Zustand des Aufbegehrens und des aus dem wie Phönix aus der Asche herauskommend. Im Gegenteil, sondern in einer tiefsten Depression. Geistig, zivilisatorisch und auch religiös.

Detjen:  Sehen Sie das auch so wie manche, die sagen: Der Islam, die islamische Welt müsse eine versäumte Aufklärung nachholen, müsse so etwas, wie es in der christlichen, besonders in der evangelischen Theorie gegeben hat, eine Entmystifizierung des Koran vornehmen?

Mazyek:  Ich sehe, dass der Islam und die Muslime eine Aufklärung auf jeden Fall vor sich haben, aber es ist nicht die Aufklärung, die sich die europäische Aufklärung auf die Fahne geschrieben hat und haben musste, um sich zu emanzipieren von der Kirche. Die Ausgangslage ist eine völlig andere in der muslimischen Welt. Erstens mal die Depression dieser Art und dieser Form kenne ich jetzt so nicht eins zu eins in Europa und zweitens: Der Islam ist nicht in einer Unmündigkeit oder beschreibt nicht den Menschen als unmündig, im Gegenteil: Der Islam hat ja gerade die Errungenschaften wissenschaftlich-zivilisatorischer Art hervorgebracht und die Muslime nicht, weil sie sich gegen den Islam gewendet haben und sich emanzipiert haben vom Islam, sondern weil sie ihn angewandt haben und die Muslime sind heute in einer Unmündigkeit und einer tiefsten Depression, weil sie ihn nicht anwenden.

Detjen: Ja, auch Kermani hat das ja als eine Verkümmerung des kulturellen Reichtums, der wissenschaftlichen Vielfalt, der islamischen Kultur geschildert. Es sind in Deutschland ja jetzt in den letzten Jahren etwa an Universitäten viele Lehrstühle entstanden für islamische Theologie. Es gibt eine deutsche Imam-Ausbildung. Was hat sich dadurch verändert?

Mazyek:   Noch leichter, also, verändert ist schon ein großes Wort, aber es ist die richtige Richtung und es sind die richtigen Ansätze. Wir haben eine große Chance, auch unser universitäres Wesen, das wir in Deutschland haben, die Forschung, die Wissenschaftlichkeit, diese Möglichkeiten zu nutzen auch in der Lehre und in der, ja, in der Auseinandersetzung eines aufgeklärten Islams.

Detjen: Das Deutschlandfunkinterview der Woche an diesem Sonntag mit Aiman Mazyek, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland einem – man muss es noch mal hinzufügen – der kleineren Verbände der muslimischen Community in Deutschland, aber auch neben den ganz großen Verbänden Teil der Islamkonferenz, die im Bundesinnenministerium regelmäßig tagt. Gerade in dieser Woche wieder getagt hat. Da ging es in dieser Woche insbesondere um die Gründung eines islamischen Wohlfahrtsverbandes. Wird sich dieses Gremium, ein Gesprächsforum von Verbänden, Wissenschaftlern, Einzelpersonen nach einem Anschlag wie diesem verändern?

Mazyek: Das Gremium, das glaube ich weniger nicht.

Detjen:  Es gab ja mal Versuche von Innenminister Friedrich etwa, das Thema "Sicherheit" ganz oben auf die Agenda zu stellen.

"Es ist gut, dass es einen Wettbewerb zwischen den muslimischen Verbänden gibt"

Mazyek:  Wir sind mit dem Bundesinnenminister und mit den Sicherheitsbehörden seit über einem Jahrzehnt in engen Gesprächen über Sicherheit und Sicherheitsfragen und die haben nie abgelassen beziehungsweise sind nie abgebrochen, dafür brauchen wir nicht die Islamkonferenz. Das ist, glaube ich, ein Trugschluss und ich bin dem Innenminister dankbar, dass er das auch noch mal klar trennt. Die Islamkonferenz ist nicht eine verkappte Veranstaltung, um den Muslimen an den Tisch zu bringen in der Frage von Sicherheit und anderen Dingen, dafür haben wir entsprechende Gremien und dafür haben wir entsprechend auch institutionelle Verankerungen, die funktionieren. Die Islamkonferenz ist dafür da – und das sagen wir auch als, wie Sie gerade beschrieben haben, als kleiner Verband – ich sage ja immer: klein, aber fein. Übrigens mit 300 Moschee-Gemeinden ist das durchaus eine stattliche Zahl und damit kann man durchaus auch arbeiten, also es ist nicht so …

Detjen: Ich habe deswegen darauf hingewiesen, weil nicht jeder unserer Hörer die Struktur und die Welt der muslimischen Verbände wahrscheinlich kennt und man einfach darauf hinweisen muss, was der Zentralrat ist. Es gibt – ich habe es erwähnt – es gibt andere Verbände.

Mazyek: Ja, es gibt noch andere Verbände und wunderbar, dass es die gibt und wir unterscheiden und religiös auch in einigen Teilen, aber vor allem in der politischen Kultur unterscheiden wir uns und das ist ja auch gut so, dass es so einen Wettbewerb gibt zwischen uns. Aber die Islamkonferenz ist eine Ebene und ein Gremium, was insbesondere in der dritten Phase – und wir befinden uns jetzt tatsächlich in der dritten Phase, also in der dritten Legislatur, also innerhalb der Wahlperiode, Minister Schäuble hat damit begonnen, auch strukturelle Themen anzusprechen Wohlfahrt: Wie organisieren wir in Deutschland muslimische Wohlfahrt? Das ist zum Beispiel vor dem Hintergrund der Flüchtlingsarbeit unglaublich wichtig.

Detjen: Da sprechen Sie dieses Stichwort an, das ich gerne gleich aufgreifen würde: Wie wird der Anschlag in Paris die deutsche Debatte über die Flüchtlingspolitik verändern?

Mazyek:  Ja, ich hoffe, nicht so, wie Polen reagiert hat. Weil Polen hat zum Beispiel gesagt: A) Wir werden jetzt keine Flüchtlinge mehr aufnehmen nach Paris. Und eigentlich hat Polen genau die Antwort geliefert, die die Terroristen sich gewünscht haben. Terroristen wollen Panik schaffen, sie wollen Zwietracht zwischen den Religionsgruppen und sie wollen, dass die Europäer den Fehler machen, gegen ihre Traditionen und Aufklärungen gehen und eine Minderheit bestrafen. Das ist genau das, was die Terroristen wollen und wir müssen jetzt alle Sorge tragen, dass wir in Deutschland und wir haben bisher sehr besonnene Worte gehört – übrigens auch vom Innenminister, der deutlich macht: Bitte macht keinen Bogen – ich zitiere ihn was wörtlich – einen Bogen zu der Flüchtlingsdebatte. Diese Flüchtlinge sind …

"Es gibt keine moralische Obergrenze von Flüchtlingsaufnahme"

Detjen: Aber der Bogen ist ja sofort geschlagen worden. Führende CSU-Politiker, Seehofer, Söder haben sofort gesagt: Jetzt müssen wir über Grenzen, über Grenzsicherung sprechen. Andere sagen: Wir müssen über die Schließung der Grenzen reden, so wie Francois Hollande es ja auch gleich angekündigt hat.

Mazyek: Die Menschen sind vor Terror geflüchtet in ein Land, in eine Region, wo sie wissen, dass es Frieden, dass es Rechtsstaatlichkeit, dass es Demokratie gibt. An uns liegt es jetzt, das richtig zu organisieren. Diese Debatte muss geführt werden, da bin ich auch bei Seehofer und anderen, dass man sagt: Okay, wir müssen hier in unserem Land natürlich darüber nachdenken, wie viele Kapazitäten haben wir? Wie viele Möglichkeiten haben wir? Und ja, sagen wir das Unwort an dieser Stelle: Es gibt so etwas wie eine technische Obergrenze. Aber es gibt keine moralische Obergrenze von Flüchtlingsaufnahme. Die Kanzlerin hat Recht, wenn sie sagt: Ich kann keine Obergrenze benennen, weil qua unseres Grundgesetzes, Asylgrundrecht et cetera und anderen Themen und unseren Erfahrungen aus dem Nazi-Regime werden wir einen Teufel tun zu sagen: Es gibt eine Obergrenze bei der Flüchtlingsaufnahme.

Aber wir müssen gleichermaßen offen und ehrlich sein und sagen: Es gibt eine technische Obergrenze, weil wenn wir so viele Menschen aufnehmen, wie wir nicht mehr können, wird unser System implodieren und dann haben weder die Flüchtlinge was noch hat unser Land was davon. Lassen Sie mich noch einen Satz an dieser Stelle sagen. Das ist wichtig, glaube ich, weil die Diskussion geht in die falsche Richtung: Moralisch gesehen gibt es keine Obergrenze, technisch gesehen gibt es eine Obergrenze und wir müssen klarmachen, dass wir auch nicht das Problem lösen, indem wir einfach Menschen aufnehmen, sondern wir müssen in die Herkunftsländer hin. Wir müssen deutlich machen: Europa kann sich nicht dem Chaos des Nahen Osten entziehen, sondern muss auch Lösungen dort anbieten und sich auch mit einbringen Wir können nicht jedes Mal uns abkapseln von den Themen und sagen: damit haben wir nichts zu tun, da können wir nichts machen, um gleichermaßen dann das Thema sozusagen von hinten aufzurollen.

Detjen: Das ist auch der Konsens, den die Regierung gefunden hat. Das steht oben auf der Agenda. Lassen Sie uns noch kurz am Ende dieses Gesprächs über das reden, was wir jetzt als "Technik der Aufnahme" umschrieben haben. Das Bundesinnenministerium hat angekündigt, Menschen aus Syrien anders einzustufen, auch die Unionsparteien haben sich dieser Haltung zu eigen gemacht, wollen den Familiennachzug für Ankommende aus Syrien beschränken. Sie, Herr Mazyek  haben familiäre Wurzeln in Syrien – ihr Vater ist Syrer. Wie beurteilen Sie diesen Kurs?

Mazyek: Also ich beurteile ihn erst mal von Seiten des Grundgesetzes und auch von der Ethik und Moral, dass wir das nicht machen können, dass wir Familiennachzug abschneiden und ich habe nicht den Eindruck, dass dieser Gedanke auch in der Regierung weitergeführt würde, auch nicht vom Innenminister, weil das ist das völlig falsche Signal. Wenn ich Menschen integrieren will, Männer, die ja zuerst herkommen, dann wird doch gerade die Integration viel einfacher sein und die soziale Spannung wird sich viel weniger einstellen, wenn Familien nachziehen, also muss ich doch ein Interesse haben, dass die ihre Familien nachziehen und nicht das Gegenteil.

Detjen:  Es hat in diesem gesamten Sommer ja eine eindrucksvolle Stimmung der Hilfsbereitschaft in Deutschland gegeben, an diesem Wochenende gehen Vertreter des Zentralrats der Juden in Erstaufnahmeunterkünfte, um auch dort ein Zeichen zu setzen. Haben Sie die Sorge, dass die Stimmung, die Deutschland geprägt hat, jetzt kippen könnte?

Mazyek:  Ja, sicherlich ist das möglich, dass die Situation kippt und man hat auch schon den Eindruck, dass es so ist und ist es auch müßig zu diskutieren übrigens, wenn ich noch bei der Obergrenze bin oder Untergrenze, wann ist die erreicht? Und es ist Blödsinn zu sagen: Also ein Land wie Türkei hat drei Millionen aufgenommen und wir haben doch erst gerade mal eine halbe Million oder eine Million, das ist müßig. Letztendlich ist es eine individuelle, eine gefühlte, eine emotionale Grenze und sie ist möglicherweise bei uns erreicht – möglicherweise - und da kann der Vorsitzende des Zentralrats noch so viel erzählen, das ist eine gefühlte Grenze und die ist nun mal da und wir müssen damit umgehen und klarkommen.

Es ist wichtig zu sagen, dass wir diese Willkommenskultur weiter aufrecht erhalten, indem wir unsere Ehrenamtler weiter unterstützen, indem wir sie nicht überfordern, indem wir nicht die Bevölkerung überfordern und noch eins: Der Terroristen größter Feind ist, wenn diese Willkommenskultur weiter aufrecht erhalten wird. Die Willkommenskultur ist der größte Feind der Terroristen. Darauf zielten sie mitunter ab, dass die gebrochen wird. Und lasst sie nicht brechen, damit sie nicht gewinnen.

Detjen:   Aiman Mayzek, vielen Dank für dieses Gespräch.

 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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