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StartseiteKultur heuteEine sanfte, aber unüberhörbare Stimme10.07.2017

Zum Tod von Peter HärtlingEine sanfte, aber unüberhörbare Stimme

Der Schriftsteller Peter Härtling ist mit 83 Jahren gestorben. Für ihn war das Schreiben immer ein Schreiben entlang der eigenen Wirklichkeiten. Er war Lyriker, Romancier, Essayist, Dramatiker und Biograf - doch seinen Ruhm verdankte er vor allem Romanen für Kinder.

Von Tanya Lieske

Peter Haertling, deutscher Schriftsteller, aufgenommen am 02.04.2014 in Mainz. (dpa / Erwin Elsner)
Der deutsche Schriftsteller Peter Haertling (dpa / Erwin Elsner)
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"Ich hab vor einigen Jahren den Auftrag gehabt, auf einem Kongress zu sprechen, der Kriegskindern galt. Hier in Frankfurt an der Uni. Und ich erzählte aus meiner Kindheit, und mir wurde klar, wie traumatisch besetzt ich bin. Und dass ich einfach schreibend damit fortwährend und konsequent umging. Dass ich also, wenn ich für Kinder schrieb, meine Kindheit suchte. Oder meine Kindheit mir so wünschte."

Eine Spur des Schmerzes stand ihm ins Gesicht geschrieben, wohnte in seinen Augen, nistete in den Mundwinkeln, konnte auch in der Stimme mitzittern. 1933 in Chemnitz geboren, gehörte Peter Härtling zu jener Generation, die man heute in Deutschland die "Kriegskinder" nennt. Viele von ihnen haben Dinge erlebt, die sich dem Benennbaren entziehen. Peter Härtling aber hat es geschafft, zu sprechen. Und zu schreiben!

"Ich begann mit 14 zu schreiben. Ich hätte auch durchdrehen können, wie Kinder heute. Ich hätte gewalttätig werden können, mich wehren können gegen die Verlogenheit der Erwachsenen, die allesamt aus Nazis ganz tolle Demokraten geworden waren, und fromme Christen. Das war schwer für mich auszuhalten, vor allem auch bei den Lehrern."

1953 debütiert er mit einem Lyrik-Band

Peter Härtlings Familie zieht während des Zweiten Weltkriegs von Chemnitz nach Olmütz in Mähren, um dann weiter zum Ende hin vor der Roten Armee nach Niederösterreich zu fliehen. Peter Härtling erlebt also als Kind einen Flüchtlingstreck. Sein Vater stirbt später in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Seine Mutter nimmt sich kurz nach Kriegsende das Leben. Sie war 1945 von sowjetischen Soldaten vergewaltigt worden, was der damals 12-jährige Junge mit ansehen musste.

"Meine Mutter war eine außerordentlich lebenslustige, für Musik aufgeschlossene, für Literatur offene Frau. Sie lehrte mich das Lesen, sie lehrte mich auch den Umgang mit Büchern, und das war für mich extrem wichtig, auch als sie nicht mehr da war."

Peter Härtling und seine jüngere Schwester leben nun in der schwäbischen Stadt Nürtingen, der Hölderlin-Stadt. Härtling hat den großen deutschen Dichter Friedrich Hölderlin nie als Verwandten im Geist bezeichnet. Dazu war er viel zu bescheiden. Aber er debütiert 1953 mit einem schmalen Lyrikband. 1976, viele Gedichtbände, erste Romane, Theaterstücke und auch Kinderbücher später, schreibt Peter Härtling dann eine Biografie über Friedrich Hölderlin. Es ist eine bemerkenswerte Biografie, sie wird Schule machen, weit über ihren Gegenstand hinaus. Gleich der erste Satz stellt eine ganzes Genre auf die Probe.

"Am 20. März 1770 wurde Johann Christian Friedrich Hölderlin in Lauffen am Neckar geboren – Ich schreibe keine Biografie. Ich schreibe vielleicht eine Annäherung. Ich schreibe von jemandem, den ich nur aus seinen Gedichten, Briefen, aus seiner Prosa, aus vielen anderen Zeugnissen kenne."

Eine halbe Seite später im Text fällt dann eine entscheidende Bemerkung, in der man Peter Härtlings ganzes Werk wiederfinden kann:

"Ich bemühe mich, auf Wirklichkeiten zu stoßen. Ich weiß, es sind eher meine als seine."

Schreiben war für Peter Härtling immer ein Schreiben entlang der eigenen Wirklichkeiten. Er benannte die simple und vielen Diskursen gegenläufige Tatsache, dass ein Text nie ohne seinen Autor existiert. Härtling pflegte dabei einen tastenden, einen abwägenden, auch einen elegischen Ton, der eher zu einer Hölderlin-Zeit als zu seiner manchmal grellen und selbstgewissen Gegenwart gehörte. All das gilt für den Lyriker, den Romancier, den Essayisten, den Dramatiker und den Biografen Peter Härtling. Daneben gab es aber noch einen ganz anderen, sozusagen einen zweiten Peter Härtling. 

Er blieb nah an der Gegenwart

Das war der Peter Härtling, der für Kinder schrieb. Verblüffenderweise, oder sollte man sagen, glücklicherweise? verdankte er seinen Ruhm vor allem den Romanen für Kinder. Auch dank seines Engagements haben Kinderbücher heute einen hervorragenden Stand im Literaturland Deutschland.

Das war der Hirbel, 1973

Oma, 1975

Theo haut ab, 1977

Ben liebt Anna, 1979

Krücke, 1986

Das sind seine berühmtesten Titel, aber Härtling schrieb für Kinder bis zuletzt. Und er blieb nah an der Gegenwart. Eines seiner letzten Bücher handelte von einem Flüchtlingsjungen, und es war entstanden, als Härtling die Bilder von neuen Flüchtlingstrecks im Fernsehen gesehen hatte. Kinder waren für Härtling als Leser ernst zu nehmen. 

An den großen Autor Peter Härtling erinnert auch der nach ihm benannte Peter-Härtling-Preis, den sein Verlag Beltz & Gelberg alle zwei Jahre für einen Kinderroman auslobt. Zu seinen Lebzeiten saß Peter Härtling mit in der Jury. Dort und in vielen anderen Kreisen wird Peter Härtling, Träger des Hölderlin-Rings und des großen Bundesverdienstkreuzes, schmerzlich fehlen. 

Wer Härtlings Gesicht zu Lebzeiten einmal aufmerksam betrachten durfte, konnte auch Güte, Glück und eine stille Freude am Leben darin entdecken.

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