Freitag, 17.11.2017
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDer Nahe Osten und die Kriegsfolgen15.05.2017

Zweiter WeltkriegDer Nahe Osten und die Kriegsfolgen

Welche Folgen der Zweite Weltkrieg in der arabischen Welt hatte, beschreibt der Hamburger Historiker Helmut Mejcher in seinem Band. Die rigorose Kriegsbewirtschaftung der Alliierten wirkte sich im Nahen Osten bis in die Nachkriegszeit hinein aus. Die Briten mussten sich schließlich aus der Region zurückziehen.

Von Jan Kuhlmann

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Italienische Kriegsgefangene, die an deutscher Seite kämpften, während der Schlacht von El Alamain. Der Afrikafeldzug unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel ("Wüstenfuchs") scheiterte in den von Juni bis November 1942 andauernden Kämpfen bei El Alamain. Trotz des Befehls Adolf Hitlers an Rommel, seinen Truppen "keinen anderen Weg zu zeigen als den zum Siege oder zum Tode" zog sich Rommel angesichts der britischen Übermacht zurück. Im März 1943 kapitulierten die Streitkräfte der Achsenmächte in Afrika. (picture alliance / dpa / Foto: UPI)
Beim Nordafrika-Feldzug Erwin Rommels gegen die Briten kämpften italienische Kriegsgefangene an deutscher Seite. (picture alliance / dpa / Foto: UPI)

Die arabische Welt, sie war im Zweiten Weltkrieg auch für deutsche Truppen ein Schlachtfeld, allerdings ein recht erfolgloses. Berühmt-berüchtigt in der deutschen Erinnerung ist vor allem der Nordafrika-Feldzug Erwin Rommels gegen die Briten. Seine Panzeroffensive fügte Londons Truppen massive Verluste zu. Wirklich ins Wanken brachten sie diese Militäroperationen nicht, schreibt der emeritierte Hamburger Geschichtsprofessor Helmut Mejcher.

"Stattdessen offenbarten sie auf Seiten der Achsenmächte chaotische Planungsvorgaben, geographische Unkenntnisse, enorme logistische Engpässe, Materialbeschaffungsprobleme und einen verhängnisvollen Treibstoffmangel, der schließlich die Niederlage von Rommels letzter Offensive bei El Alamein am 31. August 1942 besiegelte. Von da an bewegte sich Rommel nur noch in der Defensive."

Schock für den Nahen Osten

Genauso erfolglos blieben die deutschen Bemühungen im Irak. In Bagdad konnte zwar 1941 kurzzeitig eine Berlin-treue Regierung das Kommando übernehmen – doch brachten die Briten die Lage schnell wieder unter Kontrolle. Exemplarisch für das Scheitern der deutschen Politik steht nach Mejchers Ausführungen der Flug von Major Axel von Blomberg in die irakische Hauptstadt. Er wollte dort die Moral der anti-britischen Putschisten stärken, die auf deutsche Luftunterstützung hofften:

"Während des dröhnenden Tiefflugs über der Hauptstadt geschah das Unerwartete. Durch Kopfschuss von einem der Dächer aus wurde von Blomberg getötet. Ob das Geschoss in feindlicher Absicht, aus Irrtum über die Nationalität des Fliegers oder aus einem Freudentaumel heraus abgefeuert wurde, sei dahingestellt. Den Flugbegleitern gelang es, das nicht für einen Kampf ausgerüstete Kurierflugzeug zu landen. Dessen ungeachtet funkte der Gestapo-Mann in der deutschen Botschaft nach Berlin, dass von Blomberg im Luftkampf gefallen sei!"

Für Mejcher sind solche Abenteurer-Geschichten jedoch nur Randaspekte, das gilt übrigens auch für die militärischen und politischen Ereignisse. Er widmet sich stattdessen vor allem der Alliierten-Wirtschaftspolitik. Ganz entscheidend für Londons Erfolge in der Region war demnach eine ausgezeichnete Logistik. Die Briten, später zusammen mit den Amerikanern, unterwarfen den Nahen Osten einer rigorosen Kriegsbewirtschaftung. Mejcher untersucht detailliert, welche Folgen das für die arabischen Länder hatte. Der Nachschub über das Meer war fast vollständig blockiert. Deswegen zwangen die Alliierten der Region eine Selbstversorgung auf. Überhaupt traf der Krieg den Nahen Osten wie ein Schock. Beispiel Ägypten: Die Landwirtschaft am Nil war geprägt von einer Baumwoll-Monokultur. Das führte bei Kriegsausbruch zu einem volkswirtschaftlichen Desaster, weil Import und Export zusammenbrachen.

"Ägyptens Nahrungsmittelproduktion war in keiner Weise auf den Kriegsausbruch und die Unterbrechung der Nahrungs- und Düngereinfuhren vorbereitet. Katastrophenstimmung machte sich breit. In den Jahren 1940/41 saß Ägypten auf einer Baumwollernte, die es nicht über den üblichen Export loswerden konnte; der Agrarsektor war nicht auf die Importsubstitution von Nahrungsmitteln eingestellt."

Soziale Krise nach dem Krieg

Dennoch beharrte Großbritannien auf seinem rigorosen Kurs. Importe wurden gedrosselt, Güter rationiert. Das hatte massive Auswirkungen. Die Baumwollproduktion wurde verringert, stattdessen wurden andere Agrarprodukte angebaut. Auch die industrielle Produktion wuchs. So lebte etwa die Zuckerherstellung auf. Was zunächst wie eine positive Entwicklung erschien, sollte sich jedoch nicht als nachhaltig erweisen. Die Industriebetriebe waren meistens klein. Sie konnten im Krieg überleben, weil sie künstlich vom Weltmarkt abgeschottet waren. Ihre Produkte hatten bei normalem Wettbewerb jedoch kaum Marktchancen. Die hohen Kriegsausgaben der Alliierten führten zudem zu einer außerordentlich starken Inflation. Das schadete vor allem den Kleinbauen, den Fellachen:

"Für die Fellachen war [...] fatal, dass die regierungsamtlichen Anreize für eine Diversifizierung agrarischer Erzeugnisse den Bodenpreis und die Pacht höher steigen ließen als das eigene Einkommen. Letzteres hinkte sogar hinter den Preissteigerungen für Konsumgüter her. Das Ergebnis war eine weitere Öffnung der Schere sozialer und ökonomischer Ungleichheit."

Mejcher sieht als Folge eine tiefe soziale Krise auf dem Land. Die harte Hand der zentralen britischen Steuerungsbehörde wurde als Willkür empfunden. Beschwerden der Bauern nahmen überhand. Zudem stieg die Arbeitslosigkeit.

"Bauernrevolten und Hungeraufstände waren an der Tagesordnung. [...] Die Unruhen erreichten auch die Städte, wohin im Übrigen ein signifikanter Teil des ländlichen Proletariats abgewandert war."

Militärputsch in Ägypten

Die Rufe nach vollständiger Unabhängigkeit Ägyptens von Großbritannien und dem Rückzug aller britischen Truppen wurden lauter. Sie sollten sich in Ägypten in den 50ern in einem Militärputsch entladen, der die Monarchie stürzte. Land für Land unterzieht Mejcher den Nahen Osten einer solchen sozio-ökonomischen Untersuchung. Am Ende stellt er fest:

"In großen Teilen der arabischen Bevölkerung waren die drakonischen Rationierungen und Mobilitätseinschränkungen als Fortsetzung kolonialer Unterwerfung und Bevormundung empfunden worden. Die massive Stationierung von anglo-indischen Empiretruppen und frei-französischen afrikanischen Söldnern, die es mitzuversorgen galt, war ein weiteres Ärgernis."

Mejchers Band ist alles andere als eine einfache Lektüre. Der Historiker hat akribisch Daten gesammelt. Gespickt mit Zahlen und Statistiken erfordert die Studie einigen Atem. So manche Schlussfolgerung bleibt uneindeutig – mehr Klarheit im Urteil hätte dem Buch gut getan. Doch Mejcher gelingt ein wichtiger Wechsel der Perspektive, indem er auf die sozio-ökonomische Entwicklung der arabischen Welt blickt. Schließlich war es nicht Rommels Nordafrika-Feldzug, der bis in die Nachkriegszeit wirken sollte – sondern die rigorose Kriegsbewirtschaftung der Alliierten. So hilft Mejcher zu verstehen, warum die Briten nach dem Krieg im Nahen Osten kaum noch ein Bein auf den Boden bekamen. Und sich einige Jahre später aus der Region verabschieden mussten.

Helmut Mejcher: "Der Nahe Osten im Zweiten Weltkrieg"
Ferdinand Schöningh Verlag, 381 Seiten, 49,90 Euro.

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