Samstag, 24.07.2021
 
StartseiteKalenderblattDer kleine Gigant des Jazz15.06.2021

100. Geburtstag des Pianisten Erroll GarnerDer kleine Gigant des Jazz

Erroll Garner machte nie einen Hehl daraus, dass er keine Noten lesen konnte – und wurde zu einem der originellsten Pianisten der Jazz-Geschichte. Mit seinem swingenden Trio eroberte er die Klassik-Konzertsäle der Welt. Am 15. Juni 2021 wäre er hundert Jahre altgeworden.

Von Karl Lippegaus

Erroll Garner sitzt am Klavier, im Anschnitt ist ein Cello zu sehen. (Imago / William P. Gottlieb)
Erroll Garner in den späten 1940-ern in New York. Mitunter saß der Jazz-Pianist auf Telefonbüchern, um seine Größe dem Flügel anzupassen (Imago / William P. Gottlieb)
Mehr zum Thema

Eine Lange Nacht über Cole Porter "I get a kick out of you"

JazzFacts Neues von der Improvisierten Musik

Swing-Legende Norma Miller Die Königin des Lindy Hop

1941 Als Glenn Miller den "Chattanooga Choo Choo" aufnahm

"Wenn wir eine Platte aufnehmen, streben wir das Feeling beim Konzert oder auch im Nachtclub an. Entspann‘ dich, fang einfach an - und treib‘ es nicht zu toll. Stiehl‘ den Leuten nicht die Zeit. Die Platten bringen das noch besser rüber."

Fats Waller und Duke Ellington prägten seinen Stil. Blues, Balladen, Boogie Woogie oder Harlem Stride - aber er spielte alles auf seine Art, er konnte nicht anders. Erroll Garner hatte sich das Klavierspielen selbst beigebracht.

Garners Kaskaden strömten aus unzähligen Radios

Zwischen Rokoko und Exzentrik. Reiche Verzierungen. "Laura", sein erster großer Erfolg, verkauft 1951 eine halbe Million Platten. Ein kleiner Mann sitzt schwitzend, summend und leise keuchend auf Telefonbüchern am Klavier - um seine Größe dem Flügel anzupassen. Sie nennen ihn "den kleinen Giganten" oder auch "die Elfe". Seine Wasserfall-Kaskaden strömen aus unzähligen Radios.

Am 15. Juni 1921 wird er in Pittsburgh geboren. Der Dreijährige schnappt etwas vom Klavierunterricht des Bruders auf und später den Sound der Bigband von Count Basie. Mit neun Jahren spielt er in Radioshows und auf Flussdampfern. - nichts klinge spießig, befand er, "wenn man ´rausfindet, was man damit machen kann. Darum geht’s, das versuche ich einzufangen."

"Hätte ich 13 Finger, würd‘ ich noch mehr ausprobieren."

Die linke Hand spielt vier Schläge aus Akkorden, während die rechte Hand das Tempo verschleppt und Spannung erzeugt.: "Da sind die 88 Tasten! Wer die gemacht hat, muss sich was dabei gedacht haben. Ich fand immer, das Klavier muss so voll wie möglich klingen. Hätte ich 13 Finger, würd‘ ich noch mehr ausprobieren."

Ein dänischer Aristokrat und Plattensammler, Timmie Rosenkrantz, bekannt als "der Jazzbaron", wird sein Freund. Bei ihm werden Azetatplatten mit dem Spiel des 23-Jährigen mitgeschnitten. Illegale Plattenlabels verdienen bis heute am privaten und öffentlichen Erroll Garner. Auf der Höhe seines Ruhms taucht sein Name bei 40 Firmen gleichzeitig auf.

"Als könne er sein Gehirn in zwei Teile teilen"

Erroll hat nie Noten lesen gelernt, dafür aber ein "phonographisches Gedächtnis": Hat er einen Song einmal gehört, kann er ihn nachspielen: "Viele wussten nicht, dass ich Linkshänder war. Meine rechte Hand war schwächer. Ich musste mit ihr immer ‚nachlaufen‘ spielen, sie schleppte etwas hinterher." Garners Bruder Linton sagte: "Errolls Hände sind völlig unabhängig. Als könne er sein Gehirn in zwei Teile teilen: in einen linken und einen rechten Teil."

Charlie Parker bei einem Auftritt mit Max Roach und Tommy Potter. (Getty Images / Redferns / William Gottlieb) (Getty Images / Redferns / William Gottlieb)Charlie Parker - Saxofonist, Exzentriker, Jazzrevolutionär
Charlie Parker führte ein unkonventionelles und selbstzerstörerisches Leben. Er wurde nur 34 Jahre alt. Dennoch veränderte er das Saxofonspiel grundlegend und schuf das Fundament des modernen Jazz. 

Von Errol Garner stammen einige der meistgespielten Jazz-Standards. Sein "Misty" von 1954 ist unzählige Male von anderen gecovert worden. Er schrieb ihn unter dem Eindruck eines Regenbogens: "Auf einem Flug von San Francisco nach Chicago machten wir einen Zwischenstopp in Denver, und da sah ich diesen Regenbogen. Ich spielte auf meinen Knien wie am Klavier mit geschlossenen Augen und brummte die Melodie. Die alte Dame neben mir rief nach der Stewardess."

Mit seinem Trio tritt Erroll Garner in der Carnegie Hall und dann weltweit auf. Ein schwarzer Selfmade-Pianist öffnet dem Jazz die Konzertsäle der Klassik. Seine berühmteste Platte ist "Concert by the Sea", eher zufällig mitgeschnitten auf einer Militärbasis in Carmel, Kalifornien. Es wird ein Longseller.

Wolfgang Knauer: „Play yourself, man!“ (Buchcover Reclam Verlag / Hintergrund unsplash / Jens Thekkeveettil) (Buchcover Reclam Verlag / Hintergrund unsplash / Jens Thekkeveettil)"Play yourself, man!" - Deutscher Jazz als Erfolgsstory
Jazz war in Deutschland lange Zeit eher verpönt, was sich erst spät änderte. Jetzt liegt die erste Gesamtdarstellung über die wechselhafte Geschichte des deutschen Jazz vor. Geschrieben hat sie Wolfram Knauer, Leiter des Jazzinstituts in Darmstadt. Ein Buch mit vielen Überraschungen.

Erroll Garner wurde mit vielen Preisen geehrt. Ein scheuer unauffälliger Mann mit einem natürlichen Charme, ohne Skandale, ohne Probleme. Noch kurz vor seinem Tod sagte er:

"Nur die Spitze des Eisberges zeigt sich. Ich habe einen Kopf voll mit Musik. Wartet nur ab und hört es euch an." -

Er stirbt 1977 in Los Angeles im Alter von 55 Jahren.(*)

"Ich spiele immer, was ich fühle, aber jeden Tag bin ich anders, beziehe Ideen von überall: eine kräftige Farbe, der Klang von Wasser und Wind, eine kühle Brise. Spielen ist wie Leben - entweder du fühlst es … oder nicht."

(*) Das Alter wurde korrigiert

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk