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StartseiteDeutschland heute"Man muss alles Gute und Schöne mitmachen"18.05.2020

100. Geburtstag im Pflegeheim"Man muss alles Gute und Schöne mitmachen"

Immer mehr Auflagen werden gelockert, auch in Alten- und Pflegeheimen. Doch dort steigt gleichzeitig die Sorge, dass die Ansteckungsgefahr jetzt größer wird. Wie feiert man unter diesen Umständen einen 100. Geburtstag?

Von Jessica Sturmberg

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Agnes Senker sitzt hinter einer Scheibe und trägt eine Krone mit der Zahl 100. (Jessica Sturmberg)
Dass sie ihren Geburtstag feiern konnte, war für Agnes Senker ein großes Glück (Jessica Sturmberg)
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"Ja Agnes, wir kommen zu gratulieren zu Deinem 100. Geburtstag, 100 Jahr bis do jeworden… singen zum Geburtstag viel Glück…"

Agnes Senker sitzt in edler Jacke, Perlenkette und Krönchen mit der stolzen 100 im Haar, an einem Tisch im Besuchszimmer des St. Johannes-Stift in Spelle, direkt vor dem geöffneten Fenster und der eingesetzten Plexiglasscheibe – dahinter wieder ein Tisch, Desinfektionsmittel, zwei Gartenstühle – draußen aufgestellt unter einem Pavillon.

Zwei Männer singen ein Ständchen zum Geburtstag, einer der beiden spielt dazu eine Ziehharmonika. (Jessica Sturmberg)Ein Ständchen unter besonderen Bedingungen (Jessica Sturmberg)

Die beiden Gratulanten vom Plattdeutsch-Verein singen ihr dort ein Ständchen. Bis Mitte März kamen sie regelmäßig zu den Plattdeutsch-Nachmittagen. Seither ist es das erste Mal, dass sie wieder da sind, da sein können – um wenigstens heute einmal der Dame zu gratulieren, die ihre Nachmittage sonst immer so belebt hat. Mit ihren Liedern, die sie auf der Mundharmonika spielt.

"Allet, allet Jute für dat neue Johr." Agnes Senker ist klar im Kopf, verfolgt mit ihren 100 Jahren aufmerksam und konzentriert, wie die beiden sie beglückwünschen. Und lächelt. "War schön, ne? Die haben gesagt, sie kämen mit Musik, das habe ich gar nicht geglaubt."

Nachdem zwei Monate fast gar nichts ging, nicht einmal ihre Tochter und ihren Schwiegersohn zu sehen. Aber jetzt, wo ihre Familie, auch die von weit her angereisten Enkel und Urenkel nacheinander in den Pavillon treten, ist sie sichtlich gerührt. Auch wenn sie nicht mehr so gut sieht und die beiden Tische und die Scheibe dazwischen es ihr schwer machen, alles sofort zu erkennen.

"Kannst Du uns erkennen, Oma? … Kannst Du uns erkennen? Wir sind gestern acht Stunden mit dem Auto gefahren, damit wir hierher kommen können."

Ein neues Besuchskonzept machte die Feier möglich

Für ihre Enkelin Kerstin und ihren Partner war bis zuletzt unklar, ob sie aus der Schweiz anreisen und der Oma überhaupt gratulieren könnten: "Wir konnten ohne Probleme über die Grenze", sagt Kerstin. "Jetzt müssen wir nur noch zurückkommen", ergänzt ihr Partner.

Dass Agnes Senker ihre Familie an ihrem 100. Geburtstag zumindest auf diese Weise sehen und sprechen kann, verdankt sie dem Umstand, dass am Tag zuvor ein neues Besuchskonzept genehmigt wurde, wie die Heimleiterin Elsbeth Dagge erzählt:

"Eigentlich laufen schon seit letztem Jahr die Planungen auf diesen Tag hin, weil Frau Senker selber eben auch so lebensfreudig ist und einfach Lust auf diesen Tag hatte. Aktuell ist es dann jetzt so gewesen, dass gestern die Ausnahmegenehmigung vom Landkreis Emsland kam zwecks teilweiser Aufhebung des Besuchsverbotes, worüber wir natürlich ganz, ganz froh sind, dass das dann jetzt noch geklappt hat und so wir wenigstens ermöglichen können, dass sie ihre Familie entsprechend sieht."

Es ist ein Spagat zwischen Schutz und angemessener Würdigung dieses Ehrentages. Und dann kommen all diese Gedanken: "Wie lange dauert es noch? Für viele Bewohner ist einfach so der Faktor Zeit da. Ich weiß es nicht wie es im nächsten Jahr ist, wie viele Bewohner dann noch bei uns sind. Das ist für unsere Pflegekräfte, für alle unsere Mitarbeiter hier ganz, ganz schwer auch auszuhalten."

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Alle Beiträge zum Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Das ganze Personal hält sich seit Wochen im eigenen Leben zurück, reduziert Kontakte auf das Nötigste, um das Virus nicht in das Pflegeheim hinein zu tragen. Schließlich sind sie die einzigen, die den Senioren und Seniorinnen nahe kommen, sie mal in den Arm nehmen. Wie auch das hundertjährige Geburtstagskind. Für das sie viel geschmückt haben, einen großen Kranz an ihrer Zimmertür, Ballons und Blumen.

Die ursprünglich geplante Feier musste ausfallen

Eigentlich hatte sich Agnes Senker eine große Feier in einer Gaststätte mit allen Angehörigen, gewünscht. wie zu ihrem 90. Geburtstag. Sie hat eine Weile gebraucht um zu verstehen, dass das nicht gehen würde.

Wie erklärt man einer Person, die als junge Frau im Krieg nur Stunden nach einer Blinddarm-OP einen Flugzeugabsturz auf das Krankenhaus überlebt hat, die in Zeiten von Hungersnot eine Nazi-Kontrolle wegen illegaler Schlachtung eines Schweins überstand, und mal in ein Gülle-Loch gefallen ist, dass so ein Virus tatsächlich gefährlich ist?

"Das hat sie erst gar nicht begriffen. Das hat sie vor 14 Tagen noch gefragt: Wo feiern wir denn eigentlich Freitag? – Ich sag, Mama, wir können gar nicht feiern – Wie gar nicht? – Die war entsetzt – Gar nicht?" Erzählen Tochter Marita und Schwiegersohn Hermann.

Und dann ist es irgendwie doch eine kleine Feier hinter der Scheibe geworden, vormittags die Gespräche am Fenster, am Nachmittag gibt es im Hof Musik von einem Alleinunterhalter, der extra für sie da ist.

Ein Alleinunterhalter singt ein Lied für Frau Senker, zwischen den beiden ist eine Plexiglasscheibe. (Jessica Sturmberg)So nah und doch sicher durch Plexiglas getrennt (Jessica Sturmberg)

Viele Angehörige und Freunde sind gekommen, verteilen sich mit Mundschutz im Garten der Anlage, schwingen ein bisschen zur Musik mit. Agnes Senker sitzt zusammen mit ihren Flurnachbarn hinter der Glaswand, ein Oberfenster auf Kippe, damit die Musik zu ihnen durchdringt. Auch die Bewohner der anderen, momentan strikt abgeschirmten Flure schauen hinter ihren Fensterscheiben oder von den Balkonen zu. Sie alle genießen, dass endlich mal wieder etwas los ist.

Die 100-Jährige hatte an diesem Tag sogar wieder die Puste ein bisschen auf ihrer Mundharmonika zu spielen. Die Familie ist froh, dass sie sich freut und den Tag auch unter diesen Umständen so annimmt. So wie sie es immer in ihrem schon so langen Leben gemacht hat, so will der Enkel wissen: "Wie findest Du das denn, dass Du 100 geworden bist?" Agnes Senker: "Man muss alles Gute und Schöne mitmachen."

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