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StartseiteKalenderblattDie Welt durch Schreiben bewältigen05.01.2021

100. Geburtstag von Friedrich DürrenmattDie Welt durch Schreiben bewältigen

Eigentlich wollte Friedrich Dürrenmatt Maler werden. Dazu habe ihm der Mut gefehlt, also wurde er Schriftsteller - und mit zwei Theaterstücken weltberühmt. Mit "Der Besuch der alten Dame" und "Die Physiker" malte er literarisch gegen die Welt an. Am 5. Januar 2021 wäre er 100 Jahre alt geworden.

Von Christoph Vormweg

Porträt des Schweizer Autoren Friedrich Dürrenmatt. (picture alliance / KEYSTONE)
Der 1921 geborene Friedrich Dürrenmatt schuf mit "Der Besuch der alten Dame" einen Klassiker der Schullektüre (picture alliance / KEYSTONE)
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"Das Komödiantische ist meine dramaturgische – ich möchte fast sagen – wissenschaftliche Methode, mit der ich mit den Menschen experimentiere," sagt Friedrich Dürrenmatt 1962.

Und: "Schreiben ist das Bewältigen der Welt durch die Sprache."

"Dass das Universum nicht mehr geordnet, dass der Zufall herrscht, dass es keinen großen Sinn mehr gibt – das hat ihn unheimlich geprägt", so Dürrenmatt-Forscher Max Roehl von der Universität Tübingen:

"Und der Anspruch ist dann, Gleichnisse zu schaffen, um dieser undurchsichtigen Welt irgendwie ein Bild zu geben, Welt sichtbar zu machen."
 
Friedrich Dürrenmatt wird am 5. Januar 1921 im Schweizer Dorf Konolfingen geboren. Früh fällt der Pastorensohn vom Glauben ab. Da bot ihm das Schreiben einen Ausweg, sagte Dürrenmatt dazu. Doch nur "weil ich nicht wagte, das zu werden, was ich eigentlich werden wollte: nämlich Maler."

Durchbruch 1956 mit "Der Besuch der alten Dame"

Als junger Familienvater nimmt Dürrenmatt jeden Auftrag an. Sein erster Erfolg wird ein Kriminalroman: "Der Richter und sein Henker". 1956 folgt der Durchbruch auf der Bühne. "Der Besuch der alten Dame", eine groteske, bitterböse Komödie, wird zum Welterfolg. Eine Milliardärin kommt in ihre heruntergekommene Heimatstadt zurück und verkündet, sie werde neuen Wohlstand schaffen. Dafür fordert sie die Leiche jenes Mannes, der sie vor Jahrzehnten geschwängert und verstoßen hat. Dazu Germanist Max Roehl:

"Das ist ein Stück über die Nachkriegszeit, über das Wirtschaftswunder, also auch über die Verführbarkeit des Menschen, was das Geld betrifft. Aber viel mehr noch ist es auch ein Nachkriegsstück, insofern es den Nationalsozialismus auch reflektiert: wie eigentlich Schuldvergabe funktioniert, wie Kollektive sich gleichschalten, Individuen ausgrenzen." 

Das Irrenhaus als Weltmodel

1962 folgt das Theaterstück "Die Physiker", eine Parabel auf den selbstmörderischen Fortschrittsglauben in Zeiten der Atombombe. Max Roehl verweist auf einen, wie er findet, schönen Satz in Dürrenmatts Anmerkungen zu den "Physikern":

"Eine Geschichte ist erst dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Also, es ging immer ihm um dieses In-die-Katastrophe-denken."

Voller Sarkasmus erhebt Dürrenmatt das Irrenhaus zum Weltmodell. Theaterkritiker, die Bertolt Brecht verehren, vermissen bei ihm die politische Zukunftsvision. Doch ideologisches Denken ist Dürrenmatt zuwider: "Der Mensch ist ein Paradox. Er kann nur als Rebell gegen den Tod existieren. (…) Was ich grotesk nenne, ist das, dass der Mensch als Wesen nicht aufgeht, eine Rechnung ist, die nicht aufgeht."

Ein Two-Hit-Wonder?

Zehn Jahre bleibt Dürrenmatt auf der Erfolgsspur. Dann mehren sich die Verrisse. Seine derben, manchmal flachen Witze werden kritisiert, auch die oft entscheidende Rolle des Zufalls in seinen Stücken. Anlässlich seines 60. Geburtstags klagt Dürrenmatt: "Der Ruhm befreit nicht, sondern der Ruhm versklavt." Allerdings ergänzt er versöhnlich: "Man muss gerade so viel Ruhm haben – das ist wahrscheinlich das Kunststück -, dass man eben frei arbeiten kann – und das habe ich eigentlich erreicht, dass ich schreiben kann, was ich jetzt will."

Später Schwenk zur Prosa

Dürrenmatt vollzieht die Wende zum Subjektiven und zur Prosa. 30.000 Manuskriptseiten verfasst er über seine ungeschriebenen "Stoffe". In dieser Fundgrube finden sich autobiographische Sequenzen, Vorstufen und Varianten seiner Stücke, Kommentare zum Zeitgeschehen et cetera. Dazu Dürrenmatt:

"Es kam einfach dazu, dass ich neugierig wurde: Wo sind denn eigentlich die Wurzeln meiner Stoffe? (…) Ich wurde neugierig auf meine Phantasie. Wie kommt denn Phantasie zustande?"

1985 erscheint die Ballade "Der Minotaurus". Die Metapher des Wesens aus Mensch und Tier, das in einem Labyrinth eingesperrt wird, bringt Dürrenmatts Existenzgefühl auf den Punkt - hier in einer Hörspielfassung des Deutschlandfunks:

"Er spürte, (…) dass er der Vereinzelte war, der zugleich Aus- und Eingeschlossene, dass es seinetwegen das Labyrinth gab - und das nur, weil er geboren worden war, weil es ein Wesen wie ihn nicht geben durfte, (…) damit die Welt in Ordnung bleibe und nicht zum Labyrinth werde."

Friedrich Dürrenmatt, aufgenommen in Locarno im August 1990 (picture alliance / dpa / Christoph Ruckstuhl) (picture alliance / dpa / Christoph Ruckstuhl)Dürrenmatt - Diagnostiker der Welt, nicht ihr Therapeut
Friedrich Dürrenmatt verfasste Welterfolge wie "Der Besuch der alten Dame" und "Die Physiker". Dabei interessierte ihn das Scheitern des Menschen, aber er wollte immer auch unterhalten.

Jedes Schreiben, so Friedrich Dürrenmatt, ja jede Kreation sei ein Bändigen der Angst. Die Angst "ist gerade das, was man eben formt, was man artikuliert, ich würde fast sagen: wie ein Zauberer bannt."

Kurz nach der deutschen Vereinigung 1990 stirbt Friedrich Dürrenmatt, 69-jährig, in seinem Schweizer Wohnort Neuchâtel.

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