Donnerstag, 30. Juni 2022

Archiv

100 Jahre Erster Weltkrieg
Familiäre Gedenkkultur in Frankreich

Am Tag des Waffenstillstands von Compiègne 1918, dem 11. November, weht die französische Trikolore auf halbmast. Doch jenseits des offiziellen Gedenkens herrscht in Frankreich vor allem familiäres Erinnern. Auch deshalb wird eine politische Instrumentalisierung des Gedenkens kontrovers diskutiert.

Von Ursula Welter | 19.03.2014

Der 11. November ist von jeher ein Feiertag in Frankreich. Tag des Waffenstillstands von Compiègne 1918. Im ganzen Land weht die Trikolore auf halbmast. An den Kriegsdenkmälern werden die Namen der Gefallenen verlesen, "mort pour la France". Kaum ein Dorf im Land, das nicht Opfer zu beklagen hatte, in diesem "Großen Krieg", wie er in Frankreich genannt wird.
Im vergangenen November wurden die Feierlichkeiten für das große Gedenken an den Ersten Weltkrieg mit einem Festakt im Elysée-Palast offiziell eingeleitet. Jenseits der großen Termine mit Staatspräsident ist das Erinnern in Frankreich aber vor allem eines, familiäres Erinnern.
"Das ist nicht nur politische, nationale Geschichte, das sind die vielen, vielen Geschichten, die geteilt werden, im ganzen Land",
erklärt der Historiker Nicolas Offenstadt. ach Millionen französische Soldaten mobilisiert, 1,3 Millionen Gefallene. "In den Familien hat das Folgen bis heute." Und bis heute sind ganze Regionen geprägt von den einstigen Kriegshandlungen. Auch deshalb wird in jedem Dorf, jeder Stadtteil-Bibliothek, den großen und kleinen Theatern, Museen, landauf, landab wird der Katastrophe gedacht.
"Für Frankreich ist 14-18 ein gesellschaftliches, kulturelles Erinnern. Überall. Nicht nur auf Regierungsseite. Die Künstler, die Schriftsteller, die lokal verankerten Historiker, die Theater, alle nutzen 14-18 für ein lebendiges Erinnern. In den Familien werden die Briefe der Großväter hervorgeholt, teilweise ins Internet gestellt, kleine Bücher herausgegeben, das ist lebendiges Gedenken im ganzen Volk."
Die letzten Kriegsteilnehmer sind gestorben, es steht kein "Poilus" mehr am Triumphbogen, wenn ein französischer Staatspräsident am 11. November der Toten von einst gedenkt. 2011 nutzte der damalige Präsident, Nicolas Sarkozy, dies zur Umdeutung des Feiertages. Er trat vor das Grab des Unbekannten Soldaten, an der Hand Kinder, deren Väter in Auslandseinsätzen gefallen waren, Afghanistan, Afrika:
Umdeutung des 11. Novembers
"Das Erinnerungsdatum für den Ersten Weltkrieg gehört allen, die für Frankreich gestorben sind."
Entschied der konservative Präsident und sein sozialistischer Nachfolger im höchsten Staatsamt beließ es dabei. Veteranenverbände, aber auch Historiker hatten mit dieser Entscheidung ihre Probleme:
"Was bedeutet es denn politisch, diesen Tag umzudeuten?“ fragt Nicolas Offenstadt. "Das bedeutet, die Toten von 14-18 für die Kriege von heute zu benutzen."
Es sei zum einen riskant, alle Kriege miteinander zu vermengen. Zum anderen bedeute das, das bislang auch außerhalb der großen Jubiläen intensive Erinnern an den Ersten Weltkrieg abzuschwächen. Und vor allem:
"Erlaubt diese Reform dem Staatschef, sich als oberster Kriegsherr zu geben an einem Tag des Gedenkens. Das ist eine Vermischung der Rollen, die ebenfalls für das Erinnern riskant ist."
Politische Instrumentalisierung des Gedenkens, ob von rechts oder links - in jedem Jahr wird darüber diskutiert, wenn die feierlichen Reden für Botschaften an die Nation genutzt werden. Aus Sicht des Historikers geht es nun aber vor allem darum, die umfangreichen Jubiläums-Feierlichkeiten zu nutzen:
"Ich glaube, für die neuen Generationen muss die Art des Gedenkens absolut erneuert werden. Und da können die Projekte rund um 14-18 jetzt hilfreich sein. Wir erleben in diesem Gedenkjahr viel Reflexion enorm kreative, künstlerische Projekte, mit Literatur, Kino, Fotokunst – und das ist es, was man für die Zukunft nutzen muss. Also nicht mehr nur das jährliche Erinnern an den Kriegsdenkmälern – ich denke, es ist diese kulturelle Art und Weise mit der an die junge Generation etwas weitergegeben werden kann."