Mittwoch, 08.04.2020
 
StartseiteEuropa heuteSpurensuche in Belgien 17.03.2014

100 Jahre Erster WeltkriegSpurensuche in Belgien

Im Ersten Weltkrieg wurde das neutrale Belgien zum Schauplatz entscheidender Schlachten, deren Spuren bis heute sichtbar sind. Städte wie Ypern oder Leuwen gelten als "Märtyrerstädte" und ziehen auch deswegen Touristen an. Doch das gemeinsame Erinnern fällt den Flamen und Wallonen schwer.

Von Anne Raith

Zu sehen ist ein grau-weißer Grabstein in Ypern, Belgien, mit der Inschrift "Soldier of the great war" - Soldat des großen Krieges.
Kaum ein Land wurde vom Ersten Weltkrieg härter getroffen als das neutrale Belgien: Davon zeugt auch der Soldatenfriedhof im belgischen Ypern.
Weiterführende Information

Sendereihe - Europa erinnert: 100 Jahre Erster Weltkrieg (Deutschlandfunk, Europa Heute, 17.03.2014)

100 Jahre Erster Weltkrieg (Themenschwerpunkt auf deutschlandfunk.de)

Es ist kalt und es nieselt ein wenig. Trotzdem sind auch an diesem Abend mehrere Dutzend Menschen zum Menen-Tor im westflämischen Ypern gekommen. Schülergruppen aus England, irische Touristen in wetterfester Kleidung, neuseeländische Armeeangehörige.

Um Punkt acht Uhr treten vier Männer in blauen Uniformen auf die Straße. Die Menge verstummt. Wie jeden Abend, wenn mit dem "Last Post" der gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs gedacht wird.  Jeden Abend seit 1928. In jenem Jahr wurde auch Guy Gruwez geboren. Vierzig Jahre lang war Gruwez Vorsitzender der "Last Post Association", die sein Großvater nach dem Krieg mitbegründet hat.

Jeden Abend wird an die gefallenen Soldaten gedacht

"Hier stand ja kein Stein mehr auf dem anderen. Das gesellschaftliche Leben war tot. Vor dem Krieg haben hier 25.000 Menschen gelebt, nach dem Krieg waren es nur 7.000."

Kaum ein Land wurde vom Ersten Weltkrieg härter getroffen als das neutrale Belgien – kaum eine Region mehr gezeichnet als das westliche Flandern. Zehntausende ließen hier im Stellungskrieg ihr Leben, und das, findet Guy Gruwez, sollte nicht vergessen werden:

"Wir halten noch immer an der Ursprungsidee fest: Dass wir Dankbarkeit jenen gegenüber zeigen, die für den Frieden und die Befreiung Belgiens gefallen sind."

Dabei sollte die Stadt nach den Vorstellungen der britischen Befreier eigentlich gar nicht wieder aufgebaut werden; sie wollten die komplett zerstörte Tuchhalle in Trümmern lassen, als Narbe des Krieges, mitten im Zentrum der Stadt, erzählt Piet Chielens vom "In Flanders Fields"-Museum:

"In Ypern bestand aber bis Ende der 1980er-Jahre überhaupt kein Interesse daran, die Relikte des Krieges zu konservieren. Die Leute wollten alles wieder aufbauen und ihr Leben zurück! Andererseits teilen wir unsere Geschichte mit vielen Nationen in der ganzen Welt – ob wir wollen oder nicht, das ist unsere historische Verpflichtung. Der Erste Weltkrieg ist hier allgegenwärtig, Teil einer jeden Existenz."

Also wurde die Stadt rekonstruiert und in die einst zerstörte Tuchhalle zog das "In Flanders Fields"-Museum ein. Sodass Ypern heute mit bis zu 300.000 Besuchern im Jahr auch ein Wallfahrtsort ist, für Nachkommen und Kriegsinteressierte, in dem der Tourismus keine unerhebliche Rolle spielt.

"Der Erste Weltkrieg ist hier allgegenwärtig"

Die Inhaberin des kleinen Tabakladens zum Beispiel führt neben Zigaretten auch Tassen, Gläser und T-Shirts mit Mohnblumen – den berühmten Poppies – oder dem Porträt eines englischen Soldaten. Ganz exklusiv. Im Nachbarladen gibt es Bonbons und Kekse mit dem Emblem "100 Jahre Erster Weltkrieg".

Die Flamen haben den touristischen Wert dieser Feierlichkeiten schneller begriffen und dafür viel Geld in die Hand genommen, sagt Corentin Rousman. Er kümmert sich im wallonischen Mons um die Gedenkfeierlichkeiten. Der Erste Weltkrieg hat auch in der französischsprachigen Garnisonsstadt gewütet, doch nach den Spuren der vierjährigen Besatzung muss man hier suchen. Rousman steuert seinen Wagen auf einen unbefestigten Feldweg.

Kein gemeinsames Erinnern von Flamen und Wallonen

Der Friedhof Saint-Symphorien liegt versteckt; ein kleiner terrassenförmig angelegter Park, der bescheiden wirkt, im Gegensatz zu den weitläufigen Soldatenfriedhöfen in Westflandern. Unter großen Bäumen ruhen hier nicht nur der erste und der letzte gefallene Soldat des Commonwealth, mit denen sich Mons rühmt. Hier ruhen auch britische und deutsche Soldaten.

"Das ist ein starkes Symbol. Von Beginn an hat man hier gesagt: Die Menschen, die ihr Leben verloren haben, sollen an einem würdigen Ort bestattet werden – egal welcher Nationalität sie sind."

Hier wird am 4. August, 100 Jahre nach Kriegsbeginn, eine der großen Gedenkfeiern stattfinden, mit Gästen aus Großbritannien und Deutschland. Ein gemeinsames Erinnern von Flamen und Wallonen ist nicht geplant. So sei das eben, in Belgien, sagt Rousman.

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