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StartseiteKalenderblattDer Dichter Rubén Darío 06.02.2016

100. TodestagDer Dichter Rubén Darío

Der Name Rubén Darío dürfte heute nur noch Kennern geläufig sein. Dabei war Nicaraguas großer Dichter einer der wichtigsten Erneuerer der lateinamerikanischen Poesie. Viel zu früh erlag er vor 100 Jahren einer Lungenentzündung.

Von Peter B. Schumann

Ein Federkiel mit Papier und Kerze (imago/Mito)
Handgeschriebene Verse eines Dichters: So ähnlich könnten die Schriften des Dichters Rubén Darío ausgesehen haben. (imago/Mito)

"Lieb deinen Rhythmus lass rhythmisch werden dein Handeln
folg seinem Gesetz wie auch deinem Dichten.
Ein Universum von Universen trägst du in dir
und deine Seele ist ein Quell des Gesangs."

Vorreiter seiner Zeit - seine Poesie verändert die spanisch-sprachige Literatur

Mit solchen Versen machte ein junger nicaraguanischer Dichter 1888 auf sich aufmerksam: Rubén Darío. Er war rund zwanzig Jahre zuvor als Félix Rubén García Sarmiento in der Kleinstadt Metapa geboren, die heute seinen Namen trägt: Ciudad Darío. Schon früh galt er als dichterisches Wunderkind und hat später mit seiner Poesie die spanisch-sprachige Literatur verändert: ihr den Anstoß zu der überfälligen Modernisierung gegeben, die sie von den Fesseln akademischer Normen und den Stereotypen schlichter Milieuschilderungen befreite. In dem schmalen Band "Azul" (Blau) von 1988 kümmerte er sich schon nicht mehr um die vorherrschenden Ideale des Wahren, Guten und Schönen und der damit verbundenen Pflicht der Belehrung. Juan Valera, ein zeitgenössischer spanischer Schriftsteller, formulierte den neuen literarischen Anspruch in einer Rezension des Bandes so:

"Wenn man mich fragen sollte, was Ihr Buch lehrt und wovon es handelt, würde ich ohne zu zögern antworten: Es lehrt nichts und handelt von nichts und von allem."

Die Stilrichtung des "Modernismo" verbreitet frischen Wind

Zwei Jahre später prägte Rubén Darío in einer erweiterten Neuauflage von "Azul" den Begriff des "Modernismo" für die literarische Strömung, die rasch um sich greifen sollte. Die Presse bejubelte "... den neuen Geist, der heute eine kleine, aber triumphierende und großartige Gruppe von Schriftstellern und Dichtern des spanischen Amerikas beseelt."

Im Symbolismus entdeckt er seine frühen Vorbilder

Sein Leben verlief turbulent. Er war in einer zerrütteten Familie aufgewachsen und versuchte, mit Hilfe der Poesie diesen Verhältnissen zu entfliehen. Aus der Enge Nicaraguas trieb es ihn bald in andere Länder Lateinamerikas, wo er meist als freier Schriftsteller und als Journalist arbeitete. 1883 konnte er die erste von mehreren Reisen nach Frankreich unternehmen und einigen seiner frühen Vorbilder, begegnen, Symbolisten wie Paul Verlaine und Jean Moréas. Danach war er Redakteur in Buenos Aires und Korrespondent in Spanien. Mit der Zeit entwickelte sich der unstete Geist zu einem Weltreisenden. Er war ständig auf Tour, verehrt als Wortführer einer neuen literarischen Modernität und einer von vorgestanzten Mustern befreiten, kunstvoll rhythmisierten Sprache.

"So war meine Absicht, aus meiner reinen Seele
einen Stern, einen klangvollen Quell zu machen;
voller Grauen vor der Literatur
und verrückt nach Dämmerung und Morgenrot.
Nach der blauen Dämmerung, die die Richtung weist
und zu den himmlischen Ekstasen inspiriert,
Meeresnebel und Molltonart – die ganze Flöte!
und Aurora, die Tochter der Sonne – die ganze Lyra!"

Sinnlichkeit in offener Poesie - damit betört er seine Anhänger  

Mit dem Band "Weltliche Prosa und andere Gedichte" gelang Rubén Darío 1896 endgültig der Durchbruch. Der Titel war Programm: Er wählte statt wohl gesetzter Reime eine offene poetische Form, die bald als Prosagedicht viele Nachfolger fand, und statt mit frommer Erbauung faszinierte er seine Leser mit schwärmerischer Sinnlichkeit.

"So liebe mich, Femme fatale, Weltbewanderte,
alles Umfassende, Unermessliche, Einzigartige, Einzige,
Geheimnisvolle und Kundige:
Liebe mich, Meer und Wolke, Schaum und Welle."

Schicksalsschläge prägen seine späten Werke

Doch Rubén Daríos Suche nach "Erfüllung im großen Gesang", wie er es formulierte, war auch vom Bewusstsein der Vergeblichkeit geprägt, das sein späteres Werk bestimmte. Denn sein Leben wurde nicht nur vom Ruhm, sondern auch vom Scheitern bestimmt. Seine erste Frau starb früh, die zweite Ehe ging bald in die Brüche, nur eines von mehreren Kindern überlebte. Er selbst wurde ewig geplagt von Geldnöten und schweren Krankheiten, litt an Alkoholismus und unternahm 1911 in Havanna einen Selbstmordversuch. Seine Poesie verdüsterte sich.

"Glücklich der Baum, der kaum etwas empfindet,
glücklicher noch der Stein ohne jedes Gefühl,
es gibt keinen größeren Kummer, als der am Leben zu sein,
und keinen tieferen Schmerz, als bewusst zu leben."

Beim Beginn des 1. Weltkriegs reiste Rubén Darío in die USA, um sich an einem pazifistischen Projekt zu beteiligen, kehrte jedoch sehr bald nach Nicaragua zurück. Am 7. Februar 1916 starb einer der großen Erneuerer der spanisch-sprachigen Dichtung im Alter von 49 Jahren an Lungenentzündung.

 

 

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