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StartseiteKalenderblattTragisches One-Hit-Wonder02.10.2020

100. Todestag des Komponisten Max BruchTragisches One-Hit-Wonder

Max Bruch komponierte bis zu seinem Tod am 2. Oktober 1920 Opern, Sinfonien, Kammermusik und Klaviersonaten. Auch von musikalischen Autoritäten seiner Zeit wie etwa Johannes Brahms wurde er durchaus ernst genommen. Doch das Publikum wollte immer nur ein einziges Werk hören.

Von Matthias Nöther

Porträt des Komponisten. (imago images / Leemage)
Max Bruch um 1900 (imago images / Leemage)
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Als der Komponist Max Bruch am 2. Oktober 1920 in Berlin im Alter von zweiundachtzig Jahren starb, war er verarmt und fast vergessen. Die Not war am Ende so groß, dass er die Handschrift seines ersten Violinkonzerts in g-Moll an zwei windige Geschäftsfrauen verkauft hatte, dabei war ausgerechnet dies seine einzige wirklich berühmte Komposition. 

Weitgespannte melodische Bögen, die zielsicher auf große Höhepunkte zusteuern: Dieses erste Violinkonzert sicherte Max Bruch zu Lebzeiten einen Stammplatz in den Konzertsälen Europas. Noch heute ist das Stück aus dem Repertoire führender Geigenstars nicht wegzudenken. Der Komponist gibt ihnen die Möglichkeit, ihr ganzes Können zu zeigen, und doch ist Bruchs Violinkonzert kein reines Virtuosenstück. Der Part des Orchesters erschöpft sich nicht in der bloßen Begleitung, sondern erfüllt das musikalische Geschehen in gleichem Maße mit Sinn.

Oper-Erstling "Die Loreley"

Wie sein Violinkonzert war auch Max Bruch selbst in der Gedanken- und Gefühlswelt des neunzehnten Jahrhunderts verhaftet. 1838 wurde er als Sohn eines Beamten und einer Gesangslehrerin in Köln geboren. Ein Stipendium ermöglichte es dem Zwölfjährigen, bei Ferdinand Hiller zu studieren, einem sehr konservativen Komponisten. In Hillers Kreis galten Schönklang und Ebenmäßigkeit viel, dagegen wurden Experimente mit der Harmonik verachtet, wie sie zur gleichen Zeit ein Richard Wagner in seinen Opern durchführte. Trotzdem schrieb auch Bruch schon mit vierundzwanzig Jahren eine erste Oper mit dem Titel "Die Loreley", ein Stoff, der seinerzeit als deutscher Nationalmythos und als zutiefst romantisch galt. Max Bruchs farbige Instrumentation ist derjenigen des verhassten Richard Wagner gar nicht mal so unähnlich.

Kritisches Lob von Clara Schumann

Max Bruchs Oper "Die Loreley" wurde nicht nur in Deutschland, sondern auch in Rotterdam und Prag aufgeführt. Auch musikalische Autoritäten nahmen davon Notiz. So schrieb die berühmte Pianistin Clara Schumann an Bruchs Lehrer Ferdinand Hiller:

"Die Oper von Bruch hat mich, wie Sie denken können, sehr interessiert, es sind sehr schöne Momente darin, durchweg Orchester und Chor so meisterhaft behandelt, dass ich es kaum von einem so jungen Komponisten begreife, aber Längen sind bedeutende, und, darf ich es offen sagen, so recht eigentlich produktive Kraft vermisse ich in der Musik doch."

Der ganz große Erfolg der Oper stellte sich nicht ein. Etliche große Musiker seiner Zeit aber hatte Bruch damit auf sich aufmerksam gemacht, und er nutzte die Kontakte. Bei der Arbeit an dem nun begonnenen Violinkonzert erhielt er Unterstützung von den Jahrhundertgeigern Joseph Joachim und Ferdinand David.

Fotographie mit eigenhändiger Unterschrift des Jahrhundertgeigers (imago images / Leemage)Die Geiger-Legende Joseph Joachim machte Max Bruchs erstes Violinkonzert 1868 berühmt (imago images / Leemage)

"Mein Konzert hat im Sommer lange bei Joachim gelegen. Jetzt hat‘s David – der spricht von einer nochmaligen gründlichen Revision der Prinzipalstimme. Was schließlich daraus werden mag, das wissen die Götter. Mir wird die ganze Sache bald langweilig. Ich bin Koning nicht zu Dank verbunden, dass er mich zu einer Arbeit getrieben hat, der ich nicht gewachsen bin."

Komponierender Wanderarbeiter

Diese falsche Selbsteinschätzung hatte tragische Folgen. Nachdem er das Violinkonzert fertiggestellt hatte, trat Max Bruch alle Rechte an seinen Verlag ab und konnte nur zusehen, wie das Stück seinen Siegeszug antrat, ohne dass er finanziell etwas davon hatte. Wie ein Nomade hangelte sich Bruch in den kommenden Jahrzehnten in ganz Europa von Kapellmeisterposten zu Kapellmeisterposten und verlegte sich auf das Schreiben von Chorwerken. Die machten Komponisten im neunzehnten Jahrhundert zwar nicht unbedingt berühmt, sicherten ihnen aber ein Auskommen.

Im Fall von Max Bruch sorgte diese Art des soliden Komponierens sogar dafür, dass er 1892 als Mittfünfziger eine Festanstellung als Professor an der Berliner Musikhochschule erhielt. Hier konnte er noch einmal für zwanzig Jahre unbeschwert komponieren. Das Publikum allerdings interessierte sich kaum dafür – es wollte immer nur Bruchs erstes Violinkonzert hören. So ist es bis heute geblieben.

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