Mittwoch, 08. Februar 2023

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100. Todestag von John Reed
Der revolutionäre Reporter

Er war Reporter und Sozialrevolutionär. John Reed schrieb über die Revolution in Mexiko, Arbeiterstreiks in New Jersey, den Ersten Weltkrieg - und er war Zeuge der Oktoberrevolution. Nach seinem Tod mit nur 33 Jahren erhielt der US-Bürger an der Kremlmauer ein Ehrengrab.

Von Almut Finck | 19.10.2020

    Ein schwarz-weißes Porträt-Foto zeigt den US-Journalisten John Silas Reed inmitten von Büchern Zeitungsstapeln und neben einer Schreibmaschine
    Der amerikanische Reporter John Silas Reed in einer undatierten Aufnahme (Fine Art Images)
    "Übers weite Meer, mein Vaterland, mein Amerika. Stahlgegürtet und in prunkender Rüstung, wie ein Held schmetterst Du die hehren Worte: Für Freiheit! Für Demokratie!
    Und in mir regt sich etwas, antwortet Dir, mein Vaterland, mein Amerika.
    Ganz so, als riefe in der stillen, menschenleeren Nacht meine erste, längst entschwundene Liebe mich – sie, die ich nicht mehr liebe, nicht mehr, nicht mehr …"
    Vier lange Wochen mit dem Schiff über den Atlantik. Dann, endlich, im August 1917, sitzen John Reed und seine Frau Louise Bryant voll fiebriger Erwartung in der Eisenbahn Richtung Petrograd, es geht über Schweden und Finnland.
    Sie notierte: "Niemand glaubte, dass unser Zug Petrograd wirklich erreichen würde. Ich war entschlossen, zu Fuß zu gehen, sollte er anhalten."
    Und Reed hielt fest: "Über Wyborg lag eine unheilvolle Spannung, … Im Dämmerlicht des späten Nachmittags standen auf dem Bahnsteig hunderte von Soldaten mit ausgezehrten Gesichtern. Die Gesprächsfetzen, die wir aufschnappten, ließen uns frösteln: Wir müssen uns von der Bourgeoisie befreien! Die Generäle sollte man alle töten! Nein, jemand töten ist immer falsch!"
    Ein ganz und gar nicht unparteiischer Reporter
    John Reed ist damals schon berühmt, durch brillante Reportagen ab 1914 vom Krieg in Europa, und vorher über die Revolution in Mexiko, die amerikanische Gewerkschaftsbewegung oder streikende Arbeiter in den Seidenmühlen New Jerseys. Louise Bryant ist Schriftstellerin, vertritt anarchistische Ideen und streitet für das Wahlrecht der Frauen. Den Sturz Zar Nikolaus des Zweiten im Februar 1917 haben die beiden nicht miterlebt, aber gehört, was in den Monaten des nachfolgenden Machtvakuums in Russland die Bolschewiki den von Jahrhunderten des Feudalismus gebeutelten Menschen versprachen: Alles Land den Bauern, den Arbeitern die Fabriken, Friede den Hütten, Krieg den Palästen – da müssen sie hin.
    Sind Reed und Bryant Sozialromantiker? Überzeugte Revolutionäre? Beobachter oder Agitatoren? Auf jeden Fall erlebnishungrige, ganz und gar nicht unparteiische Reporter, beseelt vom Glauben an Gleichheit und Gerechtigkeit. Wie im Delirium taumelt das junge Paar Tag und Nacht durch die unter Strom stehende russische Hauptstadt.
    Die russische Revolution als Familiensaga und Sektenepos
    Mehr als 20 Jahre hat der russisch-amerikanische Historiker Yuri Slezkine an seinem Buch gearbeitet. Entstanden ist ein Epos, das die Geschichte der russischen Revolution und der Sowjetunion als Geschichte eines Hauses erzählt.
    Interviews mit Trotzki und Lenin
    "Was für ein Anblick, die Arbeiter der Potilov-Werke, 40.000 Mann stark, herausströmen zu sehen, um die Sozialdemokraten zu hören, die Sozialrevolutionäre, die Anarchisten, wer immer etwas zu sagen hatte, so lange er reden wollte!"
    "Überall in Petrograd hingen Fahnen. Alle rot! Sogar das Denkmal für Katharina die Große war geschmückt. Da stand Katharina, an ihrem Zepter wehte die rote Fahne."
    Reed führt Gespräche mit Trotzki, mit Lenin und Alexander Kerenski, dem Ministerpräsidenten der provisorischen Regierung. Als nach der Machtübernahme durch die Bolschewiki am 25. Oktober 1917 tief in der Nacht der Zweite Allrussische Kongress der Räte beginnt, sind Reed und Bryant in der verrauchten, drangvollen Enge des Großen Sitzungssaals im Smolny-Institut mit dabei.
    Beginn der Russischen Revolution im Oktober 1917: Wladimir Iljitsch Lenin wendet sich auf dem Roten Platz in Moskau zu den Menschen.
    Vom Gründungs-Mythos zum blinden Fleck
    Noch 1977, zum 60. Jahrestag der Russischen Revolution, feierte die sowjetische Staatsführung den 7. November 1917 als "höchsten Feiertag" und als Beginn des Siegeszug des Sozialismus. 40 Jahre später will Präsident Putin davon und vom damaligen Revolutionsführer Lenin jedoch nichts mehr wissen.
    Mitbegründer der US-KP
    "Der Petrograder Sowjet hatte die Provisorische Regierung niedergezwungen und dem Sowjetkongress den Staatsstreich aufgedrängt. Würde Russland folgen und sich erheben? Und die übrige Welt, was würde sie tun? Würden die Völker dem Rufe folgen und aufstehen zu einem roten Weltsturm?"
    Ein grausamer, fünf Jahre währender Bürgerkrieg beginnt. John Reed und Louise Bryant kehren zurück in die USA. Reed wird zum Mitbegründer der ersten kommunistischen Partei in seiner Heimat und steht in den nächsten anderthalb Jahren mehrfach vor Gericht, zuletzt wegen Hochverrats. Mit falschen Papieren flieht er nach Russland. Doch dort steckt er sich mit Flecktyphus an und stirbt mit nur 33 Jahren am 19. Oktober 1920, manche Quellen nennen auch den 17. . Der rote Reporter aus Amerika erhält in Moskau ein Staatsbegräbnis und wird an der Kremlmauer beigesetzt.
    Sein Buch über seine Erlebnisse während der Oktoberrevolution hatte John Reed nach seiner Rückkehr in die USA inkognito in einem Hotel geschrieben. "Zehn Tage, die die Welt erschütterten" wurde berühmt und mehrfach verfilmt. Die New York Times setzte es 1999 auf Platz sieben der 100 bedeutendsten journalistischen Werke.