Dienstag, 24. Mai 2022

Vor 125 Jahren geboren
Kurt Gerron - vom kolossalen zum tragischen UFA-Star

Er war ein Mann mit vielen Talenten: Kurt Gerron. Heute fast vergessen, zählte er in den 1920er- und 30er-Jahren zu den bekannten Berliner Gesichtern auf Leinwand und Bühne. Heute vor 125 Jahren, am 11. Mai 1897, wurde der Kabarettist, Schauspieler und Regisseur geboren.

Von Hartmut Goege | 11.05.2022

, Marlene Dietrich, und Kurt Gerron, 1930 in Josef von Sternbergs UFA-Film "Der blaue Engel
Marlene Dietrich und Kurt Gerron, 1930 in "Der blaue Engel" (picture alliance / Everett Collection)
„Warum sind Sie denn so nervös, Herr Gerron?“ - „Tun Sie mir den einzigen Gefallen, Herr Doktor, schreien Sie mich bloß nicht an! - Ich find bei mir zu Hause keine Ruh‘. Es klopft, es hämmert, es donnert immerzu. Es schreit ‚Miau‘, es bellt ‚Wauwau“. Bei mir geht‘s wie im Irrenhause zu.“
Kurt Gerron - Anfang der Dreißigerjahre am Höhepunkt seiner Karriere - auf einer der zahlreichen Berliner Kabarettbühnen. Der junge Tonfilm ist in aller Munde und Gerrons Einlage sein heiterer Beitrag zu dem damals vieldiskutierten Thema, ob das neue Medium sich durchsetzen wird:
"Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche. Das hat er schon als Kind so gut gekonnt. Er macht es so, dass ich mich selber täusche. Es gibt nichts, was mein Bruder nicht vertont. Er macht das Waldesrauschen, er macht den Wogenprall, er macht das Küssetauschen und den Revolverknall. Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche. Das hat er schon als Kind so gut gekonnt."

Bald auf zwielichtige Rollen abonniert

Kurt Gerron war ein Mann mit vielen Talenten. Am 11. Mai 1897 in Berlin als Einzelkind einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren, wird er kurz nach dem Abitur 1914 eingezogen. Zweimal verwundet, studiert er Medizin, um anschließend als Arzt wieder an die Front zurückzukehren. Zwei Jahre nach Kriegsende entdeckt die bekannte Schauspielerin Trude Hesterberg Kurt Gerron auf einer Berliner Laienbühne und engagiert ihn für ihr Kabarett „Wilde Bühne“. Dank seiner kolossalen Körperfülle wird er bald auch häufig als zwielichtige Chargenfigur in Stummfilmen eingesetzt. 1928 aber notiert Gerron:
"Mein Wunsch ist es, nicht auf einen Typ festgenagelt zu werden. Einmal einen Film zu drehen, der auf mich gestellt ist und in dem ich eine große, ernste und psychologisch tiefe Charakterrolle zu verkörpern habe, ist dasjenige, was ich vom Film erhoffe."

Als Tiger-Brown in der "Dreigroschen-Oper"

Sein Wunsch bleibt unerfüllt. Seine zahlreichen Auftritte als beleibter Filmbösewicht aber machen den Theater-Fürsten Max Reinhardt auf ihn aufmerksam. 1928 gehört Gerron schließlich als Londoner Polizeichef "Tiger-Brown" zur legendären Premieren-Besetzung von Bertolt Brechts „Dreigroschen-Oper“ und spricht auch die Eröffnungssätze ins Publikum:
"Sie werden jetzt ein paar Songs aus einer Oper für Bettler hören. Weil diese Oper so prunkvoll gedacht war, wie nur Bettler sie erträumen und weil sie doch so billig sein sollte, dass Bettler sie bezahlen können, heißt sie die Dreigroschen-Oper“.

An der Seite von Rühmann, Albers, Dietrich

Danach kann sich Kurt Gerron vor Arbeitsangeboten kaum retten. Bis 1931 tritt er in 70 Filmen auf, mit weiterhin gewichtigen Nebenrollen: ob als Rechtsanwalt mit Heinz Rühmann in "Die Drei von der Tankstelle", als Casino-Direktor neben Hans Albers in „Bomben auf Monte Carlo“ oder neben Marlene Dietrich im „Blauen Engel“:
"Jawohl, ich bin ein Zauberkünstler. Ich werde mir jetzt erlauben, Ihnen ein paar Eier aus der Nase zu ziehen. So, Achtung!"

Ein Arbeitstier vor und hinter der Kamera

Sein Arbeitspensum ist überwältigend. Neben seiner Filmtätigkeit tagsüber tritt er abends im Theater und in berühmten Berliner Revuen auf,. So singt er neben Camilla Spira im absoluten Publikumsrenner "Der rote Faden":
 „Ich bin Dein Nachtgespenst, Dein süßes Nachtgespenst. Ich weck Dich, wenn Du pennst, so oft, bis Du mich Liebling nennst.“

1933 endet Gerrons Karriere jäh

Gleichzeitig bietet ihm die UFA die Regie zahlreicher Unterhaltungsfilme an. Der Machtwechsel 1933 beendet Gerrons Karriere abrupt. Inmitten der Regiearbeiten zu dem Filmlustspiel „Kind, ich freu mich auf Dein Kommen“ wird er als sogenannter Nicht-Arier des Studios verwiesen. Seine Hauptdarstellerin Magda Schneider: „Ich habe nur zum Gerron geschaut, und der hat die Augen so runtergelassen. Und dann hat er ein paarmal geschluckt, und dann ist er aufgestanden und ist grad weggegangen. Ich sah nur noch seinen Rücken. Und der zitterte so, das werde ich nie vergessen.“
Mit seiner Frau lässt sich Gerron 1935 schließlich in Holland nieder, wo er sich im Film- und Revuegeschäft etablieren kann. Als 1940 die Wehrmacht einmarschiert, fühlt er sich zunächst noch sicher, da jüdische Deportationen erst zwei Jahre später beginnen. 1943 aber wird auch er verhaftet und in das KZ Theresienstadt gebracht. Dort presst man ihm die Regie-Arbeit für einen perfiden Propagandafilm über das angeblich angenehme Gettoleben ab. Nach Drehende werden Kurt Gerron und seine Frau nach Auschwitz deportiert und im November 1944 dort ermordet.