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StartseiteKalenderblatt"Ich bin ein Fanatiker, kein Verrückter"04.09.2021

125. Geburtstag von Antonin Artaud "Ich bin ein Fanatiker, kein Verrückter"

Nach Jahren im Kreis der Surrealisten provozierte Antonin Artaud mit seinem "Theater der Grausamkeit". Ärzte diagnostizierten Schizophrenie und sperrten ihn für neun Jahre in die Psychiatrie. Wütend - und verstörend produktiv - kehrte er zurück. Vor genau 125 Jahren wurde Artaud geboren.

Von Christoph Vormweg

die Fotografie "Antonin Artaud" des US-Fotokünstlers Man Ray  (Emmanuel Radnitzky) (picture alliance / dpa | Centre Pompidou )
Antonin Artaud 1926 porträtiert von Man Ray (Ausschnitt) (picture alliance / dpa | Centre Pompidou )
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"Ich leide, nicht nur im Geist, sondern auch im Fleisch und in meiner alltäglichen Seele", so Antonin Artaud in einem Brief: "Ich könnte wahrhaftig behaupten, dass ich nicht in der Welt bin."

Antonin Artaud wird am 4. September 1896 in Marseille geboren. Sein Psychodrama beginnt im Alter von fünf Jahren. Nach einer schweren Hirnhautentzündung leidet er unter Stotter-Phasen und Zuckungen der Gesichts- und Zungennerven:

"Nun behaupte ich aber, dass mein Leben ohne Behexungen nie dasjenige dieses Mannes gewesen wäre, der […] seit 1915 Opium braucht, um wieder zu sich selbst zu kommen, der sich ohne Opium nicht mehr findet oder versteht."

1924 schließt sich Antonin Artaud den Surrealisten an. In einem Gedicht schreibt er:

"Schwarzer Dichter, ein Jungfernschoß plagt dich /

bittrer Dichter, das Leben kocht /

und die Stadt steht in Flammen / 

und der Himmel geht in Regen auf / 

deine Feder kratzt im Herzen des Lebens."

Artaud schlüpft in die Rolle des antibürgerlichen Empörers. Er lanciert Pamphlete gegen Universitätsrektoren, Irrenärzte und den Papst: "Er war von einer Art Raserei besessen, die [...] keine menschliche Institution verschonte", so der Schriftsteller André Breton. Und weiter: "Diese Raserei hat durch die erstaunliche Ansteckungskraft, die sie besaß, die surrealistische Entwicklung tief beeinflusst."

Für ein "Theater der Grausamkeit"

Doch die Politisierung der Surrealisten geht Artaud gegen den Strich. Er verlässt die Gruppe und entwickelt das Konzept eines "Theaters der Grausamkeit":

"Ich schlage ein Theater vor, in dem körperliche, gewaltsame Bilder die Sensibilität des Zuschauers zermalmen und hypnotisieren."

Aufnahme des französischen Schriftstellers Andre Breton. Er wurde am 19. Februar 1896 in Tinchebray (Orne) geboren und verstarb am 28. September 1966 in Paris. Er gehörte mit Aragon, Eluard und Peret zu den Begründern des Surrealismus. (picture alliance / ZB) (picture alliance / ZB)André Breton und der Surrealismus - Die Suche nach dem Gold der Zeit
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Durch seine ästhetische Revolte will Artaud - wie er sagt - "die Unterwerfung des Theaters unter den Text" durchbrechen. Er sucht "eine Sprache zwischen Gebärde und Denken", um "zur magischen Seite des Lebens" vorzustoßen. Beim ersten Versuch einer Umsetzung im Drama "Die Cenci" ist Artaud Regisseur und Schauspieler zugleich. Den mordenden, seine Tochter missbrauchenden Vater spielt er als einen Wahnsinnigen, der delirierend seine Kreise zieht.

1936 reist Artaud nach Mexiko zu den Tarahumara, einem indigenen Volksstamm. Dort studiert er den rituellen Umgang mit der Peyotl-Droge. Anschließend begibt er sich in Irland auf die Spuren der Druiden. Mittellos und auf Entzug, weisen ihn die Behörden aus. Zurück in Frankreich, diagnostizieren die Ärzte Schizophrenie. Über Jahre wird Artaud in der geschlossenen Psychiatrie mit Elektroschocks behandelt. In einem Brief klagt er: "Ich bin ein Fanatiker, kein Verrückter."

Auf der Suche nach einem neuen Menschenbild reist Antonin Artaud 1936 nach Mexiko. (EyeEm / Leo  Martínez) (EyeEm / Leo Martínez)Nach Antonin Artaud mit Patti Smith und Werner Herzog - The Peyote Dance
Auf der Suche nach einem neuen Menschenbild reist Antonin Artaud 1936 nach Mexiko. Gleichzeitig versucht er, seine Opiumsucht zu überwinden. Er besucht die indigenen Tarahumara in der nordmexikanischen Kupferschlucht. Das Soundwalk Collective lässt Zeugen dieser Begegnung erklingen.

Skandal im Radio - Artauds Collage "Schluss mit dem Gottesgericht"

Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs kommt er wieder frei. Aus dem attraktiven Bohemien ist ein Greis geworden. Im Auftrag von Radio France produziert Artaud 1947 die Collage "Schluss mit dem Gottesgericht". Auf die Frage, was das Ziel der Sendung sei, antwortet der 51-Jährige: "Eine gewisse Zahl gesellschaftlicher Schweinereien anzuprangern, die offiziell geweiht und anerkannt sind."

Der Intendant von Radio France verbietet die Ausstrahlung. Artauds Attacken gegen Gott, die Technokratie und den US-Imperialismus sind ihm zu schonungslos, seine Tiraden über Kastration und Exkremente zu obszön. Artaud reagiert mit einem Beschwerdebrief an die Rundfunkleitung: "Ich wollte ein neues Werk, […] in dem man sein gesamtes Nervensystem wie mit einem Scheinwerfer erleuchtet fühlt,... ein Werk [...] mit Vibrationen, Konsonanzen, die den Menschen einladen, MIT seinem Körper HERAUSZUTRETEN."

Ein Heroe der Anti-Psychiatrie-Bewegung

Doch es bleibt beim Verbot. Wenige Wochen später, Anfang März 1948, stirbt Antonin Artaud an Krebs. Die Anti-Psychiatrie-Bewegung erhebt ihn zum Märtyrer; die experimentellen Theater-Avantgarden lassen sich von seinem Essayband "Das Theater und sein Double" inspirieren. Und Denker wie Michel Foucault versuchen, Artauds schwer zugängliche Texte neu zu deuten und die Frage zu beantworten, ob er wirklich wahnsinnig gewesen sei.

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