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StartseiteTag für TagEin unfehlbarer Papst kämpft gegen die Moderne09.12.2019

150 Jahre Erstes Vatikanisches Konzil Ein unfehlbarer Papst kämpft gegen die Moderne

Vor 150 Jahren, am 8. Dezember 1869, eröffnete Papst Pius IX. das Erste Vatikanum. Seine Auswirkungen prägen die Kirche bis heute. Denn der Papst verdammte Glaubens- und Meinungsfreiheit, die Trennung von Kirche und Staat – und verkündete das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit.

Von Kirsten Serup-Bilfeldt

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Papst Pius IX (Giovanni Maria Mastai Ferretti 1792-1878) spricht auf dem Ersten Vatikanischen Konzil zu den Kardinälen, zeitgenössische Abbildung einer französischen Zeitung (imago / Photo12 / Ann Ronan Picture Library)
Das Erste Vatikanum war vor allem von der Unfehlbarkeits-Frage geprägt (imago / Photo12 / Ann Ronan Picture Library)
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Vieles haben die heiligen Hallen des Petersdoms in ihrer langen Geschichte schon gesehen. Doch eine Situation wie diese dürfte wohl eher selten vorgekommen sein: Da haben sich in einer hochgradig gereizten Atmosphäre rund 770 ehrwürdige Konzilsväter versammelt, die sich heftig streiten. Das geht so weit, dass ein zornesroter Papst Pius IX. völlig die Fassung verliert und einen erbleichenden Kardinal nach allen Regeln der Kunst anbrüllt:

"Als kleinen Mönch habe ich dich aus dem Nichts hervorgeholt und zum Kardinal gemacht. Also, denk daran: La tradizione sono io - Die Tradition bin ich."

Dabei hatte Kardinal Filippo Maria Guidi nichts anderes getan, als nach einem Kompromiss gesucht, einem Kompromiss im Streit um die päpstliche Unfehlbarkeit. Es müsse deutlich gemacht werden, so hatte er argumentiert, dass die ex-cathedra-Erklärungen des Papstes unfehlbar seien, nicht aber seine Person. Pius IX. könne sich nur "unfehlbar" äußern, wenn er die Tradition der Kirche wiedergebe.

"Die unfehlbare Autorität ist die höchste"

Wie in einem Brennglas bündelt diese Kontroverse die schier endlose Liste von Streitereien und Feindseligkeiten, die das Erste Vatikanische Konzil kennzeichnen. Und die ein bezeichnendes Licht auf die Persönlichkeit Pius' IX. werfen. Die Querelen um das Unfehlbarkeitsdogma dominieren das gesamte Konzil:

"Es war eine sehr entscheidende Sache," sagt der katholische Theologe Peter Neuner, Autor des Buches "Der lange Schatten des Ersten Vatikanischen Konzils". Und weiter: "Die Unfehlbarkeit nicht einzig, dass die biblische Botschaft getreu bewahrt oder die altkirchliche Lehre unverfälscht weitergegeben wird, sondern dass das Ganze im Rahmen der Autorität sich bewegt, der Autorität, die eben keine höhere sein kann als eine unfehlbare. Die unfehlbare Autorität ist die höchste. Wer unfehlbar ist, der ist über jede Frage erhaben."

Und doch ist es keineswegs nur die Unfehlbarkeitsfrage, die das Erste Vatikanum zum Desaster werden lässt. Peter Neuner notiert:

"Man blickt auf dieses Konzil nicht mit besonderem Stolz zurück, weil die Begriffe, die sich mit ihm verbinden, zumeist nicht positiv besetzt sind. Die Termini Gehorsam, Autorität, Dogma sind nicht geeignet, größere Begeisterung auszulösen."

Vom Reformer zum Hardliner

Die Kirchenversammlung, die Pius IX. am 8. Dezember 1869 eröffnet, steht von Beginn an unter keinem guten Stern. Wesentliche Rollen spielen dabei politisches Chaos und die angeschlagene Psyche des an Epilepsie leidenden Papstes. Dieser "Pio Nono", mit bürgerlichem Namen Giovanni Maria Mastai-Ferretti, der 1846 den Stuhl Petri besteigt, ist eigentlich als Reformer angetreten, so Peter Neuner:

"Er war zunächst nach seiner Wahl zum Papst als liberal und offen erschienen. Man hatte den Eindruck, nach dem sehr reaktionären Regime von Papst Gregor XVI. käme nun eine Öffnung."

Zeitgenössisches Porträt von Papst Pius IX. (1846 bis 1878) (picture-alliance / dpa / Bildarchiv / Fritz Fischer)Papst Pius IX. setzte sich auf dem Ersten Vatikanum durch (picture-alliance / dpa / Bildarchiv / Fritz Fischer)

Doch revolutionäre, nationale und freiheitliche Bewegungen haben Europa radikal verändert und auch vor dem Kirchenstaat nicht haltgemacht. Die alten Ordnungen zerbrechen; da die Einigung Italiens voranschreitet, zeichnet sich das Ende des Kirchenstaates ab – und damit auch das Ende der weltlichen Herrschaft des Papstes über Rom und Mittelitalien. 1848 muss Pius vor den radikalen Verfechtern der italienischen Einigungsbewegung für zwei Jahre ins Exil fliehen. Als er zurückkehrt, ist aus dem Reformer ein hartgesottener Reaktionär geworden:

"Im Zusammenhang mit diesen Ereignissen von '48 ist Pius IX. dann ganz in die Spuren seines Vorgängers zurückgefallen und hat all das, was als neuzeitlich, als modern angesehen wurde, letztlich verurteilt."

Deutlich wird das, als er schon fünf Jahre vor Einberufung des Konzils den berühmt-berüchtigten "Syllabus Errorum" veröffentlicht. Dieses "Verzeichnis der 80 verwerflichen Zeitirrtümer" darf als Kriegserklärung an Fortschritt und Demokratie gelten. Glaubens-, Gewissens- und Religionsfreiheit, die Trennung von Kirche und Staat, Liberalismus, Sozialismus, Meinungsfreiheit und die Anpassung an moderne Zivilisation werden darin als teuflische Ketzerei verdammt:

"Es sind Sätze, die wir heute nur mit Erschrecken lesen können. Es läuft uns kalt den Rücken herunter, wenn man liest, dass Gedankenfreiheit, Gewissensfreiheit, Pressefreiheit - dass das alles Werk des Teufels ist. Also gerade das, was das Zweite Vati-kanum geprägt hat, der Begriff des "Aggiornamento", die Botschaft der christlichen Lehre heute neu zu sagen - genau das wurde in dem "Syllabus" zusammengefasst und zurückgewiesen."

"Die Bischöfe haben sich unterworfen"

In seiner letzten öffentlichen Sitzung im Juli 1870 stimmt das Konzil schließlich über die päpstliche Unfehlbarkeit ab. Von den über 500 Anwesenden stimmen nur zwei dagegen:

"Die Bischöfe, die gegen das Dogma der Unfehlbarkeit argumentiert hatten, haben sich fast alle unterworfen, haben diese Unterwerfung dann auch von ihren Diözesanen verlangt."

Damit gilt Pius IX. als unfehlbar, wenn er kraft seines Amtes über Glaubens- und Sittenfragen urteilt. Eine unbestreitbare Machtdemonstration. Der Historiker Rudolf Lill fasst zusammen:

"Die Entwicklung vom Ersten Vatikanischen Konzil, das war eine Entwicklung, die der europäischen politischen und sozialen Entwicklung ganz entgegengesetzt war: Die gesellschaftliche Entwicklung ging hin zur Demokratie und die kirchliche Entwicklung ging zurück zum Absolutismus, um sich gegen die Moderne klar abgrenzen zu können."

Es ist eine Abgrenzung, die die katholische Kirche bis heute prägt.

Peter Neuner: "Der lange Schatten des I. Vatikanums - Wie das Konzil die Kirche noch heute blockiert"
Herder 2019, gebunden, 240 Seiten, 28 Euro

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