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20. Jahrhundert
Eine Epoche widersprüchlicher und gegenläufiger Entwicklungen

Das 20. Jahrhundert ist vielfach charakterisiert worden: die Epoche der Gewalt, der Ideologien und Katastrophen. Der Historiker Edgar Wolfrum skizziert in "Welt im Zwiespalt" die großen, übergreifenden Linien des 20. Jahrhunderts und bündelt sie thematisch. Lesenswert, wenn auch nicht immer überzeugend.

Von Otto Langels | 27.02.2017

Guernica, nachdem es von den den Luftangriff der deutschen Legion Condor und der italienischen Corpo Truppe Volontarie im spanischen Bürgerkrieg 1937 bombardiert wurde.
Die baskische Stadt Guernica wurde im spanischen Bürgerkrieg von der deutschen Legion Condor und der italienischen Corpo Truppe Volontarie bombardiert. (imago/United Archives International )
"Im Herbst 1940 sah ein deutscher Offizier in Picassos Pariser Atelier ein Foto der zerbombten Stadt Guernica. Beim Anblick des Bildes fragte er: 'Haben Sie das gemacht?' - 'Nein, Sie', antwortete Picasso."
Lässt sich der Zusammenhang von Krieg, Zerstörung und Kunst im 20. Jahrhundert treffender wiedergeben als in diesem Zitat? Edgar Wolfrum nennt das Gemälde "Guernica", das schon vor dieser Begegnung entstand, ein "Schlüsselbild des Jahrhunderts".
"Picasso malte es direkt nach der Bombardierung der baskischen Stadt im spanischen Bürgerkrieg durch Hitlers Legion Condor am 26. April 1937. Guernica - eine hochgradig symbolisch aufgeladene Darstellung des Schreckens - wurde über die Jahre zum wirkungsmächtigsten Symbol menschlicher Passion im Bombenhagel, das das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat."
Betrachtungen wie diese machen Edgar Wolfrums Geschichte des 20. Jahrhunderts zu einer interessanten und reizvollen Lektüre. Der Professor für Zeitgeschichte an der Universität Heidelberg beschränkt sich nicht auf die Beschreibung herausragender Ereignisse, und er hält sich auch nicht an die traditionelle chronologische Geschichtsschreibung.
Wolfrum bündelt das Jahrhundert thematisch
Stattdessen wählt Wolfrum für seine thematisch breit gefächerte "andere Geschichte", wie es im Untertitel heißt, eine dichotomische Herangehensweise. Die 16 Kapitel des Buches handeln von Demokratie und Diktatur, starken und gescheiterten Staaten, Vertreibung und Mobilität, aber auch von Wissen und Analphabetismus oder von Liebesglück und Geschlechterungleichheit.
"Welt im Zwiespalt, das ist eine Durchdeklinierung des Jahrhunderts, das man vom Beginn bis zum Ende des 20. Jahrhunderts sehen kann, nicht nur Krieg und Frieden, Hunger und Wohlstand, sondern eben auch auf kulturellen mentalitätsgeschichtlichen Bereichen usw."
Jedes Kapitel leitet der Autor mit markanten Zitaten und Aphorismen ein: ein Vorgeschmack auf die anschließenden Ausführungen. Die Auswahl ist originell, aber mitunter auch willkürlich, wenn etwa Che Guevara neben dem Schauspieler Karlheinz Böhm steht, Stalin neben Ludwig Erhard, Hindenburg neben dem Guru Bhagwan.
Weltgeschichte eurozentrisch angelegt
Ein Jahrhundert auf 370 Seiten zu skizzieren bedeutet auszuwählen, zusammenzufassen, sich zu beschränken, wegzulassen. Und dies provoziert zwangsläufig Kritik. Edgar Wolfrum konzediert, dass seine Deutung eurozentrisch angelegt sei, aber rechtfertigt dies, auf bedeutsame Ereignisse im Rest der Welt zu verzichten? Es finden sich zwar eindrückliche Passagen zu den Umwälzungen in Lateinamerika oder zur Rolle der Frau in Afghanistan, aber den Nahostkonflikt sucht der Leser vergeblich. John F. Kennedys legendäre Rede vor dem Schöneberger Rathaus oder Che Guevaras Besuch am Grabe Stalins dürfen nicht fehlen, wohl aber die Aufstände in Ost-Europa, ob Ost-Berlin 1953, Budapest 1956 oder Prag 1968.
"Ich denke, es ist legitim, dass man reduziert und dass man in dieser Reduktion sein Narrativ herausarbeitet. Aber die Totalität der Geschichte vermag kein Historiker abzubilden, insofern muss jeder auswählen und weglassen."
Edgar Wolfrums Narrativ ist eine "Welt im Zwiespalt", eine Epoche widersprüchlicher und gegenläufiger Entwicklungen. Er beruft sich dabei auf Ernst Blochs Formel von der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen". Damit begegnet der Autor Versuchen, die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts als fortschreitenden Friedens- und Zivilisierungsprozess zu beschreiben, als hätte die Menschheit aus den vorhergehenden Weltkriegen und Völkermorden Lehren für alle Zeiten gezogen.
Wolfrum glaubt nicht an Fortschritt durch Geschichte
Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama sprach 1992 nicht von ungefähr vom "Ende der Geschichte". Solchen fortschrittsgläubigen Vorstellungen erteilt Wolfrum eine Absage: Denn trotz Wohlstandsexplosion herrscht in vielen Teilen der Welt nach wie vor skandalöser Hunger. Während der Massentourismus inzwischen eine Milliarde Reisen jährlich verzeichnet, wächst zugleich die Armutswanderung in der so bezeichneten "Dritten Welt". Den angeblich grenzenlosen Waren-, Daten- und Personenverkehr be- und verhindern mehr Mauern auf dem Erdball als je zuvor. Die Vision eines freien und vereinten Europas zerschellt an den Außengrenzen der "Festung Europa" und der Renaissance nationalistischer und populistischer Bewegungen.
"Wir sehen heute eigentlich wieder viel stärker als etwa noch in den 80er Jahren oder auch um 2004 mit der Osterweiterung, dass die Nationen eine viel größere Rolle spielen, als wir uns das lange Zeit vorgestellt haben, weil alle glaubten, die Nation würde sich supranational auflösen in einen europäischen Prozess oder eben die UNO."
Edgar Wolfrums Blick zum Ausgang des 20. Jahrhunderts fällt - wie könnte es anders sein - zwiespältig aus. Die Bilanz ist ernüchternd.
"Überall erhob der Nationalismus sein hässliches Haupt. Die Globalisierung, das Zusammenwachsen der Welt in den unterschiedlichsten Bereichen, schien den Rückwärtsgang einzulegen. Kriegsgedanken schwirrten durch die Köpfe zahlreicher Führungspersonen der Welt. Die globale Sicherheitslage war so kritisch wie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr."
Klimawandel als Herausforderung des 21. Jahrhunderts
Doch dies alles wird noch überschattet vom Klimawandel. Seit der Jahrhundertwende ist die Zahl der Hungernden wieder auf über eine Milliarde Menschen angewachsen, 2050 werden sich, so die Prognosen, 200 Millionen Klimaflüchtlinge auf den Weg machen.
"Die großen Probleme, die im 21. Jahrhundert auf uns zukommen, das wird der Klimawandel sein. Und wenn wir heute über Flüchtlinge reden, so haben wir noch gar nicht in Betracht gezogen, wie viele Klimaflüchtlinge wir in 20, 30, 50 Jahren haben werden. Das werden die großen Herausforderungen sein."
Edgar Wolfrum skizziert die großen, übergreifenden Linien des 20. Jahrhunderts, bündelt sie thematisch und entwickelt aus den komplexen, widersprüchlichen Strukturen ein eigenes Narrativ; ein ambitioniertes Vorhaben, das Respekt und Anerkennung verdient, allerdings nicht immer überzeugt und an manchen Stellen auch Widerspruch herausfordert. Die Meinung des Verlags, es handle sich um ein meisterhaftes Werk, muss man nicht unbedingt teilen, aber ein anregendes, lesenswertes Buch ist "Die Welt im Zwiespalt" allemal.
Edgar Wolfrum: "Welt im Zwiespalt. Eine Andere Geschichte des 20. Jahrhunderts"
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2017, 447 Seiten, 25 Euro