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StartseiteKalenderblattMan riet ihr, sich als Mann zu verkleiden03.02.2021

200. Geburtstag der Ärztin Elizabeth BlackwellMan riet ihr, sich als Mann zu verkleiden

Weil eine Freundin an Gebärmutterkrebs gestorben war und unter männlichen Ärzten gelitten hatte, beschloss die 23-jährige Anglo-Amerikanerin Elizabeth Blackwell Ärztin zu werden. Ungeachtet größter Widerstände schloss sie 1849 ein Medizinstudium ab - als erste Frau in den USA.

Von Ruth Rach

Ein undatiertes Schwarzweißbild zeigt die Ärztin Elisabeth Blackwell betagt in viktorianischer Kleidung in einem Sessel  sitzend  (picture alliance / AP )
Undatiertes Foto von Elizabeth Blackwell, eine der ersten Ärztinnen mit Hochschulabschluss (picture alliance / AP )

Im Sommer 1832 wanderte Samuel Blackwell, Zuckerfabrikant im südwestenglischen Bristol, nach Amerika aus. Mit an Bord waren seine Frau, vier Tanten, eine Gouvernante und seine acht Kinder. Unter ihnen Elizabeth. Ein scheues Mädchen, geboren am 3. Februar 1821, das sich für Kunst und Literatur interessierte. Alles, was mit Medizin zu tun hatte, war ihr zutiefst zuwider. Und dennoch. Zehn Jahre später stand ihr Entschluss fest: sie wollte Ärztin werden. Ein ungeheuerliches Berufsziel: zur damaligen Zeit war ein Medizinstudium für Frauen undenkbar.

Vater kämpfte gegen Sklaverei und für Gleichberechtigung

Dunkle Augen, ernster Blick, ein energischer Mund. Viktorianische Kleidung, ein weißer Spitzenkragen bis zum Kinn zugeknöpft. Im Elizabeth Blackwell Institut in Bristol ist das Leben der berühmten Stadttochter dokumentiert so die Historikerin Mary Wright:

"Ihre Mutter kam aus einer alteingesessenen Familie in Bristol, damals das Zentrum für Zuckerhandel mit den Kolonien. Der Vater setzte sich für soziale Reformen ein, für die Abschaffung von Sklaverei und für Gleichberechtigung. Er bestand darauf, seinen Töchtern dieselbe Erziehung zu ermöglichen wie seinen Söhnen. Allerdings ging das nur privat. Als protestantische Nonkonformisten, als 'Abweichler' also, blieb ihnen in England der Zugang zu höheren Bildungsanstalten und Berufen verwehrt."

Absturz in die Armut

In den USA hoffte Samuel Blackwell, seine sozialen Reformpläne zu verwirklichen. Um die unselige Verbindung zwischen Zuckerrohr und Sklavenarbeit zu durchbrechen, machte er sich daran, Zucker aus Zuckerrüben zu gewinnen. Aber sieben Jahre später, die Katastrophe. Samuel Blackwell starb und hinterließ Schulden. Seine Hinterbliebenen waren bitterarm. "Aber die Mädchen ließen sich nicht beirren", sagt Mary Wright: 

"Elizabeth und ihre zwei älteren Schwestern, alle hochgebildet, gründeten eine Privatschule, die sie vier Jahre lang führten, bis ihre Brüder alt genug waren, um sich selbst zu ernähren. Elizabeth wusste nicht genau, welchen Beruf sie ergreifen sollte, aber dann starb eine Freundin an Gebärmutterkrebs. Sie klagte bitter über ihre männlichen Ärzte. Und Elizabeth fand ihre Mission: sie wollte Ärztin werden. Eine wunderbare, eine unmögliche Idee, sagten ihre Freunde."

Absagen von 16 Universitäten 

Elizabeth Blackwell bewarb sich an 16 Universitäten. Vergebens. Ein Professor riet ihr, sich als Mann zu verkleiden. Aber Elizabeth wollte als Frau akzeptiert werden. Schließlich erklärte sich Geneva, ein kleines College in New York [*] bereit, seine Studenten über Blackwells Bewerbung entscheiden zu lassen. Und die sagten ja. Ob aus Spaß oder Toleranz ist bis heute ungeklärt. Jetzt saßen 150 Männer im Hörsaal und eine Frau. 1849 schloss Elizabeth Blackwell ihr Medizinstudium ab, als erste Frau in den USA. Und als Jahrgangsbeste. Ein vielbeachteter Triumph. Später schrieb sie in ihren Memoiren:

"Ich war niemals versucht, mich zu verkleiden. Dies war ein moralischer Kreuzzug, der im Zeichen von Vernunft und Gerechtigkeit stand und nur im Licht des Tages durchgeführt werden konnte und im vollen Licht der Öffentlichkeit. Nur so konnte ich mein Ziel erreichen."

Lady doctors wurden mit Abtreibung assoziiert

Aber trotz allem Erfolg: Elizabeth Blackwell galt weiterhin als Ausnahme, wurde vom medizinischen Establishment weiterhin bekämpft. Als sie sich in Paris weiterbilden wollte, wurde sie nur an einer Hebammenschule akzeptiert. Ein Studienaufenthalt in London folgte. Danach kehrte sie nach New York zurück, eröffnete eine Praxis für unterprivilegierte Frauen und Kinder. Und stieß auch hier auf Vorurteile. Sogenannte Lady doctors wurden mit Abtreibung assoziiert und für jeden Todesfall verantwortlich gemacht. In ihrer Biographie zitiert sie einen männlichen Kollegen:

"Frauen sollten zu Hause bleiben, eine Schürze anziehen und sich um die Kinder kümmern. Sonst steht zu befürchten, dass sie in einen hoffnungslosen Irrsinn verfallen, vor allem, wenn sie ihr Gehirn in der Schule überanstrengen."

 Maria Montessori, italienische Pädagogin, kolorierte Porträtaufnahme um 1920.  (akg images) (akg images)150. Geburtstag der Reformpädagogin Maria Montessori
Maria Montessori war eine der ersten Frauen, die in Italien Medizin studierten. Als Reformpädagogin war sie überzeugt: Kinder können am besten selbst entscheiden, was und wie sie lernen wollen. Und sie hat daraus Konzepte für Kindergärten und Schulen entwickelt, die bis heute aktuell und überall auf der Welt verbreitet sind.


1869 kehrte Elizabeth Blackwell nach London zurück, um eine eigene Klinik aufzumachen. Zwei Jahre später gründete sie die NHS, die National Health Society, einen Vorläufer des Nationalen Britischen Gesundheitsdienstes. 1910 starb Elizabeth Blackwell im südenglischen Hastings. Ihr Motto "Vorbeugen ist besser als Heilen" ist bis heute gültig.

[*] Eine versehentlich falsche Ortsangabe an dieser Stelle haben wir korrigiert. 

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