Samstag, 10. Dezember 2022

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200. Geburtstag von Gustave Flaubert
Kalter Blick durch Empathie

Mit "Madame Bovary" - 1857 skandalumwittert als "Sittenbild aus der Provinz" erschienen - schrieb Gustave Flaubert einen der bis heute einflussreichsten Romane der Weltliteratur. Sein Buch begründete einen modernen Realismus. Vor 200 Jahren wurde der Autor in der Normandie geboren.

Von Christian Linder | 12.12.2021

Der französische Schriftsteller Gustave Flaubert auf einer zeitgenössischen Fotografie.
Akribischer Schriftsteller: Gustave Flaubert begeistert noch heute. (picture alliance / Mary Evans Picture Library)
"Madame Bovary", behauptete Gustave Flaubert von seiner berühmtesten Hauptfigur: "c’est moi – das bin ich." aber wer war der Autor außerhalb seines Werks?
Geboren am 12. Dezember 1821 in Rouen in der Normandie als Sohn eines Chirurgen, gibt es abgesehen von einem abgebrochenen Jura-Studium und ein paar Reisen, die ihn immerhin bis in den Orient führten, von seinem äußeren Lebensverlauf nicht viel zu berichten. 1846, Flaubert war 25 Jahre alt und der Vater gerade gestorben, zog er sich nach Croisset zurück, einem Weiler nahe Rouen, wo seine Familie ein, an der Sein gelegenes Landhaus besaß, und folgte seinem Schreibwunsch:
"Ich lese oder schreibe regelmäßig acht bis zehn Stunden am Tag, und wenn man mich stört, bin ich davon ganz krank. Viele Tage vergehen, ohne dass ich bis ans Ende der Terrasse gehe. Das Boot ist nicht einmal zu Wasser gebracht."

Sittengemälde eines normannischen Provinzstädtchens

Sein Flaggschiff, den Roman "Madame Bovary", erschuf er in knapp fünfjähriger Arbeit. Das Buch erzählt, vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Lebens in dem normannischen Provinzstädtchen Yonville, die Liebes-Träume der jungen schönen Emma Bovary:
"Es war ihr Glaube, dass die Liebe mit einem Male da sein müsse, … wie ein Sturm aus blauem Himmel, der die Menschen packt und erschüttert … und das ganze Herz in den Abgrund schwemmt."

Gnadenlos sezierender Blick auf die Figuren

Stattdessen erlebt Emma, wie sie an der Seite ihres biederen Ehemanns, des Landarztes Charles Bovary, emotional immer mehr zu ersticken droht. Als Revolte gegen alle gesellschaftlichen Konventionen und in der Gewissheit, welche Verführung sie für Männer darstellt, ist sie bereit, auch selbst der Verführung zu verfallen. Nach ihrem ersten Fremdgehen ein Blick in den Spiegel
"Sie staunte über ihr Aussehen. So große schwarze Augen hatte sie noch nie gehabt! … Unsagbares umfloss ihre Gestalt …"

Heimliches Selbstporträt

Neben den Verführungsszenen war es der kalte, anatomisch-sezierende Blick auf die Personen, der die Leser des 1857 erschienenen Romans erregte. Anspruch und Ziel dieses Blicks hatte der Autor in einem heimlichen Selbstporträt verraten, das sich in der Beschreibung des Chirurgen Professor Larivière fand:
"Sein Blick war schärfer als seine Messer; er drang einem bis tief in die Seele, durch alle Heucheleien, Lügen und Ausflüchte …"
"Autopsie de Madame Bovary" hieß denn auch eine zeitgenössische Karikatur, die Flaubert mit einer Lupe in der rechten Hand zeigt, während er in der linken triumphierend Emma Bovarys auf einem Skalpell aufgespießtes Herz hochhält, aus dem das Blut in Strömen fließt. Was für ein Eisblock muss dieser Autor sein, werden viele gedacht haben. Das Gegenteil war der Fall.
Denn um Emma Bovarys Lebens- und Liebeswünsche zu verstehen, zugleich das dahinter lauernde Wahnsinns-Verhalten, das am Ende zu ihrem Selbstmord führt und zum wirtschaftlichen Ruin der Familie, musste Flaubert neben dem kalten Blick auch all‘ seine emotionalen Fähigkeiten entfalten. Ein Erlebnis, das er, trotz aller oft bekundeten Qualen bei der Suche nach den treffenden Wörtern, auch zu genießen wusste:
"Schreiben ist etwas Köstliches, nicht mehr man selbst zu sein, sondern in der ganzen Schöpfung kreisen, von der man spricht. Heute zum Beispiel bin ich als Mann und Frau zugleich, als Liebhaber und Geliebte an einem Herbstnachmittag unter den gelben Blättern durch einen Wald geritten, und ich war die Pferde, die Blätter, der Wind, die gesprochenen Worte und die rote Sonne, die sie ihre von Liebe getränkten Augenlider halb schließen ließ."

Flauberts Spuren in den anderen Kunstgattungen

In weiteren als abenteuerliche Expeditionen gestalteten Büchern wie "Salambo", "Lehrjahre des Gefühls" oder »Bouvard et Pécuchet« hat Flaubert durch seine Erfindung eines neuen Realismus nicht nur in der Literatur, sondern auch in den benachbarten Künsten tiefe Spuren hinterlassen, etwa in der Musik Erik Saties. Wenn er nicht an seiner Prosa feilte, füllte er die Seiten mit Aperçus, die er in einem »Wörterbuch der Gemeinplätze« sammelte. Zum Stichwort "Hieroglyphen" notierte er:

"Geheimnisvolle Schrift, erfunden von den Priestern des alten Ägypten, um ihre Geheimnisse zu verschleiern."

Und wenn es doch Leute gebe, die die Zeichen lesen könnten? - "Leicht gesagt, vielleicht ist ja alles nur erfunden!"