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StartseiteKultur heuteNeue Konzepte gegen Antisemitismus15.12.2017

25 Jahre StolpersteineNeue Konzepte gegen Antisemitismus

Vor 25 Jahren wurde der erste Stolperstein für die Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Für den Historiker Magnus Brechtken erinnern die Stolpersteine daran, dass die Judenverfolgung zwischen '33 und '45 in aller Öffentlichkeit geschah. Auch der Antisemitismus der Gegenwart brauche die aktive Auseinandersetzung jedes Einzelnen, sagte Brechtken im Dlf.

Der Historiker Magnus Brechtken im Gespräch mit Karin Fischer

Stolpersteine mit den Namen von deportierten Juden sind am 09.06.2015 in München (Bayern) auf dem Königsplatz zu sehen. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
Stolpersteine erinnern an die Judenverfolgung: "Diese Menschen lebten unter allen anderen und es konnte für jeden sichtbar sein, wenn dort jemand verschwand", sagt der Historike Brechtken. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
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Über Antisemitismus reden Sind wir zu verkrampft?

Karin Fischer: Die Ankündigung Donald Trumps, die amerikanische Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, hat Unruhen und Proteste ausgelöst: Heute wurde wieder ein Palästinenser erschossen. Die Hamas hat erneut zu einem neuen Aufstand aufgerufen, eine neue Spirale der Gewalt im Nahen Osten wird befürchtet. Die weltweiten Proteste nach der Trump-Entscheidung, bei denen antisemitische Hassparolen gerufen wurden, haben aber auch das Thema Antisemitismus in Deutschland in den Fokus gerückt. Religionsvertreter und Wissenschaftler fordern neue Konzepte gegen Judenfeindlichkeit. Deutschland hat seit dem Holocaust eine besondere Verpflichtung, das "Nie wieder" nach dem Krieg nicht zu einem "Schon wieder" heute werden zu lassen. Mit dem stellvertretenden Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, Markus Brechtken, habe ich vor der Sendung gesprochen, und ihn gefragt, ob jetzt nicht auch muslimische Verbände und Imame gefordert seien, Antisemitismus zu unterbinden?

Magnus Brechtken: Ja, die sind absolut gefordert, und man würde sich wünschen, dass es im Grunde jetzt täglich Reaktionen zu diesen antisemitischen Äußerungen gibt, die von Imamen oder von wem auch immer, von allen Religionsgemeinschaften kommen. Aus den christlichen Religionsgemeinschaften haben wir ja solche Stellungnahmen und die sollte es selbstverständlich von allen anderen Religionsgemeinschaften auch so geben - ganz im Sinne darum, dass Religionsgemeinschaften friedlich miteinander und nebeneinander existieren können, je nachdem an was die Einzelnen auch glauben mögen. Religionen sind nun über die Jahrtausende entstandene Konstruktionen der Menschen und was jeder Mensch glaubt, ist erst mal seine Privatsache, und natürlich kann das nur funktionieren, wenn alle Religionen die Existenz aller anderen Religionen akzeptieren und wenn auch selbstverständlich all diejenigen, die keinen religiösen Glauben haben, ebenso akzeptiert werden.

Intensive Auseinandersetzung erst seit Ende der 70er-Jahre

Fischer: Das Stichwort Holocaust, Magnus Brechtken, ist schon gefallen. In dem Zusammenhang wird Deutschland heute für seine Erinnerungskultur gelobt, die natürlich die wirkliche umfassende Aufarbeitung des Holocaust auch beinhaltet. Ich komme auf das Thema, weil morgen vor 25 Jahren Gunter Demnig den ersten Stolperstein verlegt hat. Inzwischen sind 63.000 dieser Steine mit der bekannten Messingplatte darauf verlegt worden und sie erinnern vor Häusern zumeist in 21 Ländern an die Opfer des Nationalsozialismus, die hier verschleppt wurden. Eine in Ihren Augen noch oder überhaupt zeitgemäße Form des Erinnerns?

Brechtken: Zunächst ist wichtig, zu sagen, dass natürlich sowohl in Deutschland wie in Europa man sich recht schwergetan hat zunächst, den Holocaust als Thema in die öffentliche Debatte zu bringen. Das hat mehrere Jahrzehnte gebraucht und erst seit Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre gibt es diese öffentliche intensive Auseinandersetzung auch in breiten Teilen der Öffentlichkeit. Und die Stolpersteine sind ein Beitrag dazu, um zu zeigen, dass diese Art von Judenverfolgung, wie wir sie zwischen 1933 und 1945 in Deutschland erlebt haben, ein Teil des Alltags war. Wenn man durch die Städte geht und diese Stolpersteine sieht, wird bewusst, dass diese Menschen unter allen anderen Menschen lebten und dass es für jeden sichtbar sein konnte, wenn dort jemand verschwand. 500.000 Juden in Deutschland sind nicht über Nacht einfach so verschwunden, sondern sie wurden systematisch ausgegrenzt, erfasst und später dann deportiert. Das geschah in den Augen der Öffentlichkeit, und die Stolpersteine sind sozusagen ein Symbol dafür, mit dem jeder nachvollziehen kann, dass diese Öffentlichkeit tatsächlich seinerzeit existierte und heute als Erinnerung existiert.

"Jeder Einzelne ist aufgerufen, sich da auch aktiv zu beteiligen"

Fischer: Allerdings in Ihrer Stadt, in München, nicht zu sehen – unter anderem auch wegen des Einspruchs von Charlotte Knobloch.

Brechtken: Ja. Es gibt natürlich unterschiedliche Positionen dazu, welche Formen man da konkret nehmen sollte. Es gibt die Argumente, dass diese Stolpersteine dadurch, dass sie im Boden sind, eine Form der Degradierung der Erinnerung sein könnten. Andere sagen, durch diese Form wird überhaupt erst das Bewusstsein geschaffen. Da muss jeder seine persönliche Meinung zu entwickeln und zu haben. Das kann man auch niemandem vorschreiben. Das ist eine Frage des demokratischen und gesellschaftlichen Prozesses.

Fischer: Ich halte das für ein großartiges symbolisches Werk. Aber vielleicht brauchen wir heute tatsächlich neue Mittel.

Brechtken: Ja, natürlich! Der Antisemitismus in der Gegenwart braucht eine aktive Auseinandersetzung, um zu zeigen, dass Religionsfeindschaft und überhaupt Rassenhass in einer modernen Gesellschaft, in einer zivilisierten Gesellschaft keinen Platz hat und keinen Platz haben sollte. Da ist jeder Einzelne aufgerufen, sich da auch aktiv zu beteiligen und zu artikulieren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen..

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