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StartseiteInterview"Der Hass wurde angeheizt"05.04.2019

25 Jahre Völkermord in Ruanda"Der Hass wurde angeheizt"

Der Salesianer-Pater Hermann Schulz war Augenzeuge des brutalen Völkermords in Ruanda, der morgen vor 25 Jahren seinen Anfang nahm. Dabei sei der Blutrausch nicht auf Knopfdruck ausgebrochen. "Die Sache wurde präpariert", sagte Schulz im Dlf. Ein Hetzradio, unterstützt von der französischen Regierung, hätte die Stimmung angeheizt.

Hermann Schulz im Gespräch mit Christoph Heinemann

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Zusammen mit tausenden von Flüchtlingen erreichen am 17.7.1994 auch Militärs des gestürzten Regimes (M) die Grenzstadt Goma in Zaire. Unter ihnen sind auch Milizen der Hutu-Extremisten, die für den Völkermord verantwortlich gemacht werden. Fast eine halbe Million Ruander flohen ins benachbarte Ausland.  (AFP/ dpa-Bildarchiv)
Am 6. April vor 25 Jahren, wurde ein Flugzeug abgeschossen, in dem Ruandas Präsident Juvénal Habyarimana saß. Damit war das Signal für eines der grausamsten Völkermord-Szenarien der Nachkriegszeit gegeben (AFP/ dpa-Bildarchiv)
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Christoph Heinemann: Den Menschen in Ruanda stehen bedrückende Wochen schrecklicher Erinnerungen bevor. Morgen, am 6. April vor 25 Jahren, wurde ein Flugzeug abgeschossen, in dem Ruandas Präsident Juvénal Habyarimana saß. Damit war das Signal für eines der grausamsten Völkermord-Szenarien der Nachkriegszeit gegeben. Drei Monate lang tobten Menschen ihren Blutrausch aus. Hunderttausende, vielleicht eine Million – die meisten dieser Opfer waren Mitglieder der Volksgruppe der Tutsi, aber auch gemäßigte Hutus wurden ermordet, viele mit Macheten verstümmelt. Der ruandische Totentanz war vorbereitet. Im Juli 1994 besiegten die Rebellen der Ruandisch-Patriotischen Front die Hutu-Milizen.

Augenzeuge des Völkermordes vor einem viertel Jahrhundert war der Salesianer-Pater Hermann Schulz, der in den 80er-Jahren in Musha in Ruanda ein Kinder- und Jugenddorf gründete, in dem junge Menschen eine Schul- und Berufsausbildung erhalten. Ich habe Pater Schulz gestern gefragt, wie er den April 1994 erlebt hat.

Hermann Schulz: Da war ich in Ruanda im Wildpark und dort habe ich erfahren, dass ich auf der Abschussliste bin, dass man mich sucht. Ich war eine Woche dort und bin nachher in einem UNO-Panzer rausgefahren zum Flughafen, der nur für Kampfflugzeuge freistand.

"War in einem kleinen Panzerspähwagen versteckt"

Heinemann: Was haben Sie dort gesehen?

Schulz: Im Panzer sah ich diese Straßensperren. An der Stelle, die nicht weit vom Jugenddorf ist, gerade dort, wo man mich am meisten suchte, waren ungefähr einige hundert Milizen verteilt mit Gewehren. Wir fuhren vom Wildpark in einer Kolonne, ungefähr 30 Fahrzeuge der Weißen, bewacht und begleitet von UNO-Soldaten. Dort an der Stelle – wir waren an der Spitze, unser kleiner Panzerspähwagen, wo ich drin versteckt war mit einer Ehefrau von einem Belgier, einer Tutsi-Frau mit ihrem Kind und drei belgischen Soldaten. Der Anführer von den Milizen sagte: "Anhalten!" Und wie er dann sagte, "Tür aufmachen", da spielte der Soldat oben, der mit diesem Maschinengewehr auf dem Panzerspähwagen oben stand, durch dieses Loch von innen her, mit seinen Armmuskeln. Da sah ich das Gesicht von diesem Anführer der Milizen, dass er Angst hatte. Später habe ich das immer wieder betont in meinen Predigten: Mörder sind Feiglinge. Der sah, eventuell könnte dieser Blauhelm schießen. Dann sagte er darauf: "Jungs, durchsucht die anderen Autos!" Uns hat er ignoriert. Also die Feigheit, die Angst von diesen Mördern.

Es wäre so gewesen: Wenn die Vereinten Nationen – es waren ja 5.000 Blauhelme im Lande; die sollten die ersten freien Wahlen überwachen -, wenn die die Befugnis gehabt hätten, Kinder und Frauen zu schützen, dann hätten die sogar, glaube ich, nicht mal einen Schuss abgeben müssen. Aber jetzt hatten die Mörder grünes Licht, denn es war bekannt, dass von den Vereinten Nationen die Anweisung kam zu diesem General, der diese 5000 Blauhelme als Führer führte; er hat immer gebeten, man müsse was machen, aber es wurde gesagt: Nein, nicht einmischen, das ist nicht unsere Sache.

Heinemann: Was wurde aus Ihrem Jugenddorf?

Schulz: Ein Schutthaufen. Von 120 Jugendlichen haben 20 überlebt. Ich bin dann zwei Monate später während der Kämpfe nach Ruanda zurückgekommen ins Jugenddorf. Von diesen 20 Überlebenden habe ich fünf gefunden. Die hatten noch vor ihren Augen die Bilder des Zerschlachtens, des Zerstörens, des Mordens ihrer Angehörigen.

Gefangene sollten beim Blutrausch mithelfen

Heinemann: Wie erklären Sie sich die Brutalität, die auf Knopfdruck zum Ausbruch kam?

Schulz: Nicht auf Knopfdruck. Die Sache wurde präpariert. Es war ja vorher so eine Art Hetzradio eingerichtet, unterstützt von der damaligen französischen Regierung, und dieses Hetzradio – das kann ich nicht behaupten, das kann ich nicht dokumentieren, aber das habe ich immer wieder gehört; man hat auch die Gefängnisse geöffnet, damit die Gefangenen mithelfen bei dem schlimmen Morden, bei diesem Blutrausch. Zwei Jahre lang war schon immer diese Spannung in der Luft. Das wurde immer wieder angeheizt, diese Kakerlaken, diese Tutsis soll man vernichten und so weiter. Aber auch wiederum: Die allerersten, die umgebracht worden sind, waren keine Tutsis; das waren Hutu, die den Mut hatten, sich dagegenzustellen, wie zum Beispiel der oberste Richter des Landes. Der wurde als allererstes umgebracht.

Heinemann: Pater Schulz, Sie haben gesprochen von Radio Mille Collines. Welches Interesse hätte denn Frankreich daran haben können, dass die Situation in Ruanda dermaßen eskaliert und dass es zu einem Völkermord kommt?

Schulz: Diejenigen, die das noch genauer wissen möchten, die müssen das Buch lesen von Peter Scholl-Latour "Afrikanische Totenklage". Es war im Interesse von Frankreich. Frankreich war ja damals voll in Ruanda präsent und Frankreich hatte ein Interesse, dort weiterhin im Sattel zu bleiben, und hat das verloren, was jetzt Frankreich nicht mehr hat, was jetzt Amerika hat: die Vorherrschaft in dieser, auch aktuell sehr begehrten Gegend, Coltan und so weiter. Das steckt dahinter. Frankreich wollte weiterhin präsent sein und hat wohl geahnt, was passieren würde.

Ein französischer Soldat, der an den Operation Turquoise teilnimmt, schüttelt am 27. Juni 1994 die Hände mit Hutu-Kindern im Dorf Murutu, 60 Kilometer von der Grenze zu Zaire entfernt. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ermächtigte am 22. Juni den Einsatz der französischen Streitkräfte im Südwesten Ruandas - "Operation Turquoise". / AFP FOTO / PASCAL GUYOT (AFP/ Pascal Guyot)Ab dem 23. Juni 1994 schickte die französische Regierung nach einem UN-Beschluss Soldaten zu einer humanitären Militärintervention in das ostafrikanische Bürgerkriegsland. (AFP/ Pascal Guyot)

Heinemann: Warum wollten die Hutus die Tutsis vernichten?

Schulz: Die einfachen Leute kann man so manipulieren. Ich bin 1939 geboren. Ich kann mich noch erinnern, welch ein Terror das war. Ich bin an der Memel in Ostpreußen geboren. Das Volk war nicht dafür, aber es haben nicht wenige mitgemacht. Und so ähnlich war es in Ruanda. Man kann den Pöbel aufheizen und dann kommen nachher ganz egoistische Interessen noch dazu. Aber ich fürchte (und ich möchte immer noch wiederholen), es lag nicht im Volke dieser Hass. Der Hass wurde natürlich angeheizt und dann kann man ihn schüren.

Heinemann: Es befanden sich 1994 auch deutsche Militärberater in Ruanda. Das Auswärtige Amt hält die Akten darüber bis heute unter Verschluss. Ist es möglich, dass diese deutschen Militärberater in Ruanda nichts von der Vorbereitung des Genozids mitbekommen haben?

Schulz: Ich habe diese Militärberater alle persönlich gekannt und ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass sie da was mit zu tun gehabt haben.

"Erzbischof hat anfangs den Mund gehalten"

Heinemann: Mussten diese Leute mitbekommen, was vorbereitet wurde?

Schulz: Ich weiß nur ein Detail. Es kamen da einige neue französische Fallschirmspringer dazu, und der vorige Kapitän wurde verabschiedet. Da waren auch die deutschen Militärberater dabei. Ich war auch dabei und viele Franzosen. Und dann habe ich noch naiv gefragt, weshalb sind die jetzt hier, weshalb kommen die nach Ruanda, diese anderen neuen Fallschirmspringer, und dann sagte mir jemand ein wenig lächelnd von den Deutschen – ich weiß nicht mehr genau wer, einer von den sieben oder sechs Militärberatern -, das werde ich Dir nachher mal erklären.

Heinemann: Unser früherer Kollege Rupert Neudeck hat uns früher berichtet, auch die Katholische Kirche in Ruanda habe versagt. Wie haben Sie das erlebt?

Schulz: Der Erzbischof von Kigali hat im Namen der Katholischen Kirche anfangs den Mund gehalten. Im Mai hat er einen sogenannten pastoralen Brief erlassen, wo im Land schon Leichen herumlagen, das Blut floss: Wir bitten die Christen, da nicht mitzumachen bei dem Morden. Das war im Mai. Aber anfangs hat die Katholische Kirche überhaupt nicht Stellung genommen. Das stimmt offiziell. Aber das heißt noch nicht, dass alle katholischen Priester – es waren etliche einheimische katholische Priester, wie zum Beispiel der Priester im kleinen Seminarium bei Kigali. Da kamen die Milizen und er hat sich hingestellt und gesagt, was wollt ihr hier, warum kommt ihr hier mit den Waffen rein. Daraufhin hat man ihn in die Schulter geschossen. Er ist natürlich hingefallen, war bewusstlos, und dann haben die sich die Tutsi-Schüler rausgepickt aus dem kleinen Seminarium. Solch ähnliche Vorfälle gibt es von mutigen katholischen Priestern, die sich dagegengestellt haben. Aber es gibt auch Verräter, die den Mördern gezeigt haben, wo sich die Tutsi oder die Leute versteckt hatten.

Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation "Grünhelme" (dpa / picture-alliance / Britta Pedersen)Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation "Grünhelme" (dpa / picture-alliance / Britta Pedersen)

Heinemann: Wie leben Hutus und Tutsis heute zusammen?

Schulz: Nun wiederhole ich den ersten Satz. Das einfache Volk hat damit kein Problem. Ich habe so wunderbare Beispiele. Ich selbst, als ich davon hörte, wie von meinen Jugendlichen ein Tutsi-Mädchen mit ihren Brüdern und anderen Tutsi auf der Flucht waren vor der Mörderbande – man hörte sie von weitem, die waren zwei, drei, vier Kilometer entfernt. In ihrer schlimmen tödlichen Angst liefen die da durch die Gegend zu einem Hutu-Bauern und sagten, hilf uns, dürfen wir uns bei euch verbergen. Er sagte dann, das geht nicht! Wenn die Mörder euch bei uns finden, werden sie uns alle umbringen. Daraufhin sind sie traurig weitergegangen.

Nachher tat das dem Bauern doch leid und er sagte: Kommt, ich habe eine Idee. Graben wir schnell Löcher aus, scharren wir Löcher im Bananenhain, ich werde euch verbergen. Wir legen ein wenig Bananenblätter über euch und Erde und so verstecken wir euch. – Das haben die getan.

Wie zwei Stunden später die Mörder vorbeikamen und die Hütten durchstöberten, gingen die hin und her, aber haben nichts gefunden, und sie gingen weiter. Aber eine alte Frau, die in der Nähe von diesem Hutu-Bauern lebte, die sagte zu den letzten Mördern, die da vorbeigingen, ihr habt nicht genau hingeschaut, im Bananenhain liegen Menschen verscharrt und verborgen. Natürlich wurden die dann alle umgebracht. Aber eine hat überlebt und als sie mir das erzählt hat nach den Wirren, sind die Bauern wieder zurückgekommen, und sie sagte: Ich möchte dch belohnen, dass Du noch lebst. Als wir da hinfuhren sagte sie, das ist die Frau, die uns verraten hat. Dann ging sie aus dem Auto raus, hat sie höflich begrüßt und sogar umarmt, und da war ich schon böse auf sie und sagte, wegen dieser Frau ist Dein Bruder umgekommen und die anderen Tutsis, wir bringen sie zum Gericht, zum Bürgermeister. Der Bürgermeister war zu der Zeit auch Richter. Dann sagte mir dieses Tutsi-Mädchen: Lass diese Frau in Ruhe, sie ist schon bestraft, weil sie ohne Liebe lebt. Und das, würde ich sagen, das ist die Einstellung von den meisten einfachen Leuten im Lande. Die Menschen wissen, wie schlimm es viele haben, auch natürlich bestimmte Rachegefühle, das ist auch sehr menschlich. Aber allgemein muss ich sagen, die einfachen Leute wollen zusammen friedlich weiterleben und ihr Leben aufbauen und möchten von diesem Völkermord am besten nichts mehr wissen und hören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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