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StartseiteInformationen am MorgenMit Erasmus einen Lebenstraum erfüllt09.05.2017

30 Jahre Austausch-ProgrammMit Erasmus einen Lebenstraum erfüllt

Seit 30 Jahren wechseln Studierende mit "Erasmus" für ein oder zwei Semester an eine europäische Universität im Ausland. Viele Tausende Biografien hat das Studienprogramm beeinflusst – und zumeist große Begeisterung hinterlassen. Ein Blick auf die Generation Erasmus und was aus ihr geworden ist.

Von Markus Dichmann

Ein verliebtes Paar genießt in Mainz am Rheinufer das sonnige Wetter und küssen sich auf der Uferpromenade. (Picture Alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)
Nach Schätzungen hat sich ein Viertel der Erasmus-Studierenden im Ausland verliebt. (Picture Alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)
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Ein anderes Land als Zuhause

"Das – ist Henri. Henri Parman. 90 Zentimeter groß, Jahrgang 2015. Ein echtes Erasmus Baby. Ohne Erasmus würd's den nicht gegeben. Genau."

Nicolas Parman. Henris Vater. Erasmus-Jahrgang 2010.

"Erasmus in Warschau, in Polen. Da hab ich von meiner Münster-Uni aus Erasmus gemacht und hab dann an meiner Uni, die ich da besucht hab, Katja getroffen."

"Genau, ja, ich hab auch da Erasmus gemacht."

Katja Parman – aus Estland. Ebenfalls Erasmus-Jahrgang 2010.

"Und ja, heute sind wir stolze Eltern von dem kleinen Henri. Fünf Jahre, nachdem wir uns kennengelernt haben, ist er geboren worden."

"Dann begann so 'ne O-Woche, Orientierungswoche: Stadtführung, Museumsbesuch, zusammen essen gehen, zusammen was trinken gehen, und da sind wir uns dann ja auch nähergekommen. Wir dachten, okay – das ist Erasmus-Liebe und im Juni ist das alles vorbei. Aber dann an dem Tag bevor du fliegen musstest."

"Nach Hause fliegen wieder."

"Genau, genau, da haben wir viel geweint. Und haben uns entschieden zusammenzubleiben."

"Also ich muss sagen, ich habe ein Land, Polen, so kennengelernt, wie es sonst nie hätte kennenlernen können. Was mich heute noch begleitet und mir auch hilft, das Land zu verstehen und auch ein Interesse an dem Land zu haben. Also jetzt die ganzen Unruhen, nenne ich's jetzt mal, die ganzen Prozesse, die in Polen stattfinden, interessieren mich jetzt – viel mehr! Weil man in dem Land war, mit den Leuten was zu tun hatte. Weil das vier Monate auch ein bisschen mein Zuhause war. Man verlässt so ein bisschen die 'nur-deutsche' Perspektive. "

"In Erasmus – wenn du Erasmus machst, dann liebst … dann lebst du in so einer Mikro-Welt. Quasi ein kleines Europa, oder eine kleine Welt, und wir haben hier Menschen von überall. Und dann erfahren sie viele neue Sachen von allen Kulturen und jetzt haben wir auch Freunde überall und es ist einfach geil. Ich weiß nicht, das ist so eine Gelegenheit, die man sonst kaum hat."

Zum Klassentreffen nach Madrid

"Hallo!"
"Ola!"
"Halo Alemao!"
"Moin moin!"
"G'day!"
"Hallöchen!"

Caterina Reinker, David Cabrera, Ronald Klaus, Marloes van der Windt, Clara Mikolajczyk und Jaime Martin. Drei Mal Deutschland, einmal Spanien, einmal Niederlande, einmal Australien.

"Wir sitzen gerade in einer Bar, in einer Bar in Madrid, und das ist heute ein kleines Klassentreffen. Wir haben alle zusammen Erasmus in Uppsala gemacht, sind dort Freunde geworden und treffen uns heute, um uns mal wieder ein bisschen auf den neuesten Stand zu bringen. Ich meine, wie lange ist das jetzt schon her? Sechs, sieben Jahre? Fühlt sich aber immer noch wie früher an."

Der Erasmus-Jahrgang 2010 –  aus Uppsala, Schweden. Heute zum Klasssentreffen in Madrid, Spanien.

"Was haben wir eigentlich das ganze Semester über gemacht?"

"Gelernt, gearbeitet, gefeiert. Wir sind mal alle zusammen nach Kopenhagen und Stockholm gefahren. Und wir haben Weihnachten und Silvester zusammen nach unseren verschiedenen Traditionen gefeiert!"

"Stimmt! Also haben wir eigentlich mehr als nur die schwedische Kultur kennengelernt."

"Es war so schön zu entdecken, dass all diese Leute aus all diesen Ländern am Ende doch alle gleich sind. Wir lachen über das gleiche, wir feiern gerne zusammen und wollen unser Leben auf die gleiche Weise führen. Naja, und obwohl wir uns so nah sind in Europa, ist doch alles so verschieden. Die Traditionen, die Gewohnheiten, sind doch sehr verschieden. Das hat auf jeden Fall meinen Horizont gegenüber anderen Kulturen erweitert."

Mit Erasmus einen Lebenstraum erfüllt

"Also, mein Name ist Marie Segger. Ich hab Erasmus gemacht im Jahr 2014 / 2015."

Marie Segger, Studium der Kommunikationswissenschaft und der Anglistik.

"Und ich bin damals nach Scheffield gegangen im Norden von England."

Inzwischen lebt und studiert sie in London.

"Wenn man eine Sprache lernt, dann muss man auch tatsächlich in das Land gehen und die Sprache vor Ort lernen. Und deswegen habe ich, eigentlich seit ich angefangen habe in der Schule Englisch zu lernen, davon geträumt nach England zu gehen. Mit Erasmus hab ich mir tatsächlich meinen Lebenstraum erfüllt."

"Die Liebe für England ist geblieben, aber jetzt mit der Aussicht auf Brexit, und der momentanen politischen Lage in Großbritannien, weiß ich nicht, ob ich mir das so gut vorstellen kann, hierzubleiben."

"Ich hab, auf gut Deutsch gesagt, Rotz und Wasser geheult. Ja also für mich und meine arme Familie, die mitleiden musste, war das eine kleine Tragödie tatsächlich. Auch, weil ich mich da schon beworben hatte auf den Studienplatz in London, und dann nochmal alles in Frage gestellt habe."

"Diese Politik der Abschottung kann ich nicht nachvollziehen. Ich glaube nicht an Grenzen. Deswegen mache ich mir schon Sorgen um die Zukunft. Nicht nur, was mich selbst angeht, sondern einfach für die Generationen, die nach der ersten Generation Erasmus, oder vielleicht der einzigen Generation Erasmus kommen."

Was ist in 30 Jahren?

"Als Eltern von einem kleinen Kind, als Vater von einem Kind, mach ich mir echt Sorgen um Europa."

Familie Parman. Erasmus Jahrgang 2010.

"Weil man sich mal anguckt, wie viele Jahre in Frieden wir jetzt gelebt haben, dank Europa, dank der EU auch, dann ist das gar nicht so viel. Dann ist das ziemlich klein. Also Erasmus wird irgendwie 30 und natürlich mach' ich mir Sorgen, was ist in 30 Jahren, wenn mein Sohn so alt ist wie ich jetzt? Was ist dann für ein Europa da? Ist dann Frieden oder ist dann Krieg? Muss er kämpfen, muss ich kämpfen? Oder können wir immer noch so schön frei durch die Gegend reisen, uns auch in Menschen aus anderen Ländern verlieben und zusammenziehen? Und, ja, da wird man sehr nachdenklich. Ja, wir wissen ja nicht, was aus Henri wird. Aber wir haben uns schon heute entschieden, dass er auf jeden Fall Erasmus machen wird."

 

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