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StartseiteGesichter EuropasMühsame Aufarbeitung in Rumänien14.12.2019, 11:05 Uhr

30 Jahre nach der Ceaușescu-DiktaturMühsame Aufarbeitung in Rumänien

Kein sozialistischer Staat kollabierte 1989 so schnell und so blutig wie Rumänien: Sechs Tage lagen zwischen den ersten Protesten in der Stadt Timișoara und der Flucht des Machthabers Nicolae Ceaușescu. Was genau damals geschah, ist zum Teil noch immer unklar.

Von Manfred Götzke und Leila Knüppel

Tausende Rumänen jubeln am 24. Dezember 1989 in den Straßen von Bukarest. In der Zeitung ist zu lesen, dass Diktator Ceausescu und seine Frau verhaftet wurden. (AFP / Christophe Simon Joel Robine)
Tausende Rumänen jubelten am 24. Dezember 1989 in den Straßen von Bukarest, nachdem Ceaușescu und seine Frau verhaftet worden waren (AFP / Christophe Simon Joel Robine)
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Mit Ceaușescus Flucht endete seine fast 25 Jahre andauernde Herrschaft. Aber was genau in den damaligen Dezembertagen geschah, in denen das Militär erst mit Panzern und scharfer Munition gegen die Aufständischen vorging, sich dann mit ihnen solidarisierte, ist bis heute unklar: Lief ein Staatsstreich ab? Oder wurde die Revolution von der neuen Führung, einer kleinen Clique von Postkommunisten, "gestohlen"?

Meinungen zur Wende gehen auseinander

30 Jahre später ist die Bevölkerung gespalten, wenn es um Beurteilung der Wendetage geht - aber auch bezüglich des einst so kollektiv verhassten Diktators. Inzwischen halten viele den Despoten sogar für einen der wichtigsten Staatschefs in der rumänischen Geschichte. Zu enttäuscht sind sie vom Übergangsprozess, bei dem vor allem die früheren Parteikader die Gewinner sind. Das Grab des damals hingerichteten Machthabers Ceaușescu ist heute jedenfalls mit Blumen und Kerzen geschmückt. Und der absurd anmutende Personenkult, der damals um Ceaușescu betrieben wurde, ist zur Touristenattraktion geworden.

Für die einstigen Opfer des Ceaușescu-Regimes ist es daher nicht immer einfach, an das damalige Geschehen – an Leid, Gräueltaten – zu erinnern. Auch die Aufarbeitung der Ära Ceaușescu kommt nur mühsam voran, schließlich haben die einstigen Geheimdienstnetzwerke und politischen Verbindungen aus kommunistischen Tagen nach wie vor Bestand.

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