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StartseiteInformationen am MorgenDie Grünen feiern ihre Gründung10.01.2020

40 JahreDie Grünen feiern ihre Gründung

Strickpullis, Vollbärte und radikale Ideen: Vor 40 Jahren wurden die Grünen gegründet. Sie begannen als "Antipartei-Partei" und als Zumutung für die etablierte Politik. Am Anfang ihrer Geschichte stand der Protest. Die Frage einer Regierungsbeteiligung war lange Zeit hoch umstritten.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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Gründungsparteitag der Grünen in der Stadthalle in Karlsruhe (imago)
Gründungsparteitag der Grünen in der Stadthalle in Karlsruhe 1980 (imago)
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Gut 1.000 Hände ragen in die Höhe, schwerer Zigarettenrauch hängt in der völlig überfüllten Karlsruher Stadthalle, als die Delegierten sich endlich einigen: "Das ist Zwei-Drittel-Mehrheit, ganz klar! Bravo! Die Mehrheit ist da. - Jaaa!"

Es ist Sonntag, der 13. Januar 1980. Das gesamte Wochenende lang haben Frauen und vollbärtige Männer in Latzhosen und Strickpullis über Umweltschutz, Frauenquote, über Krieg und Frieden debattiert, und auch über dieses später so umstrittene Thema: "Darum fordern wir als erstes Legalisierung aller zärtlichen sexuellen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern, die gewaltfrei sind und auf freier Vereinbarung beru(f)en. Drittens fordern wir die Abschaffung der Schulpflicht."

Links und bürgerlich

Christen, Kommunisten, Wertkonservative, aber auch völkisch orientierte Bauern und Nationalisten tummeln sich auf diesem Gründungsparteitag. Ökologisch, basisdemokratisch, sozial und gewaltfrei wollen die Grünen sein. Viele ticken links, sind aber zutiefst bürgerlich:

"Das waren im Prinzip radikale Linke, die Ende der 70er-Jahre in einer tiefen, tiefen Sinnkrise steckten. Dann versuchten, quasi die Grüne Partei so ein bisschen zu übernehmen. Und interessanterweise hat aber die ökologische Idee sie übernommen. Im Prinzip sind die Grünen eines der größten De-Radikalisierungsprogramme der Demokratiegeschichte", sagt der Göttinger Politikwissenschaftler Michael Lühmann. Doch mit der innerparteilichen Demokratie tun sich die Grünen anfangs schwer. Sogenannte Öko-Faschisten sorgen bis Mitte der 80er-Jahre für Unruhe. Realos und Fundis streiten über Grundsatzfragen:

"Auf'n groben Klotz gehört ein grober Keil." Meint der Ober-Realo und spätere Außenminister Joschka Fischer. Und Otto Schily stöhnt damals, als die noch unerfahrenen Grünen erstmals in den Bundestag einziehen: "Ich kann so nicht verhandeln, ich halte das für ausgeschlossen. Ich kann mich nicht konzentrieren auf die Redebeiträge, wenn hier eine solche Unruhe herrscht."

"Das war ja der reine Hass. Das war ja auch inhaltlich völlig unproduktiv. Das ging nicht!" Erinnert sich Gründungsmitglied Ralf Fücks. Ein ziemlich stark ausgeprägter Chauvinismus erschwert den Umgang zusätzlich. Politologe Michael Lühmann: "Es gab eben schon immer das Ränkespiel der Männer. Es gibt wunderbare Beobachtungen von Wolfgang Kraushaar, wie eben schon damals in den 70er-Jahren Thomas Schmid und Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer sich vor den Plena regemäßig absprachen, welche Position am Ende herauskommt."

Eppler, Böll und Belafonte

Harry Belafonte singt: "Oh, yes the whole world will live in peace…take all the missiles down…" Nicht nur Harry Belafonte, auch Erhard Eppler, Heinrich Böll und Petra Kelly stehen im Oktober 1981 auf der Bühne der Bonner Hofgartenwiese. Tagesschau-Nachrichtensprecher Werner Veigel: "Guten Abend meine Damen und Herren! Friedlich ist die größte Kundgebung in der Geschichte der Bundesrepublik am Abend in Bonn zu Ende gegangen. 250 bis 300.000 Menschen hatten sich in der Bundeshauptstadt versammelt, um für Frieden und Abrüstung zu demonstrieren."

(picture alliance / dpa / Martin Athenstädt)Der SPD-Vorsitzende Willy Brandt gratuliert am 29.03.1983 während der konstituierenden Sitzung des Bundestages in Bonn der Grünen-Abgeordneten Petra Kelly zum Einzug ihrer Partei in den Bundestag. (picture alliance / dpa / Martin Athenstädt)

Ausführlich berichtet die "Tagesschau" an jenem Abend über die Kundgebung gegen den NATO-Doppelbeschluss: Eppler, Böll, Belafonte, alle kommen ins Fernsehen. Petra Kelly, die Galionsfigur der Grünen Friedensbewegung, nicht: "Wir lehnen atomare Bomben und Reaktoren überall ab. Dank der zahlreichen Atomkraftwerke überall auf dieser Welt besteht auch die Chance, aus einem ganz gewöhnlichen konventionellen Krieg einen Atomkrieg zu machen. Danke."

Jutta Ditfurth in der ARD-Talkshow Maischberger (2017). (imago / Future Image / C. Hardt) (imago / Future Image / C. Hardt)Jutta Ditfurth: "Eine stinknormale, bürgerliche Partei"
Zum 40-jährigen Bestehen der Grünen mag die Sozialwissenschaftlerin Jutta Ditfurth nicht gratulieren. Aus ihrer Sicht hat die Partei einstige politische Ziele längst verraten. Auch beim Klimaschutz traut Ditfurth ihren ehemaligen Parteifreunden wenig zu.

Michael Kellner bekam all das nur hinter der Mauer mit. Geboren in Gera, fühlte sich der heutige Bundesgeschäftsführer der Grünen dennoch angesprochen von den westdeutschen Grünen: "Sei es in der Frage von Gleichberechtigung, sei es in der Frage von Atomkraft. Dieses Dagegen-Angehen, das ist eine Idee, die zu unserer Gründungs-DNA im Osten wie im Westen dazugehört."

Bündnis 90 und die Grünen schließen sich jedoch erst drei Jahre nach der Wiedervereinigung zusammen. Gastredner auf dem Parteitag ist damals der Bürgerrechtler Jens Reich: "Diese bündnisgrüne Partei hat die Chance, eine neuartige Partei zu werden. Und sie hat nicht nur die Chance, sondern auch die Verpflichtung. Und ich will nicht verhehlen, wenn ich das sage, dass ich auch etwas skeptisch bin, ob sie das schafft."

Wahlkampfmotto 1990: "Alle reden von Deutschland, wir reden vom Wetter"

1990 waren die Grünen zunächst aus dem Bundestag geflogen. Mit ihrem Wahlkampfmotto "Alle reden von Deutschland, wir reden vom Wetter" nahmen sie die Klimadebatte zwar früh in den Blick, doch bei den Wählern scheiterten sie damals.

"Wenn diese Bundesrepublik Deutschland einen fundamentalen Richtungswandel in Richtung Rot-Grün vollziehen würde – die kommenden Generationen, ihr Leben würde auf dem Spiele stehen."

Franz-Josef Strauß irrt sich damals gewaltig. 1998 übernehmen die Grünen an der Seite der SPD erstmals Regierungsverantwortung. Zuvor geht Joschka Fischer mit Deutschlandfunk-Reporter Christoph Heinemann joggen und erhebt die Askese zum Lebensprinzip: "Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie heute Leute mit zu viel Bauch sehen? Was ist Ihr Geheimrezept? Fischer: Beweg Deinen Hintern und ändere Deine Ernährung."

Die Vereidigung zum Umweltminister am 12.12.1985 im Hessischen Landtag machte Joschka Fischer (r) in Deutschland bekannt.   (picture alliance / dpa / Heinz Wieseler) (picture alliance / dpa / Heinz Wieseler)

Doch so forsch Fischer auch auftritt, 1998 wird er zur Zielscheibe der Friedensbewegung, als er die deutsche Kriegsbeteiligung im Kosovo und später in Afghanistan befürwortet. Damit spaltet Fischer auch die Grünen, auf dem Parteitag in Bielefeld fliegt ihm 1998 ein Farbbeutel ans Ohr: "Ja, jetzt kommt! Ich hab nur drauf gewartet … Kriegshetzer. Hier spricht ein Kriegshetzer und einen Milosevic schlagt Ihr demnächst für den Friedensnobelpreis vor, nicht wahr?!

Ströbele: "Ich habe ihn heftig kritisiert. Und ich glaube, die Entscheidung war falsch. Weil fast 18 Jahre inzwischen nach Beginn des Krieges in Afghanistan sind wir da immer noch!" So erinnerte sich vor ein paar Jahren Fischers langjähriger Gegenspieler, der Parteilinke Hans-Christian Ströbele.

"Herr Abgeordneter Fischer, ich rufe Sie zum zweiten Mal zur Ordnung!"

Doch Fischer selbst kann auch austeilen, besonders gerne tut er dies gegenüber Helmut Kohl: "Sie sind Geschichte. Im guten und im schlechten Sinne. Drei Zentner fleischgewordene Vergangenheit! Parlamentssprecher: "Herr Abgeordneter Fischer, ich rufe Sie zum zweiten Mal zur Ordnung!"

"Frech? Ich weiß gar nicht, ob das so eine Bewertungslogik für Politik ist. Ich glaube, wir trauen uns immer noch, Themen anzusprechen und auf die Tagesordnung zu setzen", erwidert Ricarda Lang, die heutige Vizevorsitzende der Grünen.

"Also daran, dass ich Turnschuhe anhabe und dass ich stricke auf Parteitagen, das tut’s für mich nicht. Sondern man muss eben Inhalte vertreten, die eben nicht immer nur dem Mainstream entsprechen." Ausnahme Klimaschutz: Dieses ur-grüne Thema beschäftigt inzwischen alle Parteien. Und auch im Establishment sind die Grünen 40 Jahre nach ihrer Gründung längst angekommen: Beim Festakt heute Abend hält der Bundespräsident die Festrede.

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