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StartseiteKalenderblattMit spitzer Feder an der Front03.01.2016

50. Todestag Marguerite HigginsMit spitzer Feder an der Front

Journalismus war lange Zeit reine Männerangelegenheit, besonders Kriegsberichterstattung. Während des Zweiten Weltkriegs änderte sich das: Erstmals berichteten auch Frauen von der Front. Eine von ihnen war die US-Amerikanerin Marguerite Higgins, die heute vor 50 Jahren starb.

Von Anette Schneider

Das Tastaturfeld einer mechanischen Schreibmaschine (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
Als erste Frau erhält Marguerite Higgins den Pulitzer-Preis. (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
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Gleichberechtigung Medien = Männersache?

"Dachau, Deutschland, 29. April 1945.
US-amerikanische Truppen befreiten heute Nachmittag 33.000 Gefangene aus dem ersten und größten Konzentrationslager der Nationalsozialisten", telegrafiert die Journalistin Marguerite Higgins an die "New York Herald Tribune". Seit einigen Monaten begleitet sie in deren Auftrag die alliierten Truppen quer durch Europa – in Richtung Berlin.

"Die Befreiung glich einem wilden, hektischen Treiben: Gefangene des Lagers umarmten die amerikanischen Soldaten, küssten den Boden vor ihnen und trugen sie auf den Schultern über den Platz."

Marguerite Higgins ist 24 Jahre alt. Schon bald wird sie eine der bekanntesten Journalistinnen der USA sein.

1920 wird sie als Tochter eines US-amerikanischen Geschäftsmannes und einer französischen Lehrerin in Hongkong geboren. Sie wächst in Kalifornien auf und studiert dort und in New York Journalismus. 1942 hat sie als Universitäts-Korrespondentin der "New York Herald Tribune" einen ersten Erfolg:

"Damals lag Madame Chiang Kai-sheck in der Universitätsklinik und weigerte sich, Reporter zu empfangen. Marguerite Higgins schlich sich in ihr Zimmer, erhielt das Interview und damit eine Anstellung bei der 'Herald Tribune', die sie 1944 nach London schickte", heißt es in einem Nachruf auf Higgins im "Hamburger Abendblatt" von 1966.
Schon 1947, mit Beginn des Kalten Krieges, übernimmt sie die Leitung des Berliner Büros ihrer Zeitung, woran sich der "Spiegel" damals in einem Porträt über Higgins so erinnert:

"Kaltschnäuzig fährt sie öfters zu den Russen im Ostberliner Polizeipräsidium, um ihnen scharfe Fragen zu stellen und amerikanische Magazine zu verteilen."

"... dass wir ein Jahrzehnt lang mit Kriegen zu rechnen haben"

1950 wird sie Leiterin des Büros in Tokio. Wenige Wochen später erlebt sie in Seoul, wie aus dem "kalten" Krieg ein "heißer" wird. Eingebettet in US-Truppen berichtet sie als einzige Frau ein halbes Jahr lang von der Front.

"Wir werden der Aussicht ins Gesicht sehen müssen, dass wir ein Jahrzehnt lang mit Kriegen zu rechnen haben", schreibt sie 1951 in "Kriegsschauplatz Korea. Das Tagebuch einer Kriegsberichterstatterin".

"Der Krieg in Korea hat uns klar gemacht, dass die Kommunisten zur Waffengewalt greifen werden, wann immer und wo immer sie glauben, eine weiche Stelle in der nichtkommunistischen Welt finden zu können. Wir müssen so aufrüsten, dass wir ihnen mit unserer Überlegenheit Halt bieten können."

Higgins trifft mit ihren Berichten exakt die in den USA politisch vorherrschende Stimmung. Schnell wird sie populär. Als erste Frau erhält sie den Pulitzer-Preis. Und: Ihr Kriegstagebuch wird umgehend ins Deutsche übersetzt. 1954 und 1955 reist sie für jeweils mehrere Wochen durch die UdSSR. Zurück in den USA, erzählt sie vor geladenen Gästen in New York, wie sich das Land in dieser kurzen Zeit verändert hat.

"Letztes Jahr kam ich nicht in den Kreml und konnte keinen der Topleader treffen. Dieses Jahr gab es etliche Empfänge, und ich hatte die Möglichkeit, mit Chruschtschow und anderen hohen Politikern zu sprechen."

Sie erzählt vom sowjetischen Alltag und vom industriellen Aufbau. Und dann, inmitten des Kalten Krieges, der McCarthy-Ära und der damit einhergehenden Hysterie gegen alles "Linke", erklärt sie:

"Heute gibt es ein großes Vertrauen in die Führung von Chruschtschow und in seine Mannschaft. Das Land befindet sich gerade in einer Zeit der Konsolidierung. Chruschtschow sagt ohne zu zögern, was er denkt. Er ist aufrichtig der Meinung, dass der Kommunismus die beste Form des Lebens darstellt. Und er hofft, die aktuelle Situation in Europa stabilisieren zu können. ... Wenn jemand die Sowjetunion besucht, entdeckt er normalerweise zwei Dinge: Die Russen sind Menschen. Und: Niemand in diesem Land will Krieg!"

Sie selbst berichtet noch einmal aus einem Krieg: Higgins, die unter anderem Marshall Tito, General Franco, Konrad Adenauer und Chiang Kai-shek interviewte, reist 1965 nach Vietnam, wo sie Ende des Jahres an einer seltenen Tropenkrankheit erkrankt. Am 3. Januar 1966 stirbt sie in Washington, gerade 45 Jahre alt.

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