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StartseiteKalenderblattKämpferin gegen Westbindung und Wiederbewaffnung13.10.2019

50. Todestag von Helene WesselKämpferin gegen Westbindung und Wiederbewaffnung

Helene Wessel war schon in der Weimarer Republik politisch aktiv, als Frauen im Parlament noch selten waren. In der jungen Bundesrepublik wurde sie als entschiedene Kämpferin gegen eine Westbindung und Wiederbewaffnung Deutschlands bekannt. Am 13. Oktober 1969 starb Wessel in Bonn.

Von Monika Köpcke

Helene Wessel am 19. März 1953 am Rednerpult des Deutschen Bundestages. Vor 53 Jahren begann sie ihre politische Tätigkeit als Sekretärin der Zentrumspartei, deren Bundesvorsitzende sie 1949 wurde. Sie gilt als eine der "Mütter des Grundgesetzes". 1952 gründete sie zusammen mit Gustav Heinemann die Gesamtdeutsche Volkspartei, 1957 trat sie ebenso wie Heinemann zur SPD über. Helene Wessel, die bis 1933 Mitglied des Preussischen Landtags war, arbeitete während des Dritten Reiches in der Verwaltung eines katholischen Krankenhauses. Ihre streitbaren Auseinandersetzungen mit Bundeskanzler Konrad Adenauer über die Grundzüge der Außen- und Militärpolitik machten sie weithin bekannt. Helene Wessel wurde am 6. Juli 1898 in Dortmund geboren und verstarb am 13. Oktober 1969 in Bonn.  (dpa / picture alliance / Georg Brock)
In der CDU waren ihr zu viele Altnazis: Helene Wessel verschrieb sich nach dem Krieg der Wiedergründung der Zentrumspartei. (dpa / picture alliance / Georg Brock)
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Was der SPD-Politiker Carlo Schmid einmal über sie sagte, war Anfang der 50er-Jahre noch als großes Kompliment gemeint. "Sie ist der einzige Mann im deutschen Bundestag."

Helene Wessel startete ihre beiden politischen Karrieren zu einer Zeit, als Frauen in der Politik noch eine große Ausnahmeerscheinung waren. Das galt für die junge Bundesrepublik ebenso wie für die Weimarer Republik. 

"Meine Damen und Herren, heute braucht man in der Politik eine Meinung und heute braucht man in der Politik einen Willen." (Bravo-Rufe)

Überzeugte Katholikin und Nazi-Gegnerin

1898 wurde Helene Wessel als Tochter eines Lokomotivführers in Dortmund geboren. Mit 19 trat die überzeugte Katholikin in die Zentrumspartei ein und machte dort rasch Karriere: 1925 wurde sie Mitglied des Parteivorstands, drei Jahre später zog sie als Abgeordnete in den Preußischen Landtag. Dort lehnte sie eine Zusammenarbeit mit der NSDAP rigoros ab.

Als "politisch unzuverlässig" eingestuft zog sie sich während der NS-Diktatur in ihren erlernten Beruf als Wohlfahrtspflegerin in einem katholischen Frauenverein zurück.

"Wir können nicht da anfangen, wo wir 1933 aufgehört haben. Zu viel ist seitdem über Deutschland hinweggegangen. Aber wir haben bei den Parteien häufig den Eindruck, dass sie da anfangen, wo sie 1933 aufgehört haben" - Helene Wessel 1950 in einem Rundfunkinterview.

"Nicht bei den Dingen, nicht bei den Problemen und Aufgaben liegen vorwiegend die Schwierigkeiten, sondern bei den Menschen, die sich nicht geändert haben."

Als kämpferische Rednerin bekannt

Im Gegensatz zu vielen ehemaligen Zentrumspolitikern trat Helene Wessel 1945 nicht der neu entstandenen CDU bei. Ihrer Meinung nach suchten hier zu viele ehemalige Steigbügelhalter Hitlers eine neue politische Heimat. Stattdessen widmete sie sich der Wiedergründung der Zentrumspartei.

Als deren Vertreterin wurde sie 1948 in den Parlamentarischen Rat gewählt. Helene Wessel wollte betont sozialstaatliche und basisdemokratische Rechte im Grundgesetz verankert sehen. Weil diese fehlten, verweigerte sie am 8. Mai 1949 dem Text ihre Zustimmung. Im September des gleichen Jahres zog sie für das Zentrum, dessen Vorsitzende sie mittlerweile war, in den ersten deutschen Bundestag ein, wo sie sich rasch den Ruf einer kämpferischen Rednerin erwarb.

"Herr Präsident, meine Damen und Herren, ich habe bei den Sprechern der CDU den Eindruck gewinnen müssen, dass ihr Glaube an die Kraft der Atombomben für die Bundesrepublik größer ist als der Glaube an Gott als den Lenker der Weltgeschichte." (Rufe)

Sie wollte Deutschland als neutralen, bündnisfreien Staat

Die Adenauer-Regierung setzte während des Kalten Krieges auf Wiederbewaffnung und Westintegration, für Helene Wessel der falsche Weg. Als mit der Korea-Krise der erste Stellvertreterkrieg zwischen West und Ost die Welt in Atem hielt, sagte sie:

"Deutschland ist nicht Korea, sondern Deutschland liegt mitten in Europa. Und wie das Schicksal Deutschlands sein wird, wird das Schicksal Europas sein. Und das Schicksal Europas wird bestimmend sein für den Weltfrieden."

Ihr Engagement gegen Aufrüstung und Westbindung brachte Helene Wessel mehr und mehr in Widerspruch zu ihrer eigenen Partei. Der Bruch kam 1952: Sie verließ das Zentrum und gründete gemeinsam mit Gustav Heinemann, der seinerseits die CDU verlassen hatte, die Gesamtdeutsche Volkspartei, GVP. Ihr Ziel: Um die Wiedervereinigung zu ermöglichen und den Frieden in Europa zu stabilisieren, sollte Deutschland ein neutraler und bündnisfreier Staat werden. In der GVP lernte Johannes Rau die kämpferische Katholikin kennen:

"Mir ist sie aufgefallen, weil sie resolut war, weil sie wusste, was sie wollte, weil sie eine klare soziale Kompetenz hatte. Da war sie sogar stärker als Gustav Heinemann."

Später Wechsel zur SPD

Als die GVP bei der Bundestagswahl 1953 an der Fünf-Prozent-Klausel scheiterte, löste sich die Partei wieder auf. Gemeinsam mit Gustav Heinemann und anderen Mitstreitern trat Helene Wessel in die SPD ein und zog 1957 für die Sozialdemokraten in den Bundestag. Doch zu ihrer alten Form fand sie nicht mehr zurück, dazu war ihre Gesundheit zu angeschlagen.

Am 13. Oktober 1969 starb Helene Wessel im Alter von 71 Jahren in Bonn. Der Bundestag schrieb in seinem Nachruf:

"Sie war eine Politikerin mit dem Mut der Suffragette und dem Herzen einer Frau."

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