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StartseiteWirtschaft und GesellschaftBritisches Heiligtum in Nöten05.07.2018

70 Jahre National Health ServiceBritisches Heiligtum in Nöten

Der britische Gesundheitsdienst National Health Service ist ein Mythos: Seit 70 Jahren sorgt er für eine kostenlose Gesundheitsversorgung. Finanziert wird er mit Steuergeldern. Doch das System gilt längst als unterfinanziert. Daran wird wohl auch der Brexit nichts ändern, trotz anderslautender Versprechen.

Von Sandra Pfister

Die weißen Großbuchstaben NHS auf blauem Untergrund prangen auf einer grauen Hauswand. (AFP/BEN STANSALL)
Der National Health Service gilt schon seit den 50er-Jahren als unterfinanziert (AFP/BEN STANSALL)
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Folgen des Brexit Großbritannien will keine ausländischen Ärzte mehr

Als der britische Premierminister Clement Attlee von der Labour-Partei am Vorabend des NHS-Starts eine weihevolle Rede in der BBC hielt, platzte er fast vor Stolz. Am folgenden Tag werde das umfassendste System sozialer Sicherheit in Kraft treten, das jemals von einem Land eingeführt worden sei: "Tomorrow there will come into operation the most comprehensive system of social security ever introduced in any country. We may be proud that Britain, which has given the lead in so many things to the world, is still in the forefront of social advance."

Die Briten könnten stolz darauf sein, dass Großbritannien, das die Welt in so vielerlei Hinsicht angeführt habe, immer noch ein Vorreiter beim sozialen Fortschritt sei. Und in der Tat: Vor der Einführung des NHS wurden viele Operationen oft buchstäblich auf dem Küchentisch ausgeführt, und viele erwachsene Briten hatten kaum noch Zähne im Mund. Nur, wer einen Arzt privat bezahlen konnte, wurde behandelt.

Mit freundlicher Unterstützung der BBC

Bis zum 5. Juli 1948. Ab nun habe jeder kostenlos Zugang zu Krankenhäusern und Medikamenten, zu Zahnärzten, Augenärzten und Hebammen, verkündete die BBC und forderte die Briten auf, sich einen Hausarzt zu suchen: "On July 5th, the new National Health Service starts, providing hospitals and specialist services, medicines, drugs and appliances, care of the teeth and eyes, maternity services. Have you chosen your family doctor? If not, ask your doctor now if he will look after you under the new scheme."

Die Briten ließen sich nicht lange bitten. Bald waren die Wartezimmer überfüllt, und es gab einen Run auf kostenlose Brillen, Hörhilfen und Gebisse. Schon in den frühen 50er-Jahren stellte sich heraus, dass der britische Gesundheitsdienst unterfinanziert war. Bald gab es Zahnersatz und Brillen nicht mehr umsonst; im April trat Gesundheitsminister Aneurin Bevan, der Erfinder des NHS, aus Protest zurück. "The resignation of Mr. Bevan, as a result of his opposition to the budget and in particular to the charges on dentists and spectacles, poses all sorts of political possibilities."

Unterfinanzierung - das Problem zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Nationalen Gesundheitsdienstes. 1987 machte der Tod eines Babys Schlagzeilen: Das Kind war gestorben, nachdem seine Herzoperation fünf Mal verschoben worden war - weil im NHS schon damals chronisch Krankenschwestern fehlten.

Austritt aus der EU führt zu Ärzte- und Pflegermangel

Die Aussicht auf den Brexit verschärft den Mangel: Viele Pfleger und Ärzte stammen aus Osteuropa, seit dem Brexit-Votum verlassen viele das Land. Immer mehr Jobs in Krankenhäusern und Hausarztpraxen sind vakant. Viele Krankenhäuser melden, sie seien nun nicht mehr nur in den Wintermonaten am Rande des Zusammenbruchs, sondern permanent; viele Krebspatienten müssen drei Monate auf ihre Behandlung warten.

Es mangelt nicht nur am Personal, sondern vor allem am Geld. Seit fast zehn Jahren gleicht die britische Regierung nur noch die Inflation aus. Das macht es schwer, die Behandlungsstandards aufrecht zu erhalten - neue Behandlungsmethoden, eine alternde Bevölkerung und mehr chronische Krankheiten kosten einfach Geld.

Vor zwei Wochen hat Premierministerin Theresa May überraschend angekündigt, sie werde pro Jahr 20 Milliarden für den NHS locker machen – pro Woche umgerechnet 600 Millionen Pfund. "There will indeed be six hundred million pounds more, being spent on the NHS, every week. That will partly be funded by the money we no longer spend on the European Union." Heißt im Klartext: So wenig Steuererhöhungen wie möglich, das Geld für den NHS soll hauptsächlich dadurch hereinkommen, dass Großbritannien demnächst nichts mehr an die EU überweisen muss - damit hatte bereits der jetzige Außenminister Boris Johnson vor dem Brexit-Referendum geworben.

Wenig Aussicht auf Besserung

Politische Gegner bezeichnen es als hanebüchen, denn das Geld ist längst für andere Ausgaben eingeplant. Der National Health Service gleicht derzeit einem prominenten Patienten, an dessen Krankenhausbett sich die Ärzte nicht um die Diagnose streiten, sondern darüber, welche Behandlung er sich leisten kann.

Viele Ärzte und Krankenschwestern wollen einfach nur noch ihre Arbeit machen, so auch der Krankenhausmanager Nick Williams im NHS-Hospital in Bournemouth: "Eines der größten Probleme des NHS ist derzeit die Presse, weil sie ständig auf den NHS draufschlägt. Ständig kriegen wir zu hören, was alles nicht funktioniert. Aber der Eindruck ist falsch. Im Winter, wenn die Krankenhäuser komplett am Limit sind, dann holen wir noch das letzte aus uns raus, um trotzdem gute Qualität zu bringen."

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