70. Todestag von Max Beckmann Malerei als transzendierte Wirklichkeit

Nicht impressionistisch, nicht expressionistisch, nicht abstrakt: Max Beckmann fand mit zeitlosen Formen eine neue Art des Malens. Aus NS-Deutschland floh er zunächst in die Niederlande, zehn Jahre später in die USA, wo man ihn mit offenen Armen empfing. Dort starb er am 27. Dezember 1950.

Von Carmela Thiele | 27.12.2020

"Selbstporträt im blauen Jackett" in Der Ausstellung "Max Beckmann in New York" im Metropolitian Museum of Art in New York.
"Selbstporträt im blauen Jackett" in der Ausstellung "Max Beckmann in New York" im Metropolitan Museum of Art in New York. (dpa / picture alliance / Justin Lane)
[*] In der ersten Version des Teasers war die Flucht Beckmanns verkürzt worden. Wir haben das korrigiert.

Es gibt Künstler, die besuchen ihre Bilder in Museen, um zu sehen, ob sie noch Bestand haben, oder was sich in der eigenen Arbeit verändert hat. Auch Max Beckmann war das wichtig. Ein Foto zeigt den über 50-Jährigen auf einer Bank vor dem Triptychon "Die Abfahrt" im Museum of Modern Art in New York sitzen. Seine Mundwinkel sind nach unten gesackt, der Blick ist nach innen gerichtet. Wie sah er sein Werk, das er über zehn Jahre zuvor gemalt hatte? Die beiden äußeren Tafeln zeigen Gemarterte, Szenen gefesselter Männer und Frauen. Das dreiteilige Bild entstand zwischen 1932 und 1935, als Deutschland in das Dunkel des nationalsozialistischen Herrschaftswahns abgeglitten war. Der Maler hoffte damals auf eine bessere Zukunft. Im Mittelbild öffnet sich der Blick auf den Himmel, das blaue Meer und eine Barke, deren Besatzung für die Hoffnung steht. Max Beckmann in einem Brief an Lilly Schnitzler über das Bild:
"Der König und die Königin haben sich selbst von den Qualen dieses Daseins befreit – sie haben sie überwunden. Die Königin trägt den größten Schatz – die Freiheit – als Kind auf dem Schoß. Die Freiheit ist das, worauf es ankommt – sie ist die Abfahrt, der neue Beginn."
Auf seine Art religiös
Meinte Beckmann die Freiheit der Kunst? Oder doch politische Freiheit? Als das NS-Narrativ von der Entarteten Kunst 1937 seine Arbeit zu bedrohen begann, ging er ins Exil nach Amsterdam. Dort sollte er zehn Jahre zurückgezogen leben, abseits des Ruhms, den er seit Mitte der Zwanzigerjahre durch seine außergewöhnliche Bildsprache erlangt hatte. Max Beckmann hatte eine neue Form der Malerei gefunden, die weder impressionistisch noch expressionistisch war, und auch nicht abstrakt. Max Beckmann, belesen, auf seine Art religiös, transzendierte in seinem malerischen Prozess die Wirklichkeit. Aus dem Exil schrieb er seinem Kunsthändler Israel Ber Neumann:
"Das Wichtigste ist jedenfalls, dass man lebt. Und weiter so intensiv wie möglich diese gespensterhafte Welt zu einer Realität des Bildes bringt. Es ist die einzige Realität, die es gibt. Wirklicher sein als Leben ist wohl das Äußerste, was ein Mensch machen kann. Und diesem reizenden Beruf unterziehe ich mich täglich.
Auf der Suche nach Nahrung für die Kunst – im Schützengraben
Wie unfassbar gespenstisch das Leben sein konnte, hatte Max Beckmann als Sanitäter im Ersten Weltkrieg erfahren. Der 30-Jährige hatte sich freiwillig gemeldet, um, wie er schrieb, Nahrung für seine Kunst zu finden. Dieser Plan ging auf, doch anders als er sich es wohl vorgestellt hatte. Das "Selbstbildnis mit rotem Schal", gemalt nach seiner Rückkehr von der Front in Belgien, zeigt ihn zermürbt, abgemagert und mit fahler Haut. Seine Gesten aber sind kraftvoll. Sie berühren den Rand der Leinwand, als sei dem Porträtierten das Bild zu eng geworden. Max Beckmann experimentierte mit einer neuen Bildsprache, die er während des Exils erst vollendete, so die Hamburger Beckmann-Expertin Karin Schick:
"Er formt seine Malerei aus, die wir heute kennen und mit Max Beckmann identifizieren, also diese auf einer schwarzen Kontur beruhende Darstellung, die Komposition, diese kraftvollen, kontrastreichen Farben in den Bildern, diese ungeheuer, auch mythologisch aufgeladenen Szenen, die Figurenbilder, ein Leben das ganz im Jetzt ist, aber auch in der Vergangenheit und zeitlos zugleich."
Ein letzter Gang ins Museum
1947 gelang Max Beckmann die Einwanderung in die USA, wo man den berühmten Maler mit offenen Armen empfing. Er lehrte an verschiedenen Universitäten, empfing Ehrenbezeugungen, malte. Bis zum 27. Dezember 1950. Das war der Tag, an dem sein Herzschlag aussetzte, auf dem Weg ins Museum, wo er eines seiner Selbstporträts besuchen wollte. Sein letztes Bild "Hinter der Bühne" blieb unsigniert. Es zeigt die Requisiten vieler seiner Bilder, die er oftmals wie Bühnenstücke inszeniert hat: die Krone des Königs liegt auf dem Tisch neben einer verlöschten Kerze. An der Wand steht ein Saiteninstrument, dessen Hals zum Schaft eines Schwertes mutiert ist, eine Frauenfigur mit bloßer Brust hängt am Kreuz, keine Menschenseele erwärmt den Raum. Der schwarzrote Vorhang ist, bis auf einen Spalt, zugezogen.