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StartseiteInformationen am Morgen"Das Unrecht, das muss zur Sprache gebracht werden"03.09.2019

90. Geburtstag von Karl Wilhelm Fricke"Das Unrecht, das muss zur Sprache gebracht werden"

Über 20 Jahre beobachtete Karl Wilhelm Fricke das Geschehen in der DDR für den Deutschlandfunk. Außerdem schrieb er Bücher über die SED-Diktatur und war im Westen einer der wenigen Kenner des Widerstands und der Opposition in der DDR. Als solcher war er beim DDR-Staat gefürchtet. Heute wird er 90 Jahre alt.

Von Sebastian Engelbrecht

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Karl Wilhelm Fricke (picture alliance / dpa )
Karl Wilhelm Fricke 2015 bei einer Buchvorstellung (picture alliance / dpa )
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"Guten Abend, verehrte Hörerinnen und Hörer – und willkommen zur ersten Ausgabe des Ost-West-Magazins mit Fakten, Namen, Hintergründen zur DDR und den deutsch-deutschen Beziehungen."

So begrüßte Karl-Wilhelm Fricke Menschen in Ost und West zum "Ost-West-Magazin" im Deutschlandfunk. In dieser Ausgabe, 1986, ging es unter anderem um den 11. Parteitag der SED und um Erich Honeckers "Kronprinzen" Egon Krenz. Karl Wilhelm Fricke, Journalist und Buchautor, war von 1970 bis 94 leitender Redakteur der Ost-West-Redaktion beim Deutschlandfunk in Köln.

"Im Ost-West-Magazin sollte, über die aktuelle DDR-Information hinaus, vertiefende, analysierende, kommentierende Arbeit angeboten werden, wobei eine weitere Komponente schon natürlich war, das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit der Deutschen hüben und drüben ein wenig stärken zu helfen, ganz im Sinne jener Konzeption, die ja seit zehn Jahren mindestens das Programm des Deutschlandfunks geprägt hatte, vom Dialogsender zwischen den Deutschen hüben und drüben."

Frickes Spezialgebiet waren Opposition und Widerstand in der DDR

Fricke war bekannt für seinen nüchternen Stil und für sachliche Information. In seinen Sendungen schlug er die Brücke zwischen Ost und West. Sein Spezialgebiet waren Opposition und Widerstand in der DDR. Dem Thema widmete er sich nicht nur, weil ihm die deutsche Einheit als politisches Ziel vor Augen war. Karl Wilhelm Fricke handelte als Journalist aus biografischen Motiven. Sein Vater wurde 1946 von der sowjetischen Geheimpolizei abgeholt, zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt – und starb 1952 in der Haft.

Fricke selbst wurde 1949 in der Sowjetisch Besetzten Zone wegen parteikritischer Äußerungen verhaftet, floh in den Westen, studierte in Wilhelmshaven und Berlin Jura und Volkswirtschaft. Als freier Journalist schrieb er über die politische Verfolgung in der DDR, wurde deshalb 1955 von einem Stasi-Agenten in Berlin gekidnapt. Fricke wurde wegen "Kriegs- und Boykotthetze" verurteilt und saß vier Jahre in Haft – erst im Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen, wo er 15 Monate lang im Keller des Gefängnisses in "Dunkelhaft" saß, später in den berüchtigten "Zuchthäusern" in Brandenburg und Bautzen. Nach seiner Freilassung 1959 arbeitete Karl Wilhelm Fricke im Westen ungebrochen weiter als Journalist.

Stasi-Akte über Fricke

Das Medium Radio liebte der Publizist besonders, weil es die Grenzen zwischen Ost und West mühelos überwinden konnte. Auch deshalb blieb er bei der Staatssicherheit ein gefürchteter Gegner. In einer Stasi-Akte findet sich über Fricke dieser Eintrag:

"In seinen Beiträgen und Kommentaren verleumdet und entstellt er die politischen Verhältnisse in der DDR (Partei- und Staatsführung, Justiz und Strafvollzug). Seine Bücher über das Ministerium für Staatssicherheit verfolgen das Ziel, das sozialistische Sicherheitsorgan der DDR international zu diskreditieren."

Frickes Bücher haben auch 30 Jahre nach dem Ende der DDR in der zeithistorischen Forschung Bestand. Und sein Wirken im Deutschlandfunk bleibt unvergessen.

"Für mich war der Deutschlandfunk in der Tat das Medium, in dem ich meine berufliche Aufgabe erkannte, nämlich einen Beitrag zu leisten zum Zusammenhalt und zum Bewusstsein der einen deutschen Nation. Und es gehört zu den größten, beglückenden Erfahrungen, dass ich die Wiedervereinigung noch erlebt habe."

In den 1990er-Jahren war Fricke Sachverständiger in zwei Enquete-Kommissionen des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

"Ich glaube schon, die Auseinandersetzung, der Dialog über die Vergangenheit, das ist das Entscheidende. Das Unrecht, das muss zur Sprache gebracht werden, wie man so schön sagt."

Karl Wilhelm Fricke erhielt 1996 die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin und im Jahr 2001 das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur verleiht seit 2017 den Karl-Wilhelm-Fricke-Preis.

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