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StartseiteInterview"Wir haben das Kriegsbeil begraben"16.11.2019

Abschied von Uli Hoeneß als Bayern-Manager"Wir haben das Kriegsbeil begraben"

Heute sei das Verhältnis zwischen ihm und Uli Hoeneß viel entspannter, sagt Willi Lemke, ehemaliger Manager von Werder Bremen, im Dlf. Er sei froh, dass sie sich gegenseitig nun nichts Böses mehr um die Ohren hauen würden - trotzdem kritisiert Lemke ihn auch, wenn er Dinge für falsch hält.

Willi Lemke im Gespräch mit Martin Zagatta

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Der ehemalige Bayern-Manager Uli Hoeneß (l) gratuliert dem ehemaligen Werder-Manager Willi Lemke zu seinem 70. Geburtstag am 19.08.2016 bei einem Empfang im Weserstadion in Bremen. (nordphoto/Ewert/dpa)
Uli Hoeneß und Willi Lemke (nordphoto/Ewert/dpa)
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Martin Zagatta: Was mit der so einmaligen Karriere von Uli Hoeneß verbunden bleibt, das ist auch die regelrechte Feindschaft mit Willi Lemke, dem früheren Manager von Werder Bremen. Die beiden, die jahrelang Intimfeinde waren, haben sich inzwischen ausgesöhnt. Aber vielleicht doch nicht so ganz, wie Sie dem Gespräch mit Willi Lemke entnehmen können, den ich vor der Sendung erreicht habe mit der Frage, wie er denn heute sein Verhältnis zu Uli Hoeneß sieht?

Willi Lemke: Ja, viel entspannter, als es noch vor einigen Jahren der Fall war. Wir haben uns Anfang 2016 versöhnt, haben das Kriegsbeil begraben. Nun sind wir auch ein bisschen älter geworden und ein bisschen vielleicht auch weiser.

Zagatta: Altersmilde?

Lemke: Ja, vielleicht auch altersmilde. Und als Uli damals angerufen hat, Anfang 2016, war es für mich überhaupt gar keine Frage, dass ich sofort auch auf ihn dann zugegangen bin. Wir duzen uns mittlerweile. Jetzt ist mal wieder ein bisschen Funkstille, weil ich ihn neulich mal kritisiert habe nach einer nicht so schönen Pressekonferenz bei Bayern, als es da um die Würde des Menschen ging. Aber das ist alles jetzt viel entspannter. Und ich denke nicht im Traum an die Zeit, wo wir uns gegenseitig wirklich volle Kanne um die Ohren gehauen haben. Und ich denke jetzt mehr an die Zeit, die vor uns liegt, wo wir uns vielleicht noch mehr um karikative Dinge kümmern. Uli unterstützt mich schon bei einem Projekt in Afrika, Zimbabwe, da freue ich mich sehr, dass wir das zusammen machen. Und jetzt eher an das Gemeinsame denken als das, was uns über Jahrzehnte getrennt hat.

Zagatta: Das klingt ja fast, als würden Sie noch Freunde werden. Sind denn die vielen Auseinandersetzungen, die Sie mit ihm hatten, ist das alles vergessen?

Lemke: Also, das kann man verdrängen, völlig raus ist es wahrscheinlich nicht. Aber ich hatte, als er anrief, sofort gedacht, komm, das ist eine wunderbare Chance, jetzt das Kriegsbeil zu begraben. In diesen letzten Tagen bin ich häufig konfrontiert worden noch von einigen Aussagen, die er über mich rausgehauen hat öffentlich und einige unschöne Dinge, die ich dann über ihn Replik geben haben lasse. Das war auch nicht schön. Ich finde das sehr gut, dass das jetzt so entspannt ist und wir uns nichts Böses mehr um die Ohren hauen. Und wenn er mich mal kritisiert, wenn ich irgendwo Unsinn mache, dann bin ich sicher etwas entspannter und werde überlegen, ob ich da irgendwas falsch gemacht haben könnte, dass er mich da kritisiert.

"Wir konnten uns überhaupt nicht leiden"

Zagatta: War das in diesen Jahren der Auseinandersetzung, war das Show für die Fußballanhänger oder waren sie sich wirklich so spinnefeind?

Lemke: Spinnefeind, Hass ist auch in dem Zusammenhang öfter mal gefallen, das habe ich nicht so empfunden. Es war aber schon eine Auseinandersetzung, die wir überhaupt nicht aus PR- oder Vermarktungsgründen gemacht haben, sondern wir konnten uns über Jahre oder fast zwei Jahrzehnte überhaupt nicht leiden. Das haben wir auch dann öffentlich gemacht, weil wenn er – das war ja der Ursprung des ganzen Konflikts –, da gesagt worden ist, Rudi Völler war bei dem schweren Foul von Augenthaler an Völler in 1985 selber schuld, weil er so schnell und dynamisch in den Zweikampf gegangen ist, dann habe ich das damals als sehr, sehr unsportlich empfunden. Heute ist aber Gras über die Sache gewachsen, deshalb interessiert es mich nicht mehr so. Und den anderen Punkt, dazu stehe ich nach wie vor: Es war ein Fehler von den Bayern, die Fernseheinnahmen für sich selber immer weiter nach oben zu schrauben und die kleineren Vereine, die Aufsteiger, dabei zu vergessen. Nur zur Erinnerung: Wir haben jetzt im Augenblick eine Fernsehgeldverteilung – nur für die Bundesliga – von etwa 25 Millionen für einen Aufsteiger bis hin zu 95 Millionen für Bayern München. Da soll mal irgendeiner sagen, ob das nicht reichlich krank ist. Und das habe ich ihm schon Mitte der 80er vorgeworfen, dass er immer nur den FC Bayern gesehen hat – neben seinen karikativen Dingen, die ich damals natürlich nicht so klar gesehen habe, wie ich es heute tue.

Zagatta: Aber das ist heute alles vergeben und vergessen?

Lemke: Ja, ja, klar!

Zagatta: Was hat Sie denn, Sie haben das Gespräch 2016 erwähnt, was hat Sie denn nach all dem Streit wieder einander nähergebracht? War das der Gefängnisaufenthalt von Uli Hoeneß?

Lemke: Also, ich glaube, das war eigentlich der Ursprung meiner Entspannung in unserem Verhältnis. Er hatte damals, es war Anfang 2016, vergeblich versucht, mich anzurufen, und ich konnte es nicht zuordnen, weil es war eine "Unknown Number", also wo ich nicht erkennen konnte, wer mich da angerufen hat. Dann gab es einen weiteren Anruf, da hat er auf die Mailbox gesprochen, sich zu erkennen gegeben und mir mitgeteilt, dass er sich damals gefreut hätte, dass ich mich nicht eingereiht hätte in die vielen Hoeneß-Kritiker, sondern dass ich einfach schlichtweg gesagt habe, das ist seine eigene, persönliche, private Angelegenheit. Da hat er Mist gebaut, ist bestraft worden, das ist korrekt alles, ich habe da aber kein Wort zu gesagt. Dafür wollte er sich bedanken. Dann gab ich ein Interview, wenige Tage nach seinem Anruf, wo ich dann auch sehr freundlich und nett über ihn gesprochen habe im "Kicker", und dann rief er wieder an, zum dritten Mal. Und sagte, ob wir uns nicht mal treffen könnten. Das haben wir dann auch gemacht in der Säbener Straße. Dann war ich noch mal etwas später, als er in der Bewegungsfreiheit nicht so eingeschränkt war, bin ich dann mit ihm zu Käfer gegangen, da hat er mich zu einem wunderbaren Essen eingeladen, dann haben wir Brüderschaft getrunken. Und seitdem ist es in Ordnung, aber – wie ich eben schon andeutete – im Augenblick ist er ein bisschen sauer wegen meiner Äußerung wegen seiner komischen Pressekonferenz.

"Ich habe einen demütigen und bescheidenen und sehr sympathischen Hoeneß kennengelernt"

Zagatta: Sie haben sich ja auch für seine vorzeitige Freilassung eingesetzt, habe ich vor einigen Tagen gelesen, in einem Brief an die Richterin damals. Wieso haben Sie das getan?

Lemke: Also, das war in einer Phase, in der wir miteinander sehr freundlich, höflich und sozial kommuniziert haben, da haben wir häufiger hier bei uns zu Hause gesprochen, was das eigentlich für einen Quatsch ist, ihn jetzt über die Hälfte der Strafzeit im Knast zu lassen. Und dann habe ich mit einem benachbarten Richter darüber gesprochen, ob das positiv, negativ oder überhaupt nicht wirkt. Denn wenn man von vorneherein weiß, das hat überhaupt keine Bedeutung, dann unterlässt man das ja. Aber mein Richter hier vor Ort hat gesagt, das würde die Richterin sicherlich interessieren, was einer, der mit ihm über fast zwei Jahrzehnte richtig heftig gekämpft hat, gehörnt und wir waren total gegeneinander. Und von daher hat der Richter gesagt, schreib einen Brief, die liest den auf jeden Fall. Du kriegst keine Antwort, sicher nicht, aber die wird den lesen. Und dann habe ich mich hingesetzt und habe aus meiner Sicht – wie gesagt, mit der Familie abgestimmt – gesagt, aus den Gründen halte ich es für völlig beknackt, ihn weiter im Knast zu lassen. Das kostet den Steuerzahler Geld, er hat diese Lektion gelernt, ich habe einen demütigen und bescheidenen und sehr sympathischen Hoeneß kennengelernt. Das war das andere Gesicht von Uli Hoeneß.

Zagatta: Aber nicht lange, das haben Sie angedeutet. Haben Sie das bereut, dass Sie sich so für ihn eingesetzt haben, ich meine, Sie haben diese legendäre, seltsame Medienabrechnung der Bayern-Bosse gerade eben schon kritisiert, Sie haben damals, glaube ich, gesagt, Sie seien wieder enttäuscht von Hoeneß, und er sei schon wieder ganz der Alte.

Lemke: Na ja, das muss man ja einfach denken, wenn man jetzt auch den Anruf bei "Doppelpass" sich anschaut, wo er dann auch wieder zwei Journalisten mit Namen benennt, die sich in der Situation nicht wehren können, weil sie irgendwo in Hannover zu Hause sitzen und vielleicht die Sendung auch schauen. Diese Journalisten haben auch Kinder, die haben Familie und die Kinder gehen vielleicht den nächsten Montag dann nicht so gerne in die Schule. Das sind Dinge, die ich nicht gut finde, aber dieses Mal habe ich, bis auf diese Antwort, die ich Ihnen jetzt gebe, dazu eigentlich nichts gesagt, weil das bringt nichts. Und ich bereue natürlich auf keinen Fall das, was ich da der Richterin geschrieben habe, denn das war genau meine Meinung zu dem Zeitpunkt. Und ich würde das heute auch nicht anders sehen. Was bringt das denn, der wird nie wieder Steuern hinterziehen, weil das, was er da im Knast erlebt hat, davon hat er mir auch berichtet, das hat ihn garantiert erwachsener gemacht, demütiger gemacht – auch wenn es vielleicht ab und zu andere Aspekte gibt, wo man sagt, oh, Uli, musstest du das jetzt so raushauen. Ich habe das nie bereut, ich fand das genau richtig, es war auch zum richtigen Zeitpunkt. Und vielleicht hat die Richterin sich auch sogar ein bisschen daran orientiert, was ich ihr geschrieben habe.

"Beim Thema Resozialisation kann ich ihn mir wunderbar als Talkgast vorstellen"

Zagatta: Jetzt hat Uli Hoeneß angekündigt, er wolle in Zukunft wieder in Talkshows auftreten. Kann denn jemand, der sich derart über das Gesetz hinweggesetzt hat, der Millionen Steuern hinterzogen hat. Kann der aus Ihrer Sicht Politikern und dem deutschen Fernsehpublikum gute Ratschläge geben oder würden Sie ihm da abraten?

Lemke: Das dürfen Sie mich nicht fragen, das müssen Sie die Intendanten der Rundfunkanstalten fragen, wie die dazu stehen. Ich sage es noch mal: Man muss nicht immer nur auf die Quote gucken, sondern man muss das Gesamtbild sehen. Und wenn man natürlich ein Thema bespricht wie Resozialisation heute, dann kann ich ihn mir wunderbar als Talkgast vorstellen.

Zagatta: Dabei wird es ja kaum bleiben. Herr Lemke, Sie selbst haben mal gesagt, also früher war das, wenn Hoeneß auf dem Bildschirm erscheint, dann schalte ich sofort ab. Wenn der heute auf dem Bildschirm erscheinen würde, würden Sie wahrscheinlich zuhören oder zuschauen.

Lemke: Also, wenn Uli Hoeneß heute in einer Talkshow auftritt, würde ich mir das zunächst auf jeden Fall anschauen, weil ich auch sehen will, welchen Hoeneß sehe ich denn, den bescheidenen und demütigen oder den aggressiven und manchmal auch sehr unfairen dann dabei. Eine andere Sache ist, das mache ich noch heute, wenn ich sehe, dass Bayern München spielt, dann schalte ich das nicht ein, weil ich gar keine Lust habe, Bayern München fünf zu null gewinnen zu sehen. Wenn die aber zurückliegen, und ich kriege das mit, dann schalte ich ein.

Zagatta: Herr Lemke, herzlichen Dank für das Gespräch!

Lemke: Alles klar, vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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