Montag, 19.08.2019
 
StartseiteComputer und Kommunikation"13 Milliarden Kilowattstunden werden in die Luft geblasen"10.08.2019

Abwärme aus Rechenzentren"13 Milliarden Kilowattstunden werden in die Luft geblasen"

Die Cloud, in die immer mehr Firmen ihre IT auslagern - sie besteht zu einem großen Teil aus ganz normalen, luftgekühlten Servern. Die Abwärme ließe sich durch eine Umstellung auf Flüssigkeitskühlung effizienter nutzen, sagte Béla Waldhauser von der Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen im Dlf.

Béla Waldhauser im Gespräch mit Manfred Kloiber

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Ein Rechenzentrum, in dem Server aufeinandergestapelt sind (Photothek/Imago)
Server-Racks aus luftgekühlten Standardkomponenten sind preiswert - aber die Abwärme lässt sich nicht so effizient nutzen wie bei Flüssigkeitskühlung. (Photothek/Imago)
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Manfred Kloiber: Wetterprognosen werden ja klassischerweise auf Großrechnern kalkuliert, die ebenso klassischen Rechenzentren stehen. Das sind dann meist spezialisierte Bauten, die vor allem auf die thermischen Bedingungen des Großrechnerbetriebs ausgelegt sind und deren Abwärme im besten Fall auch noch clever weitergenutzt wird. Doch dieser Typus von Rechenzentren ist heute gar nicht mehr der Normalfall. Normal sind simple Zweckbauten, in denen oftmals Tausende von handelsüblichen Servern mit Luftkühlung stehen, die die warme Luft einfach nach draußen pusten. 13 Milliarden Kilowatt Strom, so viel wie Berlin in einem Jahr verbraucht, werde in allen deutschen Rechenzentren zusammen regelrecht verheizt, bemängelt der Eco. Und in einem aktuellen Whitepaper befasst sich der Verband der Internetwirtschaft zusammen mit dem Netzwerk energieeffiziente Rechenzentren und der Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen mit der Frage, wie sich die Abwärme dieser Rechenzentren besser nutzen lässt. Antworten von Dr. Béla Waldhauser, einem der Autoren des Whitepapers:

Béla Waldhauser: Aktuell ist es so, dass diese 13 Milliarden Kilowattstunden in Deutschland in die Luft geblasen werden, weil die Abwärme der Rechenzentren wird heute nur in ganz, ganz kleinen Teilen genutzt. Ich kenne ein Pilotprojekt in Braunschweig, wo mehrere Häuser mit der Abwärme versorgt werden und wir als eco machen uns stark und auch als Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen in Deutschland, dass die Abwärme der deutschen Rechenzentren mehr genutzt wird.

In Deutschland keine Tradition zur Abwärmenutzung 

Kloiber: Und was sind die Gründe, warum so viel Energie in den Rechenzentren aufgewandt wird und nicht weiter genutzt wird?

Waldhauser: Wir haben schlicht und einfach in Deutschland keine Tradition. Der Rechenzentrumsmarkt hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Bei den 13 Milliarden Kilowattstunden sind aber nicht nur Dienstleister, die Colocationservices anbieten, sprich die Räumlichkeiten vermieten, sondern da sind auch sehr viele interne Rechenzentren dabei; unternehmensinterne, behördeninterne Rechenzentren. Und in der Vergangenheit war das nie ein Thema in Deutschland. In Schweden und anderen Ländern ist das anders: Schweden zum Beispiel hat eine ganz große Tradition, was die Nutzung der Abwärme in Rechenzentren angeht. Das war früher schon bei Papierfabriken so, und das haben die eins zu eins umgesetzt von Papierfabriken auf Rechenzentren, und die haben ein sehr gut ausgebautes Wärmenetz.

Kunden stellen eigenes IT-Equipment in Rechenzentren auf

Kloiber: Bei Rechenzentrum stellt man sich ja immer ein Haus oder einen großen Saal vor, da steht dann ein Riesen-Computermonstrum drin - aber tatsächlich sind ja Rechenzentren heute ganz anders strukturiert?

Waldhauser: Absolut. Wir, die Colocation- oder Housingbranche vermieten Räumlichkeiten. Wir kümmern uns um Strom, Kühlung und physikalische Sicherheit. Und unsere Kunden bringen ihre IT-Hard- und Software, ihr Telekommunikationsequipment selber mit. Und im Gegensatz zu früher, wo man in der Tat diese Riesenmonster hatte, diese Großrechner, sind es heute ganz viele Server - tausende, zehntausende Server, die dort installiert werden, plus Router und Switche für das Telekommunikationsequipment - und das sind die Hauptstromverbraucher. Die sind bei einem modernen Rechenzentrum verantwortlich für 75, 80 Prozent des Stromverbrauchs; da haben wir als Dienstleister keinen Einfluss drauf. Und das ist so das Hauptthema, dass unsere Kunden motiviert werden müssen, dieses Equipment mit Flüssigkeit zu kühlen. Das wird aber nicht von heute auf morgen passieren. Das ist ein Prozess, der viele Jahre dauert, weil erstens müssen unsere Rechenzentren entsprechend vorbereitet werden, die sind heute auf Luftkühlung in der Regel ausgelegt. Und zweitens werden unsere Kunden nigelnagelneues Equipment auch nicht einfach austauschen, auch hier müssen die Lebenszyklen abgewartet werden.

Flüssigkeitskühlung in der Anschaffung teurer

Kloiber: Das heißt also, da mangelt es an Motivation, damit die Kunden von Rechenzentren tatsächlich Rechner benutzen, die man effizient auch in der Wärmeweiternutzung dann auch tatsächlich einsetzen könnte?

Waldhauser: Vor allem ist das Thema, das im Rechenzentrum an allererster Stelle steht, das ist die Zuverlässigkeit und die Ausfallsicherheit. Und Flüssigkeit, Wasser in einem Rechenzentrum, wo wir so viel Strom haben, ist ein Thema, was für viele noch eine psychologische Barriere ist. Da muss ein Umdenken stattfinden. Und zusätzlich ist diese Lösung wesentlich teurer, und bei dem Kostendruck, den alle Unternehmen haben, greifen wir auf bewährte preiswertere Lösungen zurück, nämlich luftgekühlte Rechner, die standardmäßig produziert und verbaut werden und die eben nicht diese hohen Temperaturen dann in der Abwärme generieren.

Kloiber: Was müsste denn passieren, um da ein Umdenken sozusagen herbeizuführen?

Waldhauser: Zum einen Aufklärung, aber wir müssen gar nicht alles gleich umstellen auf flüssigkeitsgekühlte Server. Wir können auch die  existierenden Rechenzentren mit 30, 35 Grad Celsius Abwärme in der Nähe nutzen. Nur da muss auch die Bereitschaft aller Parteien, die beteiligt sind, da sein, um schnell eine nachhaltige Lösung zu finden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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