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StartseiteInformationen am MorgenZwischen Angst und Armut04.10.2019

ÄgyptenZwischen Angst und Armut

Jeder dritte Ägypter lebt zurzeit unter der Armutsgrenze - so die offiziellen Angaben. Der Unmut gegen die Regierung ist groß. Doch Kritik am Präsidenten ist tabu. Die letzten Proteste gegen ihn wurden mit einem massiven Polizeiaufgebot verhindert.

Von Stefan Heinlein

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Demonstranten rufen Slogans während eines seltenen Protestes gegen die Regierung in der Innenstadt von Kairo. Die Demonstranten forderten am späten Freitagabend den Sturz des ägyptischen Präsidenten al-Sisi. Oppositionsmedien berichteten von Demonstrationen auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo, Alexandria, Suez und Mansura. In Kairo seien mehrere Demonstranten von der Polizei verhaftet worden, berichtete die unabhängige Webseite Mada Masr. (Oliver Weiken/dpa)
Ägyptens Bevölkerung ist unzufrieden, aber wer gegen den Präsidenten demonstriert, riskiert Gefängnis (Oliver Weiken/dpa)
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Ägypten unter Al-Sisi Leben unter der Armutsgrenze

Saftige Mangos, Trauben und Granatäpfel. Im Spätsommer ist das Angebot reichlich auf dem Markt in Embaba – einem dicht besiedelten Stadtteil von Kairo. Wer hier kauft hat nicht viel Geld. Die teuren Supermärkte in den Reichen-Vierteln und die modernen Shopping-Malls am Stadtrand kennen die meisten nur aus der Ferne. Auch Umm Achmed kauft auf dem Markt von Embaba. Sie hat vier Kinder – ihr Mann arbeitet als Fahrer. Die Familie hat es schwer über die Runden zu kommen:

"Alles ist teurer geworden. Wir können uns nur einmal im Monat ein wenig Fisch oder Hühnchen leisten. Das Geld für die Studiengebühren meines Sohnes muss ich mir von einem Bekannten borgen. Aber was soll ich machen. Es muss halt irgendwie gehen."

Löhne und Gehälter kaum gestiegen

2016 gab der ägyptische Staat auf Druck des IWF den Wechselkurs des ägyptischen Pfundes frei, kürzte Subventionen und erhöhte die Strom- und Spritpreise. Die Löhne und Gehälter sind dagegen kaum gestiegen. Seither haben die Ägypter  deutlich weniger Geld in der Tasche. Mindestens jeder dritte Ägypter lebt heute nach offiziellen Angaben unter der Armutsgrenze von umgerechnet etwa 45  Euro im Monat. Es gibt weniger Kundschaft für Hamza, seit 20 Jahren Fischverkäufer auf dem Markt von Embaba

"Wer früher fünf Kilo kaufte, kann sich heute nur ein Kilo leisten. Das Leben ist so teuer geworden. Unser Volk ist am Ende. Es gibt keine Hoffnung. Es ist hoffnungslos. Ich schwöre wir sind am Ende."

Wer den Präsidenten kritisiert, riskiert Gefängnis

Nur wenige haben den Mut ihre Verzweiflung so offen zeigen. Die Opposition in Ägypten ist mundtot gemacht. Wer den Präsidenten kritisiert riskiert Gefängnis. Im Zuge der jüngsten Proteste gab es eine massive Verhaftungswelle. Nach Angaben von Menschenrechtsgruppen wurden mehr als 2.000 Regime-Kritiker – darunter Journalisten, Intellektuelle und Anwälte von der Polizei hinter Gitter gebracht. Die Presse- und Demonstrationsfreiheit ist stark eingeschränkt. Polizei in Zivil oder Uniform überwacht die Straßen von Kairo. Ein Klima der Angst und Einschüchterung. Auch auf dem Markt von Embaba winken deshalb die meisten Menschen ab wenn man sie nach ihrer Meinung fragt.

Aufruf zu einer neuen Revolution

Seit wenigen Wochen hat die Kritik an Präsident Al-Sisi jedoch eine Stimme und ein Gesicht. In selbstgedrehten Facebook-Videos wirft der schwerreiche Unternehmer Mohammed Ali der vom Militär gestützten Regierung Verschwendung und Machtmissbrauch vor. Aus seinem spanischen Exil fordert Ali seine Landsleute auf zu einer neuen Revolution.
 
"Es müssen Massen von Menschen auf die Straße gehen. Kein Polizist wird den Mut haben auf das Volk zu schießen. Die Kraft der Menschenmassen macht Ihnen Angst. Meine Brüder und Schwestern, geht direkt zum Tahrir- Platz!"

Keine Verbesserungen im Bildungs- und Gesundheitswesen

Die millionenfach geklickten Videos machen das Regime nervös. Der symbolträchtige Tahrir-Platz im Herzen Kairos wird scharf überwacht. Passanten werden kontrolliert – müssen ihre Mobiltelefone vorzeigen und entsperren. Eine Machtdemonstration die Wirkung zeigt. Noch bleibt es ruhig in Ägypten. Doch die Kritik von Mohammed Ali trifft den Nerv der Menschen. Milliarden für teure Prestigeprojekte des Präsidenten – der Staat setze die falschen Prioritäten meint auch der Politikwissenschaftler Mustafa Kamel Al-Sayed.

"Im Bildungs- und Gesundheitswesen gibt es keine ernsthaften Verbesserungen. Es fehlen die notwendigen Reformen. Aber gleichzeitig geben wir unglaublich viel Geld für eine neue Verwaltungshauptstadt aus und für die Armee."

Benzinpreis verfünffacht

Aus dicken Lautsprechern dröhnen Koran-Rezitationen am Markt von Embaba. Viele Islamisten haben hier ihr zuhause. Am Straßenrand wartet Meikel auf Kunden. An seinen freien Tagen fährt der BWL-Student das Taxi seines Vaters. Doch die Geschäfte laufen schlecht. Seit dem Sturz von Präsident Mubarak 2011 sei das Leben für ihn und seine Familie härter geworden.

"Zur Zeit von Mubarak kostete ein Liter Benzin 2,40 Pfund. Jetzt hat sich der Preis verfünffacht. Die Kunden können sich ein Taxi deshalb nicht mehr leisten Viele sind richtig sauer. Gleichzeitig haben sie aber auch Mitleid mit uns, weil sie wissen – wir können nichts dafür."

Die Regierung spürt die Unzufriedenheit der Bevölkerung. Das zuständige Ministerium hat auf Weisung des Präsidenten jetzt angekündigt, weiteren 1,8 Millionen Menschen Zugang zu staatlich subventionierten Lebensmitteln zu ermöglichen. Dazu gehören Reis, Nudeln, Öl oder Mehl. Ein Überlebenspaket das schon jetzt 60 Prozent der über 100 Millionen Ägypter erhalten.

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