Mittwoch, 28. September 2022

Affenpocken
Wie gefährlich ist das Virus?

Weltweit werden immer wieder Infektionen mit Affenpocken registriert. In Deutschland und anderen europäischen Ländern sind die Fallzahlen nun rückläufig. Was ist über das Virus bekannt? Was sind die Folgen einer Infektion? Wer sollte sich impfen lassen?

19.09.2022

    Das Bild zeigt eine Mikroskopaufnahmen von Affenpocken
    Affenpocken unter dem Mikroskop. (picture alliance / AP Photo)
    Seit Anfang des Jahres wurden bis 19. September 2022 laut WHO weltweit mehr als 61.000 Fälle von Affenpocken in 104 Ländern gemeldet, in Spanien und Brasilien kam es Ende Juli zu ersten Todesfällen in Zusammenhang mit dem Virus außerhalb Afrikas. Für Deutschland hat das Robert-Koch-Institut über 3.500 Ansteckungen registriert. (Stand 19.09.22).
    Dennoch: In Deutschland ist die Zahl der wöchentlich ans RKI übermittelten Fälle mittlerweile rückläufig. Auch in anderen europäischen Ländern deutet sich dieser Trend an.  
    Noch im Juli hatte die Weltgesundheitsorganisation den Ausbruch zu einer "Notlage von internationaler Tragweite" erklärt.

    Was sind Affenpocken?

    Affenpocken sind eine beim Menschen bislang seltene Viruserkrankung, die durch das gleichnamige Virus ausgelöst wird. Es handelt sich dabei um ein Doppelstrang-DNA-Virus der Gattung Orthopoxvirus, in Deutschland auch als Säugerpocken bezeichnet. Das Affenpockenvirus ist somit eng verwandt mit dem seit mehr als 200 Jahren als Pockenschutzimpfstoff eingesetzten Vacciniavirus, Kuhpocken, sowie mit Variolaviren, den Erregern der „echten“ Pocken.
    Erstmals beobachtet wurde das Affenpockenvirus 1958 bei Makaken-Affen in Gefangenschaft. Der Name Affenpocken ist allerdings irreführend, heute weiß man: Affen sind eigentlich Fehlwirte und ebenfalls Opfer des Virus, die ursprünglichen Reservoir-Tiere sind sie nicht. Laut dem Biologen und Experten für Zoonosen, Fabian Leendertz vom Helmholtz-Institut für One Health (HIOH), ist zum Tierreservoir „erstaunlich wenig bekannt“. In Verdacht stehen afrikanische Nagetiere, unter anderem Spitzmäuse und Eichhörnchen, bei denen das Virus schon nachgewiesen wurde.
    Bei Menschen wurde das Affenpockenvirus erstmals 1970 in der Demokratischen Republik Kongo bei einem neun Monate alten Jungen identifiziert. Seitdem werden Affenpockenvirus-Infektionen bei Menschen in Afrika regelmäßig beobachtet, in West- und Zentralafrika gilt das Virus als endemisch. In den vergangenen Jahren kam es vor allem in Nigeria immer wieder zu größeren Ausbrüchen.
    Die wenigen außerhalb des afrikanischen Kontinents nachgewiesenen Fälle von Affenpocken, etwa in Großbritannien, in den USA, Singapur und Israel, konnten bislang alle auf vorangegangene Aufenthalte in endemischen Gebieten, insbesondere in Nigeria, oder auf Tierimporte zurückgeführt werden. Für die Mehrzahl der nun seit Anfang Mai 2022 in verschiedenen Ländern Europas sowie Nord- und Südamerikas aufgetretenen Fälle gilt das jedoch nicht, das heißt die Erkrankten hatten sich zuvor nicht in endemischen Gebieten aufgehalten. Dies und die Häufung der Affenpocken-Fälle außerhalb Europas ist ein neues Phänomen.

    Wie werden Affenpocken von Mensch zu Mensch übertragen?

    Die Infektion von Menschen mit dem Affenpockenvirus erfolgt in der Regel zoonotisch, das heißt durch den direkten Kontakt mit von Affenpocken infizierten Tieren. Als infektiös gelten krankhafte Hautveränderungen, Blut, Fleisch oder Ausscheidungen solcher Tiere. Zum Kontakt kann es etwa bei der Jagd und Zubereitung von Wildbret kommen.
    Eine Übertragung von Mensch zu Mensch gilt dagegen als eher selten. Laut Robert Koch-Institut (RKI) ist dazu enger Körperkontakt nötig. Ansteckungen sind demnach durch Kontakt mit Körperflüssigkeiten oder Schorf eines bereits Infizierten möglich, vermutlich auch bei sexuellen Kontakten. Die Pocken-Bläschen zum Beispiel enthalten hohe Virenmengen, aber auch Spermien und Blut. Aber selbst bei sexuellem Kontakt infiziere sich nur einer von zehn Menschen mit dem Virus, sagte Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie an der München Klinik Schwabing, dem Deutschlandfunk.
    Infektiologe Wendtner: Bisher keine schweren Erkrankungen
    Laut Wendtner verteilt sich das Affenpockenvirus nicht über die Luft. Es kann zwar bei einer Pockeninfektion auch zu kleinen Verletzungen im Mund kommen, bei denen Viren in den Speichel gelangen. Und über diese Spucke wäre es dann theoretisch möglich, andere auf kurze Distanz zum Beispiel beim Sprechen anzustecken. Wendtner hält dies aber für extrem unwahrscheinlich. Der Speichel müsste dann auch wieder in eine offene Wunde gelangen.
    „Eine Übertragung durch Aerosole ist experimentell möglich, spielt aber bei der natürlichen Infektion eine höchstens untergeordnete Rolle“, sagte auch der Virologe Gerd Sutter vom Institut für Infektionsmedizin und Zoonosen der Ludwig-Maximilians-Universität München dem Science Media Center.
    Die Inkubationszeit nach einer Infektion liegt laut RKI bei 7 bis 21 Tagen. Die Weltgesundheitsorganisation nennt sechs bis 13 Tage als normale Inkubationszeit, möglich seien aber auch fünf bis 21 Tage.
    Die Epidemiologin Christina Frank vom Robert-Koch-Institut berichtete am 19.09.2022 im Deutschlandfunk von Untersuchungen, die darauf hinwiesen, dass Inkubationszeiten teilweise stark unterschiedlich sein könnten – abhängig vom Übertragungsweg und von der Menge des übertragenen Virus. Bei einem Teil der untersuchten Fälle gebe es Hinweise auf Inkubationszeiten von nur wenigen Tagen.

    Wie gefährlich sind Affenpocken?

    Die Gefährlichkeit des Affenpockenvirus ist unter anderem von der Varianten-Gruppe abhängig. Derzeit unterscheidet die Forschung zwischen zwei Gruppen: einer zentralafrikanischen und einer westafrikanischen, wobei Varianten aus der ersten Gruppe als die gefährlicheren gelten.
    Westafrikanische Variante
    In Europa und Nordamerika im Umlauf ist die westafrikanische Variante mit überwiegend milden Verläufen - etwa Fieber und einzelne Pockenbläschen auf Haut oder Schleimhaut. Ein höheres Risiko für schwere Verläufe oder Todesfälle haben vor allem sehr junge und immunsupprimierte oder -geschwächte Personen, etwa HIV- oder Tumorpatienten. Laut RKI liegt die Fallsterblichkeit bei der westafrikanischen Variante zwischen 1 und 3,6 Prozent. Die Zahlen beziehen sich auf Fälle, die in Afrika aufgetreten sind. Sie lassen sich nicht einfach auf Europa und Nordamerika übertragen, weil hier die gesundheitliche Versorgung besser ist. Ende Juli wurden jedoch aus Brasilien und Spanien erste Todesfälle gemeldet, die im Zusammenhang mit dem Virus stehen.
    Zentralafrikanische Variante
    Bei den zentralafrikanischen Varianten liegt die in Studien errechnete Sterblichkeit bei etwa elf Prozent, wobei die Opfer überwiegend Kinder unter 16 Jahren waren. In einer Studie aus dem Jahr 2005 wurde bei den zentralafrikanischen Varianten unter anderem eine leichtere Ansteckung und höhere Ansteckungsrate beobachtet, außerdem eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung und schwerere Krankheitsverläufe. Die Schwere der Erkrankung könne derjenigen der mittlerweile weltweit ausgerotteten Menschenpockenerkrankung ähneln, betonte der Münchner Virologe Sutter.

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    Im Vergleich zu anderen Viruserkrankungen, etwa SARS-CoV-2, ist die Fallsterblichkeit gerade bei den zentralafrikanischen Varianten damit relativ hoch. Auch hier gehen Experten jedoch im europäischen Kontext von geringeren Raten aus. Infektiologe Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing sagte im Dlf: „Das ist eine Erkrankung, die meines Erachtens nicht das Potenzial hat, die Bevölkerung massiv zu gefährden.“
    München Klinik Schwabing, hier wurde der erste Patient mit Affenpocken in Deutschland behandelt
    München Klinik Schwabing, hier wird der erste Patient mit Affenpocken in Deutschland behandelt (imago/Wolfgang Maria Weber)

    Wie lässt sich der Rückgang der Fallzahlen in einigen Ländern erklären?

    Nicht nur in Deutschland sind die Affenpocken-Infektionen rückläufig (Stand 19.09.2022). Auch in Ländern wie Frankreich, Spanien Portugal, Großbritannien oder den USA ist teilweise eine Abnahme der Neuinfektionen zu verzeichnen.
    Die Epidemiologin Christina Frank vom RKI führt den Rückgang auf mehrere Ursachen zurück - darunter eine erfolgte intensive Aufklärung zur Verhaltensprävention, das angepasste Verhalten insbesondere von Risikogruppen und die weitere Sensibilisierung der Ärzteschaft. „Nur wenn man Fälle erkennt, kann man die Weiterübertragung verhindern“, sagte Frank.

    Droht eine weitere Pandemie?

    Die Gefahr einer weiteren Pandemie durch das Affenpockenvirus sehen Wissenschaftler wie der Virologe Schmidt-Chanasit derzeit nicht. Selbst die Gefahr einer größeren oder längeren Epidemie in Europa oder Deutschland wird aus Sicht von Experten als gering eingeschätzt. Als Gründe führen die Forscher die vergleichsweise schwierige und damit ineffiziente Übertragung des Affenpockenvirus an. Dies führe „in Verbindung mit adäquaten Maßnahmen zur Diagnose und Kontaktermittlung meist nur zur Ausbildung kurzer Infektionsketten“, so der Münchner Virologe Sutter. Tatsächlich sind in der Forschung bislang nur Infektionsketten von sechs bis neun Menschen bekannt.
    Wissenschaftler mahnen bei den aktuellen ungewöhnlichen Ausbrüchen in Europa und Nordamerika aber zu Vorsicht und genauer Aufklärung. „Die Erkrankung muss weiter erforscht werden, damit wir verstehen, warum es zu dieser Häufung jetzt kommt“, sagte Schmidt-Chanasit. Dafür gibt es momentan nur Hypothesen.
    Eine davon ist, „dass das Virus in eine Bevölkerungsgruppe, in einer Szene, Eintritt genommen hat, wo sehr enge Mensch-Mensch-Kontakte existieren“, so Zoonosen-Experte Leendertz vom RKI im Dlf. Die Hypothese basiert auf Angaben der WHO, wonach bislang in Europa und Nordamerika überwiegend schwule und bisexuelle Männer von Affenpocken betroffen sind – allerdings nicht ausschließlich. Wegen der noch eingeschränkten Beobachtungslage hält es die WHO für sehr wahrscheinlich, dass Fälle in weiteren Bevölkerungsgruppen und Ländern auftauchen. Eine erhöhtes Infektionsrisiko besteht für jeden, unabhängig von Geschlecht und Alter, wenn es zu engem Kontakt kommt.
    Schon jetzt könne die Szene-Hypothese allein das aktuelle Phänomen nicht erklären, wie Leendertz betonte. „Die alternative Erklärung wäre, dass sich das Virus irgendwie verändert hat“, so Leendertz. Darauf gebe es aber momentan keine Hinweise, was die Weltgesundheitsorganisation bestätigt. Laut der Leiterin des für Pocken zuständigen Sekretariats bei der UN-Organisation, Rosamund Lewis, neigt das Virus weniger zu Mutationen. Das Affenpockenvirus verändert sich aber schneller als andere Pockenviren, haben Untersuchungen ergeben. Noch ist unklar, was das bedeutet. Virologen fordern weitergehende Sequenzanalysen des Genoms identifizierter Viren, um Hinweise auf Veränderungen entdecken zu können.
    Um die Ausbreitung zu stoppen, halten es WHO und andere Experten für „dringend notwendig“, das Bewusstsein für die Virenerkrankung zu erhöhen, hieß von der WHO in Genf. Außerdem müssten Fälle umfassend ausfindig gemacht und isoliert sowie Ansteckungswege rückverfolgt werden. Grund zur Besorgnis sehen aber derzeit weder die Experten noch die WHO. Reisebeschränkungen oder Absagen von Veranstaltungen in betroffenen Ländern sind aus Sicht der UN-Gesundheitsorganisation derzeit nicht notwendig.

    Wie lässt sich eine Affenpockenvirus-Infektion erkennen?

    Zu den ersten Symptomen von Affenpocken gehören
    • Fieber
    • Kopf-, Muskel und Rückenschmerzen
    • sowie geschwollene Lymphknoten
    Einige Tage nach dem ersten Fieber kommt es zu
    • krankhaften Hautveränderungen, die häufig im Gesicht beginnen und dann auf andere Körperteile übergreifen.
    Bei einigen der aktuellen Fälle begannen die Hautveränderungen im Bereich der Harn- und Geschlechtsorgane, wie das RKI berichtet.
    Nach dem Auftreten erster begrenzter Farbveränderungen (Macula) durchlaufen die Hautveränderungen weitere Stadien: Knötchen (Papula), Bläschen (Vesikula) und Eiterbläschen (Pustula). Diese verkrusten schließlich und fallen ab. Die meisten Menschen erholen sich innerhalb weniger Wochen wieder. Infizierte sind ansteckend, bis alle Krusten abgefallen und durch neue Haut ersetzt sind. Dies kann mehrere Wochen dauern. Häufig kommt es darüber hinaus zu Sekundärinfektionen durch Bakterien. Infolge einer Affenpocken-Erkrankung können Narben zurückbleiben, in seltenen Fällen ist auch Erblindung möglich.
    Im Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Stuttgart wird unter einem Elektronenmikroskop einen Pockenvirus von einem Schaf untersucht.
    Zur Diagnostik werden auch klassische elektronenmikroskopische Untersuchungen eingesetzt (dpa/Bernd Weißbrod )
    Diagnostisch kann die Infektion durch etablierte Virus-spezifische PCR-Verfahren und Sequenzierung sowie klassische elektronenmikroskopische Untersuchungen nachgewiesen werden. Als Ausgangsmaterial für den Virusnachweis werden Bläschenflüssigkeit, Pustelinhalt oder Hautkrusten verwendet. Ein Nachweis von Affenpockenvirus-spezifischen Antikörpern ist laut RKI dagegen schwierig. In Anbetracht der seit Mai vermehrt auftretenden Affenpockenfälle empfiehlt das RKI derzeit bei Personen mit unklaren pockenähnlichen Hautveränderungen eine mögliche Affenpockeninfektion in der Diagnostik mitzuberücksichtigen – selbst wenn sich die Personen nicht in Affenpocken-Endemiegebieten aufgehalten haben.

    Welche Quarantäne-Regeln gelten bei Verdacht auf eine Infektion mit Affenpocken?

    Da gibt es inzwischen klare Empfehlungen des RKI: Je nach Art des Kontakts (Expositionskategorie) spricht das RKI von "Quarantäne/Absonderung in häuslicher Umgebung bis 21 Tage nach letztem Kontakt" oder von "Aktive Überwachung, täglich bis 21 Tage nach letztem Kontakt".
    Generell sollten Infizierte sich ganz ähnlich verhalten wie bei einer Corona-Infektion. Sie sollten möglichst jede Art von engem Kontakt vermeiden, auch geschützten sexuellen Kontakt - so lange, bis der Ausschlag abgeheilt ist. Das kann bis zu 21 Tage dauern.
    Infizierte sollten möglichst in einem separaten Raum bleiben, ein eigenes Bad benutzen falls möglich und auch Bettzeug und Gegenstände sollten nicht mit anderen geteilt werden. Das Affenpockenvirus kann über lange Zeiträume auf Oberflächen oder Stoffen überleben, das heißt über Tage bis Monate, sofern nicht speziell geeignet desinfiziert wird.

    Kann man Affenpocken behandeln?

    Es gibt keine spezifische Behandlung für Affenpocken, die Therapie erfolgt hauptsächlich unterstützend und symptomatisch. Eine Maßnahme dabei ist, die ansteckenden Pocken mit einer Zinkpaste abzudecken. Wichtig ist vor allem, das Auftreten einer bakteriellen Superinfektion zu verhindern. Behandelt werden kann eine Affenpocken-Infektion etwa mit Orthopockenvirus-spezifischen Medikamenten, etwa Tecovirimat, das die EU erst im Januar 2022 zugelassen hat. Das Medikament soll gegen echte Pocken, Kuhpocken und Affenpocken helfen und ist damit laut RKI eine mögliche Therapieoption für immungeschwächte Personen. Allerdings ist es noch nicht breit verfügbar.
    Auch eine nachträgliche Impfung mit einem zugelassen Pockenvakzin kann zur Behandlung von Affenpocken eingesetzt werden. Möglich wäre auch eine passive Immunisierung mit aufgereinigten Antikörpern aus dem Blut von Personen, die gegen Pocken geimpft sind. Hier besteht gleichfalls das Problem geringer Verfügbarkeiten.

    Schutz mit Pockenimpfstoff Imvanex vor Affenpocken

    Das Bundesgesundheitsministerium hat mittlerweile 240.000 Dosen einer Weiterentwicklung des Vaccinia-Impfstoffs Imvanex bestellt und davon bisher 40.000 an die Bundesländer ausgeliefert. Seit Juli können damit Menschen geimpft werden. Angesichts der steigenden Infektionszahlen hat die Deutsche Aidshilfe deutlich mehr Bestellungen gefordert - sie hält eine Million Dosen für erforderlich.
    Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat am 9. Juni 2022 eine Impfung gegen Affenpocken für Risikogruppen empfohlen. Dies betreffe Menschen nach einem engen körperlichen Kontakt zu Infizierten, Personal in Laboren mit ungeschütztem Kontakt zu Proben und homosexuelle Männer mit wechselnden Partnern. Für die Impfung stehe der in der EU zugelassene Pockenimpfstoff Imvanex zur Verfügung. Die Empfehlung der STIKO muss noch ein sogenanntes Stellungnahmeverfahren mit den Bundesländern und beteiligten Fachkreisen durchlaufen. So lange ist sie vorläufig.
    Da sich beide Viren sehr ähnlich sind, schütze der Impfstoff gegen Menschenpocken vermutlich auch gut vor Affenpocken, sagte Prof. Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Charité in Berlin, im Dlf. Es gebe aber noch keine gute große klinische Studie, die die Wirksamkeit untersucht habe. Daran werde jetzt gearbeitet. Bisher gebe es "eigentlich nur Daten aus Tiermodellen, von denen man weiß, dass dieser Impfstoff sehr gut schützt" und gute erste Erfahrungen. Er erwarte nicht, "dass das Virus wieder komplett verschwinden wird, sondern dass es ein Problem ist, mit dem wir uns auch in Zukunft beschäftigen müssen".
    Pockenschutzimpfung in Hannover 1967
    Pockenschutzimpfung in Hannover 1967 (dpa/Wolfgang Weihs)
    Bei dem modernen Pockenschutzimpfstoff der dritten Generation sind Nebenwirkungen weniger wahrscheinlich als bei den klassischen Pockenimpfstoffen damals. Er basiert auf dem sicherheitsgetesteten und in Säugetieren nicht vermehrungsfähigen Vaccinia-Virus MVA (Modifiziertes Vacciniavirus Ankara), das sowohl die humorale, das heißt nicht zelluläre Immunantwort, etwa durch Lymphozyten anregt und aktiviert, als auch die zelluläre Immunantwort durch T-Helferzellen. Bei der Prophylaxe zum Schutz gegen Orthopockenvirus-spezifische Erkrankungen kommt der zellulären Immunität eine besondere Bedeutung zu.
    Dass Gesundheitsminister Karl Lauterbach den Impfstoff Imvanex bestellt hat, gilt als Vorsichtsmaßnahme, um eventuell Kontaktpersonen von Infizierten impfen zu können, damit sich das Virus nicht weiter ausbreiten kann. Experten halten die gezielte prophylaktische Impfung von Menschen bei lokalen Ausbrüchen für sinnvoll - etwa in einem Gefängnis. Die ganze Bevölkerung vorsorglich gegen die Affenpocken zu impfen, wird aber als unnötig betrachtet.
    Das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) empfiehlt bei einer nachgewiesenen Affenpocken-Infektion eine Impfung für enge Kontaktpersonen mit hohem Risiko, etwa immungeschwächten Menschen, mit einem Pockenvirus-Vakzin. Eine Notwendigkeit für Massenimpfungen gegen Affenpocken sieht auch die WHO derzeit nicht. Maßnahmen wie Hygiene und präventives Sexualverhalten würden helfen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen.
    Quellen: Christine Westerhaus, Robert-Koch-Institut, Weltgesundheitsorganisation WHO, Science Media Center, dpa, AFPD, ww, nin