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Afghanistan
Die Bundeswehr und der Kampf um Kundus

Wie vor einem Jahr drohen die Taliban, Kundus einzunehmen. Die Bundeswehr - erst 2013 abgezogen - ist heute wieder mit einem kleinen Kontingent dort. Gegen die Taliban kämpfen dürfen die Soldaten nicht: Sie sind als Trainer und Berater der afghanischen Armee im Einsatz.

Von Sandra Petersmann | 06.10.2016
    Bundeswehrsoldaten im Helikopter auf dem Weg nach Kundus
    Bundeswehrsoldaten im Helikopter auf dem Weg nach Kundus (Deutschlandradio/ Sandra Petersmann)
    Der Gouverneur von Kundus ist an diesem trüben 2. Oktober bestens gelaunt. Asadullah Omarkhel besucht die Bundeswehr in ihrem kleinen Lager am Stadtrand und verbreitet gute Laune. Er kommt regelmäßig zu den Deutschen, um Kontakt zu halten. Omarkhel will in Deutschland Gehör finden. Er fährt mit einem gepanzerten Wagen und einem Konvoi mit zwei Dutzend Sicherheitskräften vor.
    "Ich kann jederzeit durch diese Stadt gehen. Und Sie können gerne mitkommen, wenn Sie das dürfen", sagt er mit einem strahlenden Lächeln. Seine Gefolgsleute brechen in heiteres Gelächter aus. Der Gouverneur setzt noch einen drauf:
    "Ich weiß, dass Ihre Regeln das nicht zulassen, aber wenn Sie wollen, sind Sie bei mir in den allerbesten Händen und wir gehen im Stadtzentrum spazieren."
    Sandra Petersmann im Gespräch mit dem Gouverneur Omarkhel.
    Sandra Petersmann im Gespräch mit dem Gouverneur Omarkhel. (Deutschlandradio/ Sandra Petersmann)
    Gouverneur Omarkhel soll Kundus befrieden
    Die Provinz Kundus hat in den letzten 15 Jahren viele Gouverneure erlebt. Asadullah Omarkhel ist seit Februar im Amt. Er soll die Stadt Kundus und die gleichnamige Provinz befrieden. An diesem 2. Oktober strahlt er Zuversicht aus.
    "Jeder erinnert sich noch an den Massenangriff vor einem Jahr, als die Feinde der Menschlichkeit hier in Kundus plünderten, vergewaltigten und mordeten", erzählt Omarkhel. Jetzt sehe es viel besser aus. Es sei Zeit für wirtschaftliche Investitionen. Omarkhel hofft auf deutsche Hilfe.
    Keine 24 Stunden später spazieren Taliban-Kämpfer mitten durch das Stadtzentrum von Kundus. Sie rücken in kleinen Gruppen auch auf den Sitz des Gouverneurs vor. Die Extremisten verschicken dabei in immer kürzeren Abständen Videos über die sozialen Medien. Sie machen sich lustig über den afghanischen Staat und seine ausländischen Partner.

    "Wie eine Operation am offenen Herzen"
    Das kleine deutsche Kontingent, das immer für ein paar Wochen am Stück in einem stark abgesicherten Bereich in einem afghanischen Armeelager in Kundus stationiert ist, greift nicht in die Kämpfe ein. Das verbietet das Mandat. Oberstleutnant Erik Rattat und seine Leute sind vor Ort, um die afghanische Armeeführung in ihrer Schaltzentrale zu beraten. Die kleine Beratergruppe wird in regelmäßigen Abständen zurück ins deutsche Hauptquartier in Mazar-i-Sharif geflogen. Der Flug mit dem Hubschrauber dauert 50 Minuten.
    "Das ist ja wie eine Operation am offenen Herzen hier. Hier drüben, das Lagebild, das wird mehrfach am Tag aktualisiert, da sieht man dann die Feindlage. Und wir haben von morgens bis abends immer einen Berater hier, mindestens einen, der darauf drängt, dass Meldungen eingeholt werden, wenn Informationen fehlen, dass die Abläufe sich hier einspielen."
    Soldaten der Bundeswehr in einem Helikopter unterwegs zu einem Kurz-Einsatz als Berater nach Kundus/ Afghanistan.
    Soldaten der Bundeswehr unterwegs zu einem Kurz-Einsatz als Berater nach Kundus (Deutschlandradio/ Sandra Petersmann)
    Afghanische Armee schwächt sich selbst
    Ein mühsamer, langsamer Prozess in einem terrorgeplagten Land. Die afghanische Armee schwächt sich durch Abstimmungsschwierigkeiten, interne Machtkämpfe und Korruption selber. Sie leidet unter hohen Verlusten. Die erneute Bloßstellung in Kundus durch wenige hundert Taliban-Kämpfer unmittelbar vor der Geberkonferenz in Brüssel ist ein weiterer Tiefschlag. Für die Moral der Soldaten und für die Moral der Bevölkerung. General Hartmut Renk ist der verantwortliche NATO-Kommandeur für den Norden Afghanistans.
    "Ja, dieser Vertrauensverlust, das ist das schlimmste. Die taktischen Erfolge, die man mit diesen kleinen Kräftegruppierungen erreichen kann, die sind überschaubar. Das, was wir in der Bevölkerung durch Propaganda an Schaden sehen, da ist viel schlimmer, dem müssen wir viel stärker begegnen. Sie versuchen aus einem minimalen Ansatz einen maximalen Erfolg zu generieren, und das müssen wir vermeiden."
    Ein schwacher Staat, dem die Bevölkerung nicht vertraut, ist zum Scheitern verurteilt. Die Geberländer versuchen im 15. Jahr ihrer Afghanistan-Mission das Land zu stabilisieren - damit die Afghanen in Afghanistan bleiben. Und damit geflohene Afghanen schnell ins umkämpfte Afghanistan zurückgeschickt werden können.