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Alain Mabanckou: "Petit Piment"Migrant im eigenen Leben

In seiner "urbanen Fabel" über einen Waisenjungen auf der Suche nach einem Weg durchs Leben, wirft der gebürtige Kongolese Alain Mabanckou einen kritischen Blick auf die Geschichte der Republik Kongo.

Von Cornelius Wüllenkemper

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Der Schriftsteller Alain Mabanckou ((c) Nico Therin)
Die Bruchlinien postkolonialer Identitäten sind das Thema von Alain Mabanckou ((c) Nico Therin)
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In seinem neuen Roman über den Waisenjungen Petit Piment und dessen Freund Bonaventure kehrt Alain Mabanckou erneut zurück an den Schauplatz seiner Kindheit. Sein Ich-Erzähler Petit Piment - das stellt der Autor seinem Roman voran - basiere auf einer realen Person, die ihn in Pointe-Noire auf der Straße gebeten habe, ihn zur Romanfigur zu machen. Denn er habe genug davon, im wirklichen Leben eine zu sein.

"Tatsächlich glaubte ich bis zu dem Jahr, als die Revolution über uns kam wie ein Regen, den selbst unsere ruhmreichsten Fetischeure nicht hatten kommen sehen, dass das Waisenhaus von Loango keine Einrichtung für elternlose oder misshandelte Minderjährige oder für Kinder aus schwierigen Verhältnissen war, sondern vielmehr eine Schule für Hochbegabte. Bonaventure war hellsichtiger, denn er sagte, diese Einrichtung sei ein Ort, wo man die Bälger versammelte, die niemand haben wollte, denn wenn man jemanden liebte, wenn man jemanden haben wollte, führe man ihn aus, man gehe mit ihm spazieren und schlösse ihn nicht in einem alten Gemäuer ein, als sei er in Haft."

Kindlicher Erzähler

Mit dem Waisenjungen Petit Piment setzt Alain Mabanckou einmal mehr einen kindlichen, ja naiven Erzähler ein, der die Welt mitsamt ihren Wundern, Ungerechtigkeiten, Träumen und Lügen mit aufgerissenen Augen anstarrt. Seine Sprache ist einfach, scheut nicht die humoristische Überzeichnung, überdeutliche Metaphern und sprudelnde Assoziationen. Lebensgeschichten, Kinderstreiche oder auch geschichtliche und politische Entwicklungen im Kongo werden entweder in direkter Rede oder als anekdotisch anmutende Begebenheiten erzählt, in einem Ton voller Lebendigkeit, Sinnlichkeit und konkreter Anschauung. Dieses Buch liest man so, als höre man einem Geschichtenerzähler am Lagerfeuer zu – eine fremde Welt tut sich auf, in die man sich nur zu gern versinken lässt.

"Die Naivität hat für mich eine sehr besondere Bedeutung. Auch in der mündlichen Erzähltradition Afrikas spielt der Erzähler immer den Naiven, um damit sein Publikum an sich zu binden. Und durch diese Naivität entdeckt der Leser meines Buches, dass es eigentlich um sehr einfache Dinge geht. Die Naivität ist eine Quelle der Erkenntnis. Um Menschen etwas zu vermitteln, tut man so, als werfe man die Dinge durcheinander. Aber aus diesem Durcheinander schält sich dann eine besondere Einsicht."

Die "besondere Einsicht" wird am Ende eine äußerst bittere sein. Als Säugling hatte man Petit Piment anonym vor dem Waisenhaus abgelegt. In der Annahme, er gehöre der vermeintlich richtigen ethnischen Gruppe an, wurde er in Pflege genommen. Im Zuge der sozialistischen Revolution übernahmen 1969 kadertreue Kommunisten das Waisenhaus, allen voran ein bösartiger Direktor.

"Er schloss die Aufsässigen in jenen Raum der Revolution ein, der nur mehr ein Kerker war, damit sie hinter der schweren Metalltür mit dem kleinen Loch, durch das man ihnen stets die gleichen Speisen hineinschob, lernten, welche Pflichten den Pionieren bei der Revolution des wissenschaftlichen Sozialismus zukamen. Diesen ,Gefangenen der Revolution' – die es sauber von den ,Pionieren der Revolution' zu unterscheiden galt, die zuverlässiger, angepasster, gehorsamer waren - blieb nichts anderes übrig, als ununterbrochen der Meckerstimme des Präsidenten von einer Radiokassette zu lauschen, die die Regierung Einrichtungen wie der unseren hatte zukommen lassen."

Eine Fabel des Unrechts

Petit Piment lernt schnell, sich in der Welt politischer Indoktrinierung zurechtzufinden, sich mit Schmeicheleien die Gunst der Autoritätspersonen zu sichern – und schließlich dem Waisenhaus, das längst zum "Gefängnis der Revolution" geworden ist, zu entfliehen. In einer kriminellen Jugendbande irrt er umher, lebt wie viele andere Kinder von kleinen Diebstählen und Überfällen rund um den Grand Marché am Hafen von Pointe-Noire. Seine Geschichte ist die eines Ausgestoßenen, sie ist eine Fabel des Unrechts. Es ist, so Alain Mabanckou, eine Geschichte über die Lebensrealität in der Republik Kongo.

",Petit Piment' ist ein Buch, das an der freien Luft spielt. Es geht um die Straße, das Geschrei, das Afrika, wie es sich in Gassen und Dörfern abspielt, mit Menschen, die am Rande stehen. Petit Piment ist wie der Held einer urbanen Fabel, die von Afrika handelt und vom starken Einfluss, den Religion, Kommunismus und Politik in den 1970er und 1980er Jahren auf das Leben des Einzelnen hatten. Petit Piment ist ein Marginalisierter, der aufsteht und Rache übt für Dinge, die Jeden treffen könnten."

Petit Piment, kleine Chili – der Name von Mabanckous Helden geht auf eine Szene zurück, in der er sich mit einer Überdosis Chili-Pulver erfolgreich gegen Angriffe anderer Waisenkinder zur Wehr setzt. Petit Piments eigentlicher Name hat eine schicksalhafte Bedeutung:

"Auf Lingala heißt meine Hauptfigur ,Wir wollen Gott dafür danken, dass der schwarze Moses im Land seiner Vorfahren geboren wurde'. Mein schwarzer Moses muss aus dem Waisenhaus fliehen, um eventuell die Verdammten dieser Erde in Pointe-Noire zu retten."

Verlust der Sprache

Doch auch die religiöse Aufladung des beschwerlichen Lebens seines Helden führt Mabanckou als Trugbild vor. Als Petit Piment seinen letzten Halt im Kreise gutmeinender Prostituierter in Pointe-Noire verliert – der neue Bürgermeister schickt die Arbeitsmigrantinnen zurück ins Nachbarland -, ist ihm nicht mehr zu helfen. Weder der Doktor, der bei den Weißen studiert hat, noch der Heiler, der die traditionellen Geister zur Hilfe ruft, können seine Persönlichkeit stabilisieren. Petit Piment wird zum heimatlosen Binnenmigranten im eigenen Leben. Den Zerfall einer Identität, den Konflikt zwischen afrikanischer Tradition und postkolonialer Realität spiegelt Alain Mabanckou sehr gekonnt in Petit Piments Verlust der Sprache.

"Vielleicht ist auf mein Gedächtnis kein Verlass mehr, weil ich die meisten Umstandsbestimmungen verloren habe! Vielleicht weiß ich nicht mehr, wo in meinen Sätzen ich sie einbauen soll! Wenn es mir an Umstandsbestimmungen mangelt, obgleich sie notwendig wären, kann ich mich weder an die Zeit noch an den Ort, noch an die Art und Weise erinnern, meine Verben sind dann ganz allein, sie sind zu Waisen geworden wie ich."

Mabanckous Held Petit Piment wird Rache üben für all Jene, die zwischen den Mühlen der Jahrhunderte langen ethnischen, politischen und wirtschaftlichen Diskriminierung im einstigen Königreich Kongo stets zu den Opfern gehörten – und er wird dabei zu allererst seine Freiheit verlieren. In diesem Sinne ist Petit Piment wie eines der verwaisten Wörter, die aus dem Zusammenhang gefallen sind und nach ihrer eigenen Bedeutung suchen. Bei Mabanckous Held heißt dieses Wort: leben. "Petit Piment" gehört zu den bisher stärksten Romanen von Alain Mabanckou, weil er sich die erzählerische Leichtigkeit bewahrt hat und zugleich eindringlicher als jemals zuvor die Bruchlinien postkolonialer Identitäten vorführt.

Alain Mabanckou: "Petit Piment"
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Liebeskind Verlag, München. 239 Seiten, 20 Euro.

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