Alleinerziehende
Zwischen Armut und fehlender Unterstützung

Alleinerziehende sind besonders häufig von Armut bedroht. Die geplante Reform des Unterhaltsvorschusses zeigt aus Sicht Betroffener einmal mehr, dass ihre Lebensrealität politisch nicht ausreichend gesehen wird.

    Eine Mutter spricht mit ihrer Tochter im Park
    Alleinerziehende - überwiegend Mütter - sind besonders häufig von Armut betroffen. (picture alliance / Westend61 / Inga Erhan)
    In jeder fünften Familie in Deutschland schultert mittlerweile ein Elternteil fast alles allein. Alleinerziehende sind überproportional armutsgefährdet, das heißt, sie verfügen über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens.
    Die Gründe dafür sind vielfältig: Ungleich verteilte Sorgearbeit, niedrige Löhne, begrenzte Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder und strukturelle Benachteiligung. Dass die Familienministerin jetzt beim Unterhaltsvorschuss sparen will, empfinden viele als eine weitere Benachteiligung.

    Inhalt

    Streit um Kürzungen: Unterhaltsvorschuss nur noch bis 16?

    Nur etwa die Hälfte der Kinder in alleinerziehenden Familien erhält nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2024 regelmäßig Unterhalt, und auch der liegt häufig unter dem Mindestunterhalt.
    Hier springt der Staat mit einer sogenannten Unterhaltsvorschusszahlung ein. Der Höchstsatz für Kinder zwischen 12 und 17 Jahren liegt bei knapp 400 Euro. Viel Geld, auf das Alleinziehende oft nicht einfach verzichten können.
    Dass Familienministerin Karin Prien diesen nun kürzen will, sorgt für Empörung, Aktuell können Alleinerziehende den Vorschuss ohne weitere zeitliche Begrenzung bis zum 18. Geburtstag der Kinder erhalten. Künftig soll er nur noch bis zum 16. Geburtstag gezahlt werden.
    Für die Journalistin Mareice Kaiser ist das nicht nachvollziehbar, denn „wenn Kinder ins Teenageralter kommen, dann geht das richtig los mit den Kosten: Klassenfahrten, Klamotten, Essen, der Bedarf steigt.“
    Die Künstlerin und Dozentin Delia Keller fordert, „dass der Unterhaltsvorschuss wie im zivilen Unterhaltsrecht auch bis zum Ende der ersten Ausbildung gezahlt wird.“
    Keller hat zudem mit einer Bundestagspetition auf die prekäre Situation vieler Alleinerziehender aufmerksam gemacht. Darin geht es um ein weiteres Problem im Zusammenhang mit dem Unterhaltsvorschuss: Er wird mit dem Kindergeld verrechnet – eine Regelung, von der etwa 830.000 Kinder in Deutschland betroffen sind.

    Strukturelle Armut: Warum alleinerziehende Mütter oft leer ausgehen

    Das Armutsrisiko von alleinerziehenden Haushalten ist etwa dreimal so hoch wie von Paar-Haushalten. Gründe sind oft Trennung oder Scheidung, sagt die Soziologin Michaela Kreyenfeld. In Deutschland wird Sorgetätigkeit nach wie vor Frauen zugeschrieben. Es sind daher meist die Mütter, die beruflich zurückstecken, wenn das Kind geboren wird.
    Auch beim zweiten Kind reduzieren meist die Mütter ihre Arbeitszeit, denn es reduziert der Elternteil, der weniger verdient, sagt die Journalistin Nathalie Klüver. Das sind in der Regel die Mütter, die aufgrund der Elternzeit oder Teilzeit beim ersten Kind bereits Karriere- und Einkommensverluste erfahren haben. Das rächt sich nach einer Trennung oder Scheidung, wenn nur noch ein kleines Einkommen bleibt.
    Laut der Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2024 sind alleinerziehende Mütter deutlich häufiger in Vollzeit erwerbstätig als solche in Paarfamilien – gut 41 Prozent im Vergleich zu gut 31 Prozent. Und doch reicht bei einigen das Geld nicht.

    Fehlende Unterstützung: Die täglichen Nöte Alleinerziehender

    Kindergeburtstag, neue Winterschuhe, Klassenfahrt – solche Kosten können viele Alleinerziehende oft nicht mal eben so bewältigen, sagt eine alleinerziehende Mutter mit zwei Minijobs.
    Muss das Auto in die Werkstatt oder zum TÜV, reißt es Löcher ins knappe Budget. Auch die Selbstfürsorge bleibt auf der Strecke. „Beim Friseur oder im Kino? War ich das letzte Mal vor zwei Jahren.“
    „Allein und erziehend. Das ist für viele die Situation, das Gefühl“, sagt Lina Tölle vom Verband Alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) und erklärt, dass viele Alleinerziehende von sozialer Isolation betroffen seien und händeringend nach Vernetzungsangeboten suchten.
    Ein regelmäßiger Stammtisch wie der vom VAMV Münster hat daher viel Zulauf. Neben diesem Ortsverband gibt es in NRW noch den Landesverband und den Bundesverband.
    Die erste Zeit nach der Trennung sei für viele Alleinerziehende existentiell, sagt Beraterin Doris Kölsch vom Zentrum für Alleinerziehende Eltern in Köln. Es gehe zunächst darum, die Krisensituation aufzufangen, wenn Alleinerziehende aus der Wohnung rausmüssten, kein Unterhalt gezahlt werde und Anträge gestellt werden müssten.
    „Da gibt es sehr viel Unsicherheit“. Nicht immer gebe es ein finanzielles Polster. „Dann ist eben die Verschuldungsthematik schon sehr schnell da."
    Hinzu komme die Wohnungssuche. Für Alleinerziehende sei das oft nahezu unmöglich, in einer Stadt wie etwa Köln eine bezahlbare Wohnung zu finden, sagt die Beraterin. Kein Einkommen vorweisen zu können oder auf staatliche Leistungen angewiesen zu sein, stoße bei Vermietern in der Regel nicht auf Begeisterung.

    Vereinbarkeit von Kind und Beruf ist nicht einfacher geworden

    Durch Personalmangel bei Erziehern und mehr Schließzeiten in den Kitas habe sich die Kinderbetreuung verschlechtert, sagt die Soziologin Michaela Kreyenberg. Auch der Ganztagsausbau ist trotz Rechtsanspruch noch nicht Realität.
    „Wir bräuchten eine viel zuverlässigere Kinderbetreuung“, sagt auch die Juristin Eva-Maria Vogt. Die Mutter von drei Kindern ist im Aufsichtsrat beim Verband Alleinerziehender Mütter und Väter.
    So verständlich Streiks von Kita-Personal seien, belasteten sie gerade Alleinerziehende. Diese hätten auch Betreuungsbedarf in Randzeiten. Doch gerade die Kita-Öffnungszeiten im ländlichen Raum seien mit einer Vollzeit-Stelle oder Schichtdienst oft nicht vereinbar.

    Familienfreundliche Arbeitszeit: Was Arbeitgeber tun können

    Arbeitgeber sind nicht verpflichtet, Rücksicht auf die Kinderbetreuung ihrer Mitarbeiter zu nehmen, das hat ein Urteil im Jahr 2023 noch einmal bestätigt. Dabei profitieren Arbeitgeber von flexibleren Arbeitszeitmodellen gerade in Branchen, wo Fachkräftemangel herrscht.
    Am Kölner Uniklinikum wurde ein fester Prozess für familienfreundliches Arbeiten etabliert, indem Mitarbeitende in der Pflege ihre Wünsche in einem Fragebogen mitteilen. Kann eine alleinerziehende Mitarbeiterin wegen fehlender Kinderbetreuung keine Nachtschichten und Spätdienste übernehmen, wird sie einem Mitarbeiterpool zugeordnet und auf verschiedenen Stationen als Springer eingesetzt.
    Denn neben der sicheren Patientenversorgung sei es oberste Priorität, top ausgebildete Mitarbeitende zu halten, sagt Pflegedienstleitung Martina Ostermann.

    Radiobeitrag: Claudia Hennen, Online-Text: Tina Hammesfahr, Weitere Quellen: Deutschlandradio