
In Deutschland kommen so wenige Kinder zur Welt wie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr: Rund 654.300 Kinder wurden 2025 geboren. Das sind laut Statistischem Bundesamt 3,4 Prozent weniger Neugeborene als im Vorjahr. Damit sank die Zahl das vierte Jahr in Folge und erreichte den niedrigsten Stand seit 1946.
Das hat Folgen für Wirtschaft, Wohlstand und Wahlergebnisse. Welche Stellschrauben hat die Politik, Menschen zum Kinderkriegen zu bewegen?
Krisen, Inflation, hohe Mieten: Ursachen für die niedrigen Geburtenzahlen?
Seit 2022 sinken die Geburtenzahlen deutlich. In Befragungen hat sich laut dem Soziologen Martin Bujard ein zentraler Grund herauskristallisiert: die multiplen Krisen. Zu Pandemie, Kriegen, Inflation und wirtschaftlichen Verwerfungen kommen die Polarisierung im politischen System und die Klimakrise. „Das sind alles Faktoren, die die Menschen sehr stark verunsichern“, sagt Bujard. „Und Unsicherheit ist Gift für die Familienplanung.“
Demzufolge werden nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, in den USA und Ostasien viel weniger Kinder geboren.

Deutschland liegt zwar mit rund 1,3 Kindern je Frau minimal über dem europäischen Durchschnitt, was Bujard auf frühere familienpolitische Reformen zurückführt, ohne die es noch weniger Kinder gäbe. Dennoch ist die Geburtenrate hierzulande bereits seit rund 50 Jahren relativ niedrig – mit teils unterschiedlichen Entwicklungen in Ost und West. Gründe sind unter anderem die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie hohe Wohnkosten.
Es könnten auch überhöhte gesellschaftliche Erwartungen an Eltern eine Rolle spielen. Verlässliche Untersuchungen gibt es dazu aber noch nicht, sagt die Soziologin Anne Gauthier.
Dass sich mehr Menschen bewusst gegen Kinder entscheiden – aktuell etwa 15 Prozent – hält Martin Bujard hingegen für ein überbewertetes Phänomen. In Studien geben sie persönliche Freiheiten an, die sie nicht aufgeben wollen, und mitunter auch gesundheitliche Gründe. Manche Menschen können sich auch ihren Kinderwunsch nicht erfüllen.
Sozialsystem in Schieflage: die Folgen der sinkenden Geburtenrate?
Für eine stabile Bevölkerungsentwicklung wären 2,1 Kinder pro Frau erforderlich. Setzt sich die aktuelle Entwicklung über mehrere Jahre fort, wird die Kindergeneration um ein Drittel kleiner sein als die der Elterngeneration, warnt der Soziologe Martin Bujard, Forschungsdirektor am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.
Besonders gravierend sind die Folgen für den Generationenvertrag, auf dem die Sozialversicherungssysteme in Deutschland beruhen. Weil immer weniger junge Menschen einzahlen, geraten Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung weiter in Schieflage. Junge Menschen fehlen auf dem Arbeitsmarkt und als Steuerzahler. „Das ist hochproblematisch für den Wohlstand und die Sozialsysteme eines Landes“, betont Bujard. Die Bundesregierung steht deshalb unter Zugzwang, Reformen einzuleiten.
Die geringe Geburtenrate hat laut dem Soziologen weitere gesellschaftliche Folgen: Die Politik orientiere sich vor allem an den zahlenstarken Jahrgängen – derzeit insbesondere an den sogenannten Babyboomern. Sie hätten an der Wahlurne „die größte Macht“.
Kinderbetreuung und Kindergeld: Welche Stellschrauben hat die Politik?
Kinder- und Elterngeld helfen Familien. Doch mit reinen Geldleistungen kann man die Geburtenrate nicht erhöhen, betont der Soziologe Martin Bujard. Neben guter Wohnungspolitik nennt er zwei wirksame Faktoren:
Verlässliche Kinderbetreuung
Eine gute Qualität der Betreuung ist Eltern laut Studien wichtig. Der Ausbau der Kinderbetreuung in den 2010er-Jahren, vor allem in den westlichen Bundesländern, sei bereits ein „Gamechanger“ gewesen, so Bujard. Seither zählt Deutschland bei der Geburtenrate nicht mehr zu den Schlusslichtern in Europa, sondern liegt im Mittelfeld. Nun kommt es laut dem Soziologen darauf an, den Personalmangel zu bekämpfen und erst recht kein Personal abzubauen – auch damit bei wieder steigenden Kinderzahlen keine Engpässe entstehen.
Entzerrung der „Rushhour des Lebens“
Wenn Frauen Familie und Beruf gut vereinbaren können, bekommen sie mehr Kinder. Das zeigt eine OECD-Studie. Bei Eltern kleiner Kinder liegt die Gesamtarbeitszeit laut Erhebungen jedoch bei rund 65 Stunden pro Woche, so Bujard. Dabei werden Erwerbsarbeit, Haus- und Carearbeit zusammengerechnet. Diese Belastung müsse entzerrt werden.
Da Teilzeit aber Geldeinbußen bedeutet und Kinder gleichzeitig Kosten verursachen, könnte die Politik Familien auch nach der Elternzeit stärker unterstützen. Reduzieren beide ihre Arbeitszeit beispielsweise auf 80 Prozent, könnte der Staat dies mit Zuschüssen ausgleichen. Was nach Angaben Martin Bujards nicht funktioniert: die Forderung, Eltern müssten mehr Vollzeit arbeiten.
Bei der Geburtenrate könne es „jederzeit“ eine Trendwende geben, sagt Bujard unter Bezug auf die FReDA-Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung: Danach wollen junge Menschen Kinder haben – im Schnitt 2,1 bis 2,2. Sie schieben das nur auf.
Onlinetext: Beate Thomsen














