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Allergie gegen Protestler

München flaggt in diesen Tagen für Olympia 2018. Der Grund: Die Evaluierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat sich angekündigt, um den Bewerber unter die Lupe zu nehmen. Die bayrischen Olympia-Proteste könnten Folgen für das IOC-Urteil haben.

Von Jens Weinreich | 27.02.2011

Logo der Bewerbungsgesellschaft München 2018.
Logo der Bewerbungsgesellschaft München 2018. (Bewerbungsgesellschaft München 2018 GmbH)
Sport-Deutschland hyperventiliert. Da werden die Abgesandten einer der intransparentesten Nichtregierungsorganisationen der Welt, des IOC, wie Staatsgäste empfangen. Sie dinieren mit Kanzlerin und Ministern und einem Ministerpräsidenten. Da werden Jubelperser eingesetzt, da streuen Spin-Doktoren und PR-Agenten ihre Botschaften unters Volk. Da werden Journalisten zu deren Handlangern.

Im Kern aber geht es auch diesmal völlig intransparent zu. Denn die Öffentlichkeit erfährt nichts aus erster Hand, was hinter verschlossenen Türen diskutiert und verhandelt wird. Die Öffentlichkeit bleibt ausgeschlossen. Journalisten werden ferngehalten von den sogenannten IOC-Kommissaren. Dabei wäre es doch, da hier über Investitionen aus Steuermitteln in Milliardenhöhe verhandelt wird, die natürlichste Sache der Welt, wenn die Vorträge der Olympiabewerber und die Diskussionsrunden mit den IOC–Prüfern öffentlich wären. Das Gegenteil ist der Fall. Und das sagt eine Menge über die Usancen in dieser Branche.

Die Kernfrage rund um diese IOC-Visiten - ob nun in Annecy, Peyongchang oder München, den drei aktuellen Bewerbern für die Winterspiele 2018, lautet stets: Was sind die Berichte der Evaluierungskommission wert? Nach welchen Prinzipien werden Olympische Spiele tatsächlich vergeben? Etwa nach jenen siebzehn Kriterien, die in den Bewerbungsbüchern abgehandelt werden und die stets auch im Mittelpunkt der IOC–Besuche in den Bewerberstädten stehen?

Die Antwort darauf gefällt weder dem IOC noch den Olympiabewerbern, deren Kernarbeit sich auf Bewerbungsbücher mit hunderttausend technischen Details und eben jene IOC-Besuche konzentriert. Beides, die Erstellung der "Bid Books" und die Betreuung der IOC-Kommissare vor Ort, verschlingt den Löwenanteil der Bewerbungskosten, insgesamt also bei drei Bewerbern für die Winterspiele 2018 etliche Dutzend Millionen Euro.

Die Antwort auf die Frage, ob technische Kriterien den Ausschlag geben, lautet: nein. Nur selten. Die Berichte werden nicht einmal von allen IOC-Mitgliedern gelesen. Technische Kriterien sind eher Folklore. In der Regel wird im IOC politisch abgestimmt, sodass die Evaluierungsberichte zur Makulatur verkommen und sich die unterlegenen Olympiabewerber stets hintergangen fühlen müssen. Das ist keine Vermutung, kein Gerücht – das sind die historischen Fakten im Bewerber-Business seit Mitte der neunziger Jahre, seit derlei Berichte erstellt werden.

Ja, es gab einen Olympiabewerber, der im Prüfbericht bestens positioniert wurde und dann auch die Spiele erhielt: Das war Salt Lake City. Ausgerechnet Salt Lake City. Denn die Mormonen-Metropole hat sich ja nicht darauf verlassen, mit erstklassiger technischer Bewerbung die Winterspiele 2002 zu erhalten – nein, Salt Lake City hat an IOC-Mitglieder Millionen verteilt und damit für einen veritablen Bestechungsskandal gesorgt, der das IOC in Existenznöte brachte.

Zwei weitere Beispiele aus der jüngsten Zeit: Die Winterspiele 2014 gingen an jenen Bewerber, der die schlechtesten Voraussetzungen hatte, die schlechtesten Bewerbungsunterlagen vorlegte, der seither viele Versprechen nicht gehalten hat, etwa eine Investition von wahnwitzigen fünf Milliarden Dollar in die Basis des russischen Sports. Die Winterspiele 2014 gingen an Sotschi. Obgleich Salzburg die mit Abstand beste Bewerbung vorgelegt hatte. Auch die Koreaner aus Pyeongchang hatten viel mehr zu bieten als Versprechen. Und Österreichs Bundeskanzler Alfred Gusenbauer sprach danach von unlauterem Wettbewerb und rügte, dass die IOC-Regeln nicht ernst zu nehmen seien.

Das zweite Beispiel: Die Sommerspiele 2016 gingen an jenen Bewerber, der nach dem ersten IOC-Prüfbericht nur auf Rang fünf positioniert wurde. Die Sommerspiele 2016 gingen an Rio de Janeiro – und das war ebenfalls eine klare politische Entscheidung, zwar mit weniger Korruptionsgerüchten garniert als bei Sotschi, aber mit den real existierenden Gegebenheiten hatte das wenig zu tun. Es war eine Mischung aus schlechtem Gewissen und einem Versprechen. Das IOC hatte den südamerikanischen Kontinent sträflich vernachlässigt, noch nie fanden dort Olympische Spiele statt. Rio 2016 soll diesen Kontinent nun olympisch erschließen. Und jene, die unter halbwegs reellen Marktbedingungen ihre Bewerbungen offerierten – etwa Chicago und Tokio – hätten sich die Mühe sparen können.

Oder, noch zwei Beispiele aus einer verwandten Branche, in der etliche IOC-Mitglieder Bestechungsgelder kassieren – aus dem Fußball: Der Weltverband FIFA vergab Anfang Dezember unter skandalösen Umständen die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 an Russland und Katar. Auch diese Entscheidung konterkarierte die Berichte der hauseigenen Evaluierungskommission.

So geht es zu im olympischen Weltsport. Insofern kann man München eigentlich nur wünschen, dass diese Woche einiges daneben geht, und die Deutschen im Evaluierungsbericht, der Anfang Mai vorgelegt wird, nicht vorn landen.
Bestimmte Passagen aus diesen Berichten werden allerdings, wenn vielleicht nicht von allen IOC-Mitgliedern selbstständig gelesen, doch aber wahrgenommen von der Mehrzahl der Juroren: Denn das IOC-Völkchen reagiert immer dann allergisch, wenn sich in den Bewerber-Regionen Widerstand regt. Wenn das IOC sich nicht willkommen fühlt. Insofern könnten die geplanten Aktionen der bayerischen Olympiagegner beachtliche Wirkung hinterlassen und Münchens ohnehin geringe Olympia-Aussichten gegen Pyeongchang weiter schmälern.

In der Geschichte olympischer Städte-Wettbewerbe gab es einige neuralgische Momente, die lautstarken Proteste von Zehntausenden Bürgern einst in Amsterdam und Berlin wären zuvorderst zu nennen. Derlei Aktionen vergisst das IOC nicht. Diese Bewerber werden konsequent abgestraft. Andererseits hat es vor einigen Jahren auch in Vancouver Proteste gegeben – Olympiastadt wurde Vancouver dennoch.

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