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StartseiteEuropa heuteDie Brexit-Sorgen eines deutsch-schottischen Paares24.10.2019

Alltag in AberdeenDie Brexit-Sorgen eines deutsch-schottischen Paares

Klappt der Import von europäischen Medikamenten weiterhin? Gilt der EU-Führerschein noch? Viele praktische Fragen rund um den Brexit stellen sich all diejenigen, die zwischen Festland-Europa und Großbritannien hin- und herwandeln. So wie das deutsch-schottische Künstlerpaar Bibo und Brian Keeley.

Von Burkhard Birke

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Das Künstlerpaar Bibo und Brain Keeley vor einem Gemälde mit beiden in schottischer Tracht (Deutschlandradio / Burkhard Birke)
Das Künstlerpaar Bibo und Brain Keeley (Deutschlandradio / Burkhard Birke)
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"Ich habe so ein ganz großes Schild gemacht, so wie ein Sandwichboard, was man sich überhängen kann, und da steht drauf: Britons! Buy British Bananas! Was sich natürlich an Kurt Tucholskis 'Deutsche, kauft deutsche Zitronen' orientiert."

Briten – kauft britische Bananen: Signalwirkung gegen den Brexit erhofft sich damit die Künstlerin Bibo. Sie hing sich das Schild um, fuhr ganz an den Nordostzipfel Schottlands und ließ sich in der Nähe eines Leuchtturms fotografieren.

"Also es drückt mir wirklich auf die Seele – das Ganze. Es liegt mir im Magen dieses Brexit-Ungeheuer, was da eine ganze Zeit über uns schwebt."

Die aus Deutschland stammende Künstlerin Bibo Keeley bei ihrer Brexit-Kunstperformance in Duncansby Head. Sie hält ein Schild mit der Aufschrift "Britons - Buy British Bananas" in den Händen. (Brian Keeley)Die aus Deutschland stammende Künstlerin Bibo Keeley bei ihrer Brexit-Kunstperformance in Duncansby Head (Brian Keeley)

Sie ist Deutsche, er Schotte - eigentlich

Seit mehr als zehn Jahren lebt die hochgewachsene Bibo Keeley mit ihrem Partner Brian in Aberdeen, in einem kleinen gemütlichen Apartment im Erdgeschoss eines Reihenhauses.

Beide widmen sich seit einigen Jahren nur noch der Kunst. Sie ist Deutsche, er Schotte – eigentlich, denn ganz so einfach ist das mit den Nationalitäten nicht. Vor allem für die Zeit nach einem Brexit könnte ein zweiter Pass für die Reisefreiheit von Vorteil sein. Brian Keeley:

"Ich bin in Glasgow geboren und habe zwischen 2001 und 2009 in Dortmund gelebt, zusammen mit Bibo. Und ich habe eigentlich einen irischen Reisepass, weil mein Vater in Dublin geboren ist und mein britischer Reisepass abgelaufen ist. Also jetzt habe ich nur einen europäischen Reisepass."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Schottland und der Brexit - Risse im Königreich.

"Ich bin Deutsche. Ich bin inzwischen auch Britin, weil ich wegen des Brexits die schottische beziehungsweise die britische Nationalität angenommen habe. Aber wie ich jetzt gerade aus Versehen gesagt habe, die schottische, also ich sehe mich eher als Schottin als als Britin."

Brexit (AFP / Tolga Akmen) (AFP / Tolga Akmen)

"Alles wird komplizierter"

Vor allem sehen sich Bibo und Brian Keeley als Europäer. Einen Fernseher sucht man bei den Keeleys vergebens. Dennoch sind sie dank Radio und Internet auf dem Laufenden und haben für das Gerangel um den Brexit nur Kopfschütteln übrig:

"Ich hab das Gefühl, dass alles schwieriger und komplizierter und teurer und unsicherer wird", sagt Brian Keeley, "und ich verstehe überhaupt nicht, warum Leute das wollen."

Was sie am meisten beunruhigt ist die Unsicherheit. Es gibt kaum verlässliche Informationen darüber, wie ganz praktische Dinge im Falle eines Brexits geregelt werden.

Medikamente aus Europa

"Ich muss jeden Tag wichtige Medikamente einnehmen, weil vor sechs Jahren hatte ich eine Herztransplantation", erzählt Brian Keeley. "Und das ist ganz wichtig. Diese Medikamente, die sind alle importiert von Europa und wenn wir keinen Deal haben oder Schwierigkeiten an den Grenzen sind, dann könnte es sein theoretisch, dass diese Medikamente und andere Medikamente – es gibt viele Leute die Angst haben – das könnte ein Problem sein."

Auch wenn Brian in Deutschland Familie oder Freunde besuchen möchte. Würde er dann noch, wie derzeit, medizinisch versorgt werden? Er besitzt zwar einen irischen Pass, fällt aber unter die britische Gesundheitsversorgung. Viele praktische Fragen stellen sich all diejenigen, die zwischen Festlandeuropa und dem britischen Inselreich wandeln.

"Ich habe einen deutschen Führerschein, weil, als ich nach Deutschland gegangen bin, musste ich meinen alten britischen Führerschein austauschen. Seit 15 Jahren habe ich meinen Führerschein mit einem großen D und EU Flagge drauf. Ist dieser Führerschein immer noch gültig? Das weiß ich nicht!"

Brexit und Kunst

Tagtäglich beschäftigen solche praktischen Fragen rund um den Brexit Brian Keeley. Anders als seine Frau Bibo möchte er den Brexit aber nicht künstlerisch aufarbeiten:

"Mit Politik und Kunst, es gibt immer wenig echte Kunst. Es ist entweder pro oder dagegen und dann ist es Propaganda und dann ist es keine Kunst mehr. Und die Kunstqualität wird immer schlechter. Für mich kommt es nicht in Frage, Kunst über Brexit zu machen."

Seine künstlerische Energie wird Brian Keeley in den nächsten drei Jahren seinem Traum widmen: Nach seiner Herztransplantation wird er eine Doktorarbeit zum Thema Kunst und Transplantation an der Universität in Aberdeen schreiben. Dafür kann er auch eigene Werke einbringen.

"Vor drei Jahren habe ich ein Kunstwerk gemacht, das ist zwei auf zweieinhalb Meter. Das ist eine Collage mit einem MRT-Bild von Kopf bis Fuß in der Position des 'vitruvian man', das heißt 'vitruvian man' auf Englisch – das bekannte Stück von Leonardo da Vinci. Im Hintergrund habe ich all die Medikamente von einem Jahr zugeklebt."

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