Sonntag, 14. August 2022

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Amische und Aussteiger
"Romantisiert uns nicht!"

In der Stadt Unity im US-Bundesstaat Maine haben sich verschiedene Subkulturen angesiedelt: Konsumverweigerer, Biobauern, Hippies – und immer mehr Amish People. Die Glaubensgemeinschaft lebt einfach und gewinnt in den USA an Attraktivität. Die Amischen haben sich mit den übrigen Aussteigern in Unity arrangiert – trotz Meinungsverschiedenheiten.

Von Sonja Beeker | 30.06.2016

    Ein Straßenschild mit einer Kutsche.
    Der Ortseingang des Ortes Unity im US-Bundesstaat Maine: Die Glaubensgemeinschaft der Amishen verweigert Autos, Strom oder Computer (Deutschlandradio / Sonja Beeker)
    Matt: "How can I help you?"
    Kunde: "Hey, how are you doing today?"
    Matt: "Good. Good."
    Kunde: "How much is the smoked salami?"
    Matt: "It’s twelve dollars a pound."
    Matt Secich nimmt eine geräucherte Salami vom Fleischhaken und schneidet seinem Kunden ein Stück der handgefertigten Delikatesse zum Probieren ab.
    Kunde: "That’s good!"
    Matt ist Mitte 40. Er trägt einen langen schwarzen Bart, einen Strohhut und schlichte knopflose Kleidung. Vor einem Jahr hat er seinen amischen Feinkostladen im kleinen Ort Unity in Maine eröffnet. Er verkauft dort Käse und Fleischprodukte, die er selbst herstellt. Seine "Charcuterie" ist ein kleiner rustikaler Holzbau. Er soll an den Schwarzwald erinnern, sagt Matt, den er in seinem "alten" Leben bereist hat, als er noch Flugzeuge besteigen und Auto fahren durfte, bevor er den Amischen beigetreten ist. Das einzige, das ihm von der modernen Technologie geblieben ist: ein Festnetztelefon. Das lässt er jedoch meist klingeln, zu hektisch, erklärt er seinen Kunden, und stößt damit auf Unverständnis.
    Matt: "I’ll never gonna answer it."
    Kunde: "Oh. Alright. You never answer it."
    Matt: "No."
    Kunde: "Alright, I didn`t know."
    Die Amischen sind eine täuferisch-protestantische Glaubensgemeinschaft. Ihre Regeln: kein Smartphone, kein Computer, kein Strom. Die müssen beachtet werden. Sonst, so glauben sie, drohen Familien auseinanderzudriften. Elektrizität macht unabhängig. Ohne Strom und moderne Technologie hingegen ist das Leben nur mit Hilfe der Gemeinde zu bestreiten. Mit dem Verbot moderner Medien versuchen sie, das von den Amischen fern zu halten, was sie für schlechten Einfluss halten. Ihre Vorfahren sind Anfang des 18. Jahrhunderts aus Deutschland, dem Elsass und der Schweiz in die USA geflüchtet.
    Matt: "Wir haben ein Kühlhaus, in dem lagern 69 Tonnen Eis. Das hält den ganzen Sommer lang. Damit kühlen wir unser ganzes Fleisch. Wir haben hier nirgendwo Strom. Unsere Kühlschränke sind handgefertigt. Alle Produkte hier sind selbstgemacht, auf die gleiche Art und Weise, wie meine bayrische Großmutter sie gemacht hat, mit der ich als Kind viel Zeit verbracht hab."
    Das Eis gewinnen sie in Maines kaltem Winter und lagern es dann ein. Auch die Schneidemaschine und der Fleischwolf sind handbetrieben. Es ist nicht selbstverständlich, dass Matt sich überhaupt interviewen lässt. Die Amischen in Unity sind zwar weltoffener als die meisten der insgesamt fast 500 Gemeinden, die sich in den USA angesiedelt haben. Dennoch muss, bevor das Aufnahmegerät eingeschaltet werden darf, die Erlaubnis des Gemeindebischofs Kaleb eingeholt werden.
    Langsam, schweißtreibend, romantisch
    Kaleb wohnt auf dem Nachbarhof. Ich fahre mit meinem Motorrad rüber zu seiner Farm, ganz langsam, um die Kutschpferde nicht zu erschrecken. Kaleb kommt mir auf seinem Fahrrad entgegen. Er erlaubt mir die Interviews, aber nur, wenn ich ihm verspreche, die Amischen nicht zu verniedlichen oder zu romantisieren. Zurück in der Charcuterie hat sich Matts Frau Chrystal dazugesellt:
    "Warst Du das vorhin auf dem Motorrad, als wir in der Kutsche saßen? Wir wussten nicht, wie unser Pferd auf Motorräder reagieren würde."
    Echte Pferdestärke trifft auf moderne PS. Gelenkt hat die Kutsche ihr 10-jähriger Sohn. Das amische Leben hat eine andere Geschwindigkeit.
    Matt: "Unser Lebensstil ist langsam. Das ist gut fürs Herz und für die Seele. Es ist schön, mit der Kutsche ins Städtchen zu fahren. Du fährst so langsam, du kannst die Blumen beim Wachsen beobachten."
    Chrystal: "Uns ist ein Schmetterling gefolgt, und wir waren genauso schnell wie er. Unsere Tochter konnte ihn die ganze Zeit beobachten."
    Matt: "So was kann man doch mit Geld nicht bezahlen."
    Und als seien ihm Kalebs mahnende Worte eingefallen, schiebt Matt noch schnell hinterher, dass ihr Leben dennoch alles andere als romantisch sei:
    "Ich zerkleinere jede Woche drei- bis vierhundert Pfund Fleisch mit der Hand. Das ist sehr viel Arbeit und nicht romantisch."
    Das Geld und der Ruhm als Sternekoch in einem der weltbesten Restaurants machten Matt nicht glücklich. Er empfand eine Leere, die er nicht füllen konnte. Bis zu diesem einen Tag, sagt er:
    "Mein Leben fühlte sich sinnlos an. Ich bin zurück in meine Wohnung gegangen und auf die Knie gefallen. Seitdem bin ich religiös. Seit zehn Jahren. Und durch meinen Glauben hab ich meinen Weg zu den Amischen gefunden."
    Die junge Gemeinde wächst stetig. Matt und Crystal sind nicht die einzigen Englishmen, die den Amischen beigetreten sind. Englishmen – das sind jene Amischen, die kein Pennsylvaniadutch sprechen, den deutschen Dialekt mit pfälzischer Färbung.
    Amische treffen auf Aussteiger
    Seit der Eröffnung der Charcuterie hat sich um Matt Secich ein regelrechter Fanclub entwickelt. Der besteht vor allem aus jungen Studenten des Unity Colleges, das auch "Amerikas Umweltuniversität" genannt wird. Sie studieren Nachhaltigkeit – und die Amischen leben sie ihnen vor. Auch Unidirektor Joe Saltalamachia besucht den kleinen Laden regelmäßig.
    "Die Studenten interessieren sich sehr. Einige finden den Lebensstil der Amischen merkwürdig, was in dem Alter wohl normal ist. Dann gehen Gerüchte über ihre Religion um, aber ich sag immer: Besucht sie und fragt nach! Wenn du dir anguckst, wie die Amischen leben, was für eine geringe CO2-Bilanz sie haben, da können nur amerikanische Selbstversorger mithalten. Das können wir als Umweltuni nur unterstützen."
    Mitglieder einer Amish-Gemeinde gehen am 4.10.2006 über eine Wiese in Nickel Mines, Pennsylvania.
    Mitglieder einer Amish-Gemeinde in Pennsylvania. (picture-alliance / dpa / epa / Matthew Cavanaugh)
    Dennoch waren die Einwohner von Unity erstmal skeptisch, als die ersten amischen Familien vor Jahren in ihren Pferdekutschen ankamen und eine leerstehende Farm kauften. Uni-Direktor Joe Saltalamachia hingegen hat sich gefreut, sagt er. Denn seine größte Sorge war, dass die Bauernhöfe aus Unity verschwinden und Wohngebiete gebaut würden:
    "Ich erinnere mich an eine Fahrt mit meinem Großvater übers Land. Es hat nach Kuhmist gestunken. Ich war klein und hab gerufen "Iiiiieeee, Kuhmist". Und mein Großvater hat gesagt "Nix iiiieeee, das ist der Geruch von Geld. Und wenn Du keinen Kuhmist mehr riechst, dann haben wir ein Problem!"
    Die Bauernhöfe in Unity sind dank der Amischen geblieben. Und wenn Joe jetzt Kuhmist riecht, dann denkt er an die Worte seines Großvaters. Nur an die Pferdeäpfel, die seither überall herumliegen, kann und will Joe sich nicht gewöhnen:
    "I’m not a giant fan. When I see it I’m kind of like: ‘You have to clean up after your dog. Don’t you have to clean up after your horse?’"
    Aber sonst? Alles eitel Sonnenschein in Unity zwischen Hippie-Selbstversorgern, Umweltstudenten, Biobauern und den Amischen? Nicht ganz. Wenn einmal im Jahr beim Common Ground Fair, einer Art alternativem Festival für Biolandwirtschaft, ganz Unity zusammenkommt, dann fehlt eine Gruppe: Matt und seine amischen Glaubensbrüder und -Schwestern.
    "Wir haben hier auf der einen Seite eine strenggläubige, bibeltreue Gruppe - und das Festival auf der anderen Seite ist das komplette Gegenteil. Die sind so liberal, da ist alles erlaubt: Homosexualität, Drogen, Alkohol. Das freiheitliche Denken dort und die Unsittlichkeit sind keine gute Mischung für Menschen, die ins Gelobte Land möchten."