Angela Steidele: "In Männerkleidern"Sie oder er? Gender im 17. Jahrhundert

Was heute gesetzlich erlaubt ist, wurde vor 300 Jahren mit dem Tode bestraft. Catharina Margaretha Linck, die Protagonistin in Angela Steideles Roman "In Männerkleidern", wagt es, ein Leben als Mann zu führen - nach einer wahren Begebenheit.

Von Ursula März | 09.11.2021

Angela Steidele: "In Männerkleidern" Zu sehen sind die Autorin und das Buchcover, auf dem ein Kleidungsstück aus dem 18. Jahrhundert abgebildet ist.
Eine Frau in Hosen: Angela Steideles Roman "In Männerkleidern". (Cover: Suhrkamp Insel Verlag / Foto: dpa / Erwin Elsner)
Transgender, transsexuell, non-binär, divers, queer: All diese Begriffe gab es vor 300 Jahren selbstverständlich nicht, was sie bezeichnen aber durchaus. Die Geschichte der 1687 in Glaucha bei Halle geborenen Catharina Margaretha Linck, die sich als 15-Jährige Männerkleidung und den Männernamen Anastasius Lagrantinus Rosenstengel zulegte und als solcher eine Frau heiratete - diese geradezu phantastisch wirkende Geschichte ereignete sich im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert. Sie endete grausam. Catharina Linck, alias Anastasius Rosenstengel, kam 1720 in Halberstadt vor Gericht. Sie ist die letzte Frau, die in Europa wegen "Unzucht mit einem Weybe" zum Tode verurteilt wurde.
"Die Halberstädter begaben sich in großer Zahl zum Fischmarkt, wo nicht nur Rathaus und Richthaus lagen, sondern wo eigens eine sogenannte Enthauptungsbühne gebaut worden war. Eine öffentliche Hinrichtung galt als eine Veranstaltung, die man nicht verpassen durfte."

Die Gerichtsakten: Spannend wie die Erzählung selbst

Den 300. Jahrestag der Hinrichtung am 7. oder 8. November 1721 nimmt der Suhrkamp Verlag zum Anlass, die Monografie "In Männerkleidern" neu zu veröffentlichen, die 2004 im Böhlau Verlag zum ersten Mal erschien. Verfasst wurde sie von der Schriftstellerin Angela Steidele – aber das sagt in diesem Fall zu wenig. Denn Steideles Leistung besteht in einem mindestens so großen Teil in unermüdlicher historischer Forschung.
Wir wüssten nichts vom Lebenslauf des Anastasius Rosenstengel ohne Steideles jahrelange Recherchen in Archiven, Registern und Gerichtsakten. Vor allem letztere, die dem biografischen Bericht angefügt sind, lesen sich beinahe so atemberaubend wie dieser selbst. Denn der juristische Disput um die Angeklagte Catharina Linck – nach ihrer Verhaftung trug sie gezwungenermaßen wieder Frauenkleider – erlaubt einen tiefen Einblick in die sexual- und moralpolitische Geisteslage der Zeit - inklusive kurioser Fragestellungen, die sich auf das Hauptbeweismittel des Prozesses beziehen, Rosenstengels selbstgebauten Dildo, der ihn dank eines implantierten Rohres dazu befähigte, im Stehen zu urinieren. Nur so ist zu erklären, dass er fast sieben Jahre lang bei verschiedenen militärischen Truppen als Soldat diente.
"'Sie habe ein von Leder gemachtes ausgestopftes männliches Glied, woran ein Beutel von Schweine Blasen gemacht' und daran 'zwey ausgestopfte von Leder gemachte testiculi gehänget', gab Catharina Linck später in ihrem Gerichtsprozess zu Protokoll."

Der Verzicht auf psychologische Einfühlung ist für das Buch ein Gewinn

Glücklicherweise erspart Angela Steidele ihrem Text psychologische oder einfühlende Spekulationen über die Gefühlswelt von Anastasius Rosenstengel. Was sie nicht mit Fakten belegen kann, überlässt sie dem Rätselhaften, und die Fakten sind faszinierend genug. Sie zeigen, dass Rosenstengels Wandlungsfähigkeit nicht nur die geschlechtliche Identität betraf. Er, oder sie, übte die verschiedensten Berufe aus und gehörte nacheinander mehreren Religionsgemeinschaften an. Zunächst einer radikalpietistischen Sekte, für die Rosenstengel in jungen Jahren auch als Prophet durch die Lande zog, dann gemäßigteren Pietisten, schließlich den Protestanten und den Katholiken.
"Für ihn war diese Taufe die dritte seines Lebens, die er als pragmatischer Überlebenskünstler vermutlich unbeteiligt über sich ergehen ließ. Schon bei den Soldaten hatte er an katholischen Eucharistiefeiern teilgenommen; Treue zur lutherischen Konfession wäre ideologischer Luxus gewesen."

Heutige Begriffe prallen an der Vergangenheit ab

Unwillkürlich entsteht bei der Lektüre das Bild einer orlandohaften Figur, die einem Roman entsprungen sein könnte. Aber das ist Rosenstengel nicht. Ihre Geschichte hat sich real ereignet, und indem Angela Steidele darauf verzichtet, die Leerstellen dieser Geschichte literarisch auszuphantasieren, macht sie deren Ungeheuerlichkeit noch deutlicher. Woher nahm vor 300 Jahren ein Mensch die subversive Kraft, so zu leben, wie es das 21. Jahrhundert zumindest rechtlich erlaubt? Wir wissen es nicht.
Was war Rosenstengel? Transgender, transsexuell, non-binär, queer? Mit heutigen Begriffen lässt sich die Vergangenheit nicht ermessen. Auch davon erzählt "In Männerkleidern".
Angela Steidele: "In Männerkleidern"
Suhrkamp Verlag, Berlin.
326 Seiten. 24 Euro.