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StartseiteBüchermarktMäzenatentum und Missbrauch04.01.2021

Annet Mooij: "Das Jahrhundert der Gisèle"Mäzenatentum und Missbrauch

Die niederländische Künstlerin Gisèle van Waterschoot van der Gracht (1912-2013) versteckte in ihrer Amsterdamer Wohnung verfolgte Juden und finanzierte einen geheimen Kreis nach Stefan-George Manier. Ihre Biografie schließt auch eine Lücke in der Forschung um Missbrauch in dem Dichterzirkel.

Von Paul Stoop

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Buchcover: Annet Mooij: „Das Jahrhundert der Gisèle. Mythos und Wirklichkeit einer Künstlerin“ (Buchcover: Wallstein Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs / Deutschlandradio)
Annet Mooij beschreibt in ihrer Biografie über Gisèle van Waterschoot van der Gracht das bewegte Leben einer schillernden Künstlerpersönlichkeit des 20. Jahrhunderts (Buchcover: Wallstein Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs / Deutschlandradio)
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Gisèle van Waterschoot van der Gracht. So urholländisch der Name klingt, so untypisch war deren Trägerin für die niederländische Gesellschaft des 20. Jahrhunderts: Tochter österreichisch-niederländischer Eltern und zutiefst katholisch, waren ihre vertrautesten Sprachen Französisch, Englisch und Deutsch. Ihr Niederländisch war zu keinem Zeitpunkt ihres hundertjährigen Lebens geschliffen.

Ein Leben in Internaten

Die ersten Lebensjahrzehnte waren nomadisch und kosmopolitisch. Geboren wurde Gisèle 1912 in Den Haag. Der Beruf des Vaters, ein angesehener Geologe, führte die Familie in die USA. Emotional verbunden war sie auch mit der österreichischen Heimat der Mutter, einer Baronin von Hammer-Purgstall. Das einzige Mädchen unter den vier Kindern verbrachte Jahre in streng katholischen Internaten. Sie lebte den Glauben der Familie aufs innigste, entwickelte aber gleichzeitig rebellische Züge.

Talent zur Glasmalerei

Gisèle entschied sich für die Kunst, die sie unter anderem in Paris studierte. Unter der Ägide eines älteren Mentors, der auch ihre erste große Liebe wurde, war sie auf dem Weg, eine anerkannte Glasmalerin zu werden. Sie war Teil der Kunstszene in den Niederlanden, schloss Freundschaften und flirtete mit Literaten und Künstlern.

Annet Mooij, Psychologin mit ausgeprägtem Geschichtsinteresse, konnte für die Biografie der Künstlerin als erste deren reichhaltiges Archiv nutzen. Ihre Erzählung folgt der Chronologie, wobei in knappen Zwischenanalysen geschickt die Schichten dieser manchmal widersprüchlich wirkenden Persönlichkeit offengelegt werden: das Religiöse, das Eigensinnige, die Sehnsucht nach persönlicher Heimat, die Treue und Großzügigkeit.

Widerstand einer Unpolitischen

Dass die fast dreißigjährige Gisèle während der deutschen Besatzung Widerständlerin wurde, mochte zunächst überraschen. Denn das Weltgeschehen – Kriegsfolgen, Wirtschaftskrise, Faschismus und Kriegsbeginn – hatte sie nicht im Geringsten interessiert, stellt die Biografin fest:

"Sie war gar kein politisch denkender Mensch. Die Politik, Weltgeschehen, das ging wirklich an ihr vorbei."

Dennoch zögerte Gisèle keinen Moment, als die in den besetzten Niederlanden lebenden Juden von der Deportation bedroht wurden. Mit einem in Amsterdam lebenden nichtjüdischen Deutschen organisierte sie ein Versteck in ihrer eigenen Wohnung an der Herengracht:

"Erstens war die Überzeugung wichtig, dass sie Recht tun wollte, dass sie die Nazis bekämpfen wollte. Sie hat das nicht alleine gemacht. Sie ist vor dem Krieg dem Dichter Wolfgang Frommel begegnet, und das war eine sehr wichtige Begegnung für sie. Sie hat ihn und zwei jüdische Jungen, die zu seiner Gruppe gehörten, in ihr Haus eingeladen, dass sie da wohnen konnten. Und die zwei Jungen waren versteckt in dem Haus."

Wolfgang Frommel war ein charismatischer Mann: gebildet, ein großartiger Geschichtenerzähler und dreist-mutig bei dieser und weiteren Rettungsaktionen im Untergrund. Er war zugleich eine höchst problematische Figur. Er zog Jungen und junge Männer an, die regelmäßig an der Herengracht zu Gast waren. Es wurden Feste gefeiert, auf geheimbündische Art Männerfreundschaft zelebriert und Gedichte deklamiert, vor allem Stefan Georges Zyklus "Der Stern des Bundes". Wie ein Guru herrschte Frommel über die sozialen Beziehungen und sanktionierte unbotmäßiges Verhalten.

Deckname "Pilgerburg"

Der Kulturzirkel mit dem Tarnnamen "Castrum Peregrini", die Pilgerburg, war vollkommen abhängig von Gisèles Großzügigkeit. Die Teilnahme an den regelmäßigen Feiern blieb ihr aber verwehrt. Als Frau galt sie als nicht ebenbürtig, und ihre Leidenschaft, die bildende Kunst, rangierte im Castrum unterhalb der Dichtung. Es war eine tiefe Verletzung für die aufopferungsvolle Gastgeberin. Annet Mooij erklärt, wie Gisèle mit der offenkundigen Geringschätzung umging:

"Sie hat sich widerwillig damit abgefunden. Sie hatte ein Ideal vor Augen von einer ewigen, im Krieg verwurzelten Schicksalsverbundenheit, einer stabilen Familie, für immer zusammen, und alles, was nicht in das Idealbild passte, das verschwand auch aus ihrer Lebensgeschichte. Und das hat sie auch mit der Frauenfeindlichkeit gemacht, die sie von Anfang an erfuhr."

Diese Verdrängung mittels Idealisierung des Positiven betraf nicht zuletzt die dunkle Seite der Castrum-Geschichte: Wolfgang Frommels Übergriffigkeit und missbräuchliches Verhalten gegenüber Jüngeren. Die Ideologie des "pädagogischen Eros" und des Heranführens musisch veranlagter Jünglinge an Bildung und Kultur durch ältere Mentoren war letztlich der Deckmantel für sektenhaft-ausbeuterische Zustände. Annet Mooij:

"Päderastie war ein Teil seiner Erziehung gewesen, und ja, manchmal waren die Jungen noch ganz jung. Das ist eine Form sexuellen Missbrauchs gewesen."

Dass sich auch nach der Besatzung die Verschleierung der Gewaltverhältnisse fortsetzte, lag auch am Nimbus, den Frommel und Gisèle zu Recht genossen. Die beiden an der Herengracht untergetauchten jungen Männer überlebten die Verfolgung ebenso wie einige andere, für die sie Verstecke organisiert hatten. Für ihre Rettungstaten wurden Frommel und Gisèle später von Yad Vaschem als "Gerechte unter den Völkern" geehrt.

Arbeit für ein Männergruppe

Gisèle blieb trotz persönlicher Verletzungen eine treue Mäzenin der Gruppe und der Nachkriegs-Stiftung, die sich publizistisch der Dichtung und der Geschichte des Castrums widmete. Einmal nahm sie sogar einen Brotjob an, um der Gruppe, die sich in den Sphären der Poesie aufhielt, den Unterhalt zu sichern.

Zentral für ihr Leben wurde aber zunehmend die Kunst. Gisèle war talentiert, manche ihrer Kirchenfenster sind bis heute zu sehen. Ihre Porträts, von denen viele in diesem Band abgebildet sind, zeigen unterschiedliche Einflüsse, etwa die von Max Beckmann, den sie in Amsterdam über Wolfgang Frommel kennenlernte. Sie blieb aber eine Solistin, die sich von den abstrakten Strömungen fernhielt und sich keiner der Ton angebenden Künstlergruppen anschloss. Den großen Durchbruch hat sie nicht geschafft.

Ein Leben wie im Märchen

Trotz der harten Konfrontation mit Machtpolitik und Gewalt während der Besatzung blendete Gisèle nach dem Krieg die reale Welt wieder weitgehend aus. So wie Frommel für sie ein faszinierender Zauberer war, so gestaltete sie ihr eigenes Leben als ein Märchen, in dem nur Kunst, Dichtung und Freundschaft zählten, wie ihre Biografin berichtet:

"Zeitungen las sie nicht, Radio und das Fernsehen, das interessierte sie so gut wie gar nicht. Von ihrem Wahlrecht machte sie nie Gebrauch, und sie war auch noch ein bisschen stolz darauf."

"Das Jahrhundert der Gisèle" ist ein sorgfältig recherchiertes und klug reflektierendes Buch, das durch die schillernde Protagonistin und die Vielschichtigkeit der ungewöhnlichen deutschen Kulturinsel in Amsterdam auch für Leser gewinnbringend ist, die mit den Niederlanden weniger vertraut sind. Die Biografie schließt zudem eine Lücke in der Forschung über Stefan George und die Folgen, die Ulrich Raulff in seinem 2009 erschienenen Buch "Kreis ohne Meister" zu seinem Bedauern lassen musste, weil er noch keinen Zugang zum Amsterdamer Castrum-Archiv hatte.

Nach Stefan George

Annet Mooijs Buch gab den entscheidenden Anstoß zu einer Neubewertung des Castrum Peregrini und zum Ende der Stiftung in der alten Form. Vor zwei Jahren gründete sich eine Stiftung neu unter dem Namen H401, abgeleitet von der Adresse an der Herengracht. Heute ist es ein offenes Kulturzentrum mit Debatten, Vorträgen und einem internationalen Gastprogramm. Gisèle starb 2013, das von ihr vererbte Vermögen ermöglichte die postume Neugründung. Damit endete auch endgültig das Amsterdamer Nachleben von Stefan George.

Annet Mooij: "Das Jahrhundert der Gisèle. Mythos und Wirklichkeit einer Künstlerin"
aus dem Niederländischen von Gerd Busse
Wallstein Verlag, Göttingen und Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main. 476 Seiten, 34 Euro.

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