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Antike Stadt PalmyraAngst vor der Zerstörung eines Kulturerbes

Die weltberühmte Stadt Palmyra zählt zu den wichtigsten Zeugnissen antiker Baukunst. Seit 1980 gehört die ehemalige Handelsmetropole in der syrischen Wüste zum UNESCO-Weltkulturerbe. Jetzt stehen IS-Terroristen einen Kilometer vor der Stadt. Beobachter fürchten, dass die Extremisten das Kulturerbe zerstören könnten - ähnlich wie die irakischen Kulturstätten Nimrud und Hatra.

Von Anne Allmeling | 16.05.2015

Ein Tourist steht im November 2011 vor Ruinen in der antiken Stadt Palmyra in Syrien, die einst ein Handelszentrum zwischen Ost und West war Die Ruinen des UNESCO-Weltkulturerbes erstrecken sich über sechs Quadratkilometer.
Ein Tourist steht im November 2011 vor Ruinen in der antiken Stadt Palmyra in Syrien. (Imago / Xinhua / Yin Bogu)
Imposante Säulen, ausladende Straßen, riesige Ruinen - die antike Oasenstadt Palmyra in Syrien gehört zu den berühmtesten Zeugnissen römischer Baukunst. Jahrzehnte lang war sie Anziehungspunkt für Tausende Touristen. Doch seit dem Beginn des Bürgerkriegs kommen keine Besucher mehr. Die Reise nach Syrien ist lebensgefährlich - und Palmyra, die ehemalige Handelsmetropole mitten in der Wüste, bleibt sich selbst überlassen. Bislang wurde sie von Truppen des syrischen Regimes kontrolliert. Doch jetzt haben sich Anhänger des selbst ernannten "Islamischen Staat" bis einen Kilometer vor die Kulturstätte gekämpft. Nicht nur in Syrien wächst die Sorge, dass die Extremisten das UNESCO-Weltkulturerbe zerstören könnten. Experten aus aller Welt befürchten, dass der IS die noch erhaltenen Tempelreste, Säulenstraßen und Bogentore dem Erdboden gleichmachen könnten - wie Deborah Lehr von Antiquities Coalition, einer amerikanischen Nichtregierungsorganisation, die sich für den Schutz von bedrohtem Kulturgut einsetzt: "Wir glauben, dass der Islamische Staat die Vernichtung und Plünderung von Kulturstätten als Mittel zur Einschüchterung nutzt - und sich dadurch auch finanziert. Und wir hoffen, dass wir die Regierungen in der Region zusammenbringen können, damit klar wird, dass das kein Problem eines einzelnen Landes ist. Sie sollten gemeinsam Stärke zeigen im Kampf gegen das, was wir organisiertes Verbrechen, kulturelles Gangstertum nennen."
Handel mit Kulturgütern bringt Milliarden
Palmyra wäre nicht die erste Kulturstätte, auf die es die Extremisten abgesehen haben. Im benachbarten Irak haben IS-Anhänger bereits an vielen historischen Orten gewütet: zum Beispiel in Nimrud, einer antiken Stadt aus dem 13. Jahrhundert vor Christus. Von der Stätte am Ufer des Tigris dürfte kaum noch etwas erhalten sein. Ein Video im Internet zeigt, wie sie in die Luft gesprengt wird. Auch im Museum in der nordirakischen Stadt Mossul haben die IS-Kämpfer zertrümmert, was ihnen in die Hände geriet - und sich bei ihrem Feldzug gefilmt. Ein bärtiger Mann begründet sein brutales Vorgehen: "Diese Statuen sind die Idole vergangener Jahrhunderte. Sie wurden anstelle Gottes angebetet. Und die, die Assyrer, Arkadier oder anders genannt wurden, hatten eine Regen-Göttin und einen Gott der Pflanzen und des Krieges, und sie haben nicht an (den einen) Gott geglaubt. (…) Der Prophet hat uns befohlen, diese Statuen und Überreste loszuwerden, und seine Gefolgsleute haben dasselbe getan, als sie nach ihm Länder eroberten."
Was die Terroristen nicht zerstören, verkaufen sie. Mittelsmänner schmuggeln die gestohlenen Antiquitäten über die Grenze, in den Libanon zum Beispiel oder in die angrenzende Türkei. Für jedes alte Stück, das seinen Besitzer wechsele, erhebe der Islamische Staat bis zu 20 Prozent Steuern, heißt es in einem Bericht der BBC. Von den Nachbarländern aus werden die Kostbarkeiten weiterverkauft, oft nach Europa. Der Schaden sei enorm, sagt der irakische Minister für Tourismus und Altertümer, Adel Fahd Al-Schirschab: "Bei der Plünderung von antiken Stätten durch Terrorgruppen hat der Irak einen sehr hohen Preis bezahlt. Der Handel mit den Kulturgütern brachte den Terrorgruppen bislang etwa sechs Milliarden Dollar ein."
Dass der Islamische Staat mit Antiquitätenhandel Millionen verdient und so seinen Terror finanziert, ist aber nur ein Teil des Problems. Ähnlich schwer wiegt die Tatsache, dass seit Beginn des Bürgerkriegs große Teile des irakischen und syrischen Kulturerbes unwiederbringlich zerstört wurden. In Palmyra steht eine Architektur auf dem Spiel, in der griechisch-römische und orientalische Elemente verschmelzen. Mit jeder Statue, jedem Stein, den IS-Anhänger zertrümmern, geht ein Teil jener Kultur verloren, die für die Syrer Jahrzehnte lang eine gemeinsame Basis war.