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StartseiteInterview"Frankreich sitzt auf einem Pulverfass"24.07.2014

Antisemitismus"Frankreich sitzt auf einem Pulverfass"

Die Ausschreitungen in Frankreich seien ganz offenbar antisemitisch, sagte die Schriftstellerin Gila Lustiger im DLF. Kritik an der Politik Israels sei zwar nicht immer gleich Judenfeindlichkeit, aber ein Anlass für Antisemiten, um ihre feindlichen Gefühle gegenüber Juden zu legitimieren.

Gila Lustiger im Gespräch mit Thielko Grieß

Die Schriftstellerin Gila Lustiger (dpa / Jörg Carstensen)
Der Antisemitismus sei in Frankreich tief verankert, sagte die Schriftstellerin Gila Lustiger. (dpa / Jörg Carstensen)
Weiterführende Information

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Frankreichs Gesellschaft habe viele Schichten und viel Emigration, eine große Anzahl von Juden und Muslimen. Deswegen sitze man auf einem "Pulverfass". In der Grande Nation sei Antisemitismus tief verankert und auch lange nicht aufgearbeitet worden, meint Gila Lustiger.

Zwar seien nicht alle Israel-Gegner Antisemiten, aber die Antisemiten seien heute alle Israel-Gegner, so Lustiger. Bei den Ausschreitungen, die in Paris und in den französischen Vororten stattfinden, handele es sich nicht um Israel-, sondern das ganz offensichtlich um Judenfeindschaft, sagte die in Frankreich lebende Schriftstellerin Lustiger im Deutschlandfunk.


Das Interview in voller Länge:

Thielko Grieß: Der Bundespräsident, Joachim Gauck, hat sich gestern eindeutig gegen antijüdische Parolen gestellt, die zuletzt bei Demonstrationen in Berlin und andernorts in Deutschland zu hören waren. Auslöser ist der Konflikt um den Gazastreifen. Ähnlich in Frankreich, mit dem Unterschied, dass die Ausschreitungen in zwei Vororten von Paris am vergangenen Wochenende sehr viel heftiger waren. Dort ist etwa ein Geschäft, in dem koschere Lebensmittel verkauft wurden, in Brand gesteckt worden. Den Ursachen dieser Ausschreitungen und den Zusammenhängen, denen wollen wir jetzt etwas genauer auf den Grund gehen, und dazu begrüße ich am Telefon Gila Lustiger, Schriftstellerin mit Wohnsitz in Paris. Anfang des nächsten Jahres erscheint ihr Buch mit dem Titel "Die Schuld der anderen", ein Roman im Berlin Verlag, der französischen Verhältnissen nachgeht und an die gegenwärtige französische Politik und ihre Krise anknüpft. Guten Morgen, Frau Lustiger.

Gila Lustiger: Guten Morgen!

Grieß: Halten Sie die Ausschreitungen, von denen wir gehört und gelesen haben, in Frankreich für antisemitisch oder antiisraelisch, oder für etwas ganz anderes?

Lustiger: Ich halte sie ganz offenbar für antisemitisch. Ich möchte davor aber sagen, dass Kritik an der Politik Israels nicht immer gleich Antisemitismus ist. Aber die Antisemiten heute nehmen sich diese israelische Politik der israelischen Regierung zum Anlass, um ihre feindlichen Gefühle gegenüber Juden zu legitimieren. Das heißt, nicht alle Israel-Gegner sind Antisemiten, aber alle Antisemiten heute sind Israel-Gegner.

Was in Frankreich passiert, in den Vororten und in Paris vor allen Dingen, mit den Synagogen, die mit Molotowcocktails angegriffen werden, mit den Parolen "Tod der Juden", die gebrüllt werden, mit den Straßenschlachten vor den Synagogen, das ist keine Israel-Feindschaft. Das ist ganz offensichtlich Judenfeindschaft.

Grieß: Das machen Sie an den Parolen fest?

Lustiger: An den Parolen und an den Ausschreitungen. Ich meine, wenn ein koscher Lebensmittelladen angegriffen und abgebrannt wird, weil er koschere Lebensmittel führt, dann ist das keine Israel-Feindschaft. Dann werden hier Juden angegriffen, französische Juden, ganz klar.

Lustiger: Es geht um eine identitäre Revolution

Grieß: Welche Ursachen haben diese Ausschreitungen, hat dieser, wenn man Ihnen folgt, Antisemitismus?

Lustiger: Das ist sehr, sehr komplex. Vor allen Dingen muss man mal gucken, wer diese Leute sind, die hier Antisemiten sind. Das sind meistens junge Muslime oder mit Migrationshintergrund aus den Vororten, und man muss sich ...

Grieß: Woher stammend, Frau Lustiger?

Lustiger: Aus Nord- und Schwarzafrika. Das sind die Kinder von den Arbeitern, die in den 70ern als billige Arbeitskräfte nach Frankreich geholt wurden. Und was sie hier haben ist eigentlich eher, würde ich sagen, eine identitäre Krise. Man kann wirklich sagen, dass sie weniger Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben. Man könnte ökonomische und soziale Erklärungen heranziehen. Aber für mich geht es hier um eine ganz klare identitäre Revolution.

"Der radikale Islam ist gar keine französische Sache, der kommt aus dem Ausland"

Grieß: Und damit erklärt sich tatsächlich der Gewaltausbruch?

Lustiger: Ja, absolut! Man muss sich eigentlich mal vorstellen, wo die herkommen. Die hatten Väter, die haben immer noch Väter, deren Islam anpassungsfähig ist, die als Lohnarbeiter gearbeitet haben in Frankreich - das ist ihr kulturelles Erbe praktisch -, die von der französischen Zivilgesellschaft ignoriert wurden, nicht geächtet, aber auch nicht gesehen, und die Kinder dieser Väter haben diesen Blick auf ihre Väter verinnerlicht und, ich würde nicht sagen, verachten ihre Väter, aber diese Väter sind keine Modelle für sie. In dieses No Man's Land, in dieses emotionale No Man's Land kam dann der radikale Islam herein, den sie vom Ausland importiert haben. Der radikale Islam ist gar keine französische Sache, der kommt aus dem Ausland. Es sind ein paar Länder, ich bin da kein Spezialist, aber die das importieren, und die machen das ganz klar, dass es politisiert und militarisiert. Die machen das, damit diese Kinder, diese Muslime aus den Vororten, nicht zu narzisstischen kleinen Franzosen entarten. Darum geht es.

Diese junge Generation, da geht es eigentlich gar nicht um gescheiterte Integrationen. Was diese junge Generation ausmacht, ist die Verweigerung der Integration. Das ist die Basis ihrer Identität. Die wollen gar nicht integriert werden.

Grieß: Was bleibt zu tun?

Lustiger: Das ist ein wirklich großes Problem. Wenn Sie sich überlegen, dass Frankreich vor allen Dingen eine Gesellschaft ist, die viele Schichten hat, viele Emigrationen, und eine große Anzahl von Juden und auch Muslimen. Sie sitzen hier auf einem Pulverfass, ganz klar.

Lustiger: Regierung habe das Kind beim Namen genannt

Grieß: Ist die Antwort der Regierung hinreichend, um zumindest die Lunte am Pulverfass auszulöschen?

Lustiger: Absolut.

Grieß: Das heißt, Sie sind mit den Antworten aus der französischen Regierung zufrieden?

Lustiger: Absolut. Ja, ja, ja. Was ich vor allen Dingen wichtig fand, dass das Kind beim Namen genannt wurde. Der französische Innenminister hat sofort gesagt, dass es sich um Antisemitismus handelt und dass der nicht geduldet wird, keine Art von Rassismus in Frankreich. 14 Leute wurden festgenommen, die Demonstrationen wurden verboten, was ich auch für sehr gut halte. Absolut! Die Frage ist nur, wie geht man mit diesen jungen Extremisten um. Davon gibt es 900 in Frankreich, die auch nach Syrien fahren. Das sind Dschihadisten, die nach Syrien fahren, um für den Islam zu kämpfen. Ich glaube, dieser neue Typus im Extremfall, der wird von zum Beispiel jemandem wie Mera verkörpert. Was macht man mit denen? Die sind unwahrscheinlich schwer auszumachen, die hängen von keiner übergeordneten Struktur ab und sie verbreiten sich eigentlich übers Netz, übers Internet.

"Der Antisemitismus in Frankreich ist tief verankert"

Grieß: Frau Lustiger, sprechen wir noch einmal über die französische Durchschnittsgesellschaft. Die Europawahlen sind noch nicht so lange her und da gab es doch in verschiedenen Regionen einen großen, einen doch unerwarteten, aber einen Erdrutschsieg für den Front National, die zumindest sehr rechtskonservativ stehen im Parteienspektrum in Frankreich. Deshalb nun die Frage: Haben Sie den Eindruck, dass antisemitische Tendenzen in die Durchschnittsgesellschaft auch schon längst eingesickert sind?

Lustiger: Ja, auf jeden Fall. Ja! Und dabei geht es eigentlich gar nicht ... Man muss sich überlegen, was die Juden hier verkörpern. Die Juden verkörpern für die Muslime ... Die beziehen sich auf die Juden, die aus dem Maghreb eingezogen sind, zur fast gleichen Zeit wie sie, die aber Erfolgsgeschichten zu verzeichnen haben, das heißt die integriert sind, die liberale Berufe ausüben. Das ist so eine Art Spiegel für sie, den sie sich vorhalten. Dieser Antisemitismus ist ein vor allen Dingen auch sozialer Antisemitismus. Aber der Antisemitismus in Frankreich ist tief verankert und wurde auch nie aufgearbeitet. Das ist eine lange Tradition.

Grieß: Die Schriftstellerin Gila Lustiger heute Morgen bei uns im Deutschlandfunk aus Paris. Danke schön für das Gespräch, Frau Lustiger.

Lustiger: Ja, vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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